Jetzt neu: Eine Sammlung von Sagen aus dem Oderbruch!

Die goldene Hirschkuh

Einst lief auf dem Oderdamm bei Kienitz eine goldene Hirschkuh und als dies die Bauern bemerkten, machten sie sich eilig hinterher, holten sie bald nach Neuendorf hin ein und hielten sie fest. Als man aber das kostbare Tier nach Kienitz zurückbringen wollte, sträubte es sich so sehr, so dass einer sagte, man solle es doch mit einem Strick binden und es dann nach Hause tragen. Der Rat leuchtete allen ein, als man jedoch nach dem Strick suchte, hatte niemand einen bei sich.

Man ratschlagte nun hin und her, wie man am leichtesten zu dem Strick kommen könnte, vergass indessen dabei die Hirschkuh festzuhalten und sie entschlüpfte den erstaunten Bauern.

Mißgestimmt kam die Gesellschaft in Kienitz an. Der Schulze aber, als der Klügste im Dorfe, schickte des anderen Tages deb Knüppel ( ein Stock an dem sich ein Zettel befindet) mit dem Befehl des Dorfschulzen herum, die Gemeinde möge sich im Schulzenamt versammeln.

Hier hielt er eine harte Strafpredigt, dass man das Glück des Dorfes verscherzt hätte und endigte seine Rede damot: Jeder Bauer, Fischer oder sonstiger Eigentümer von Kienitz hat von heute ab stets einen Strick um den Leib zu traben, damit dieser im Fall der Not sogleich bei der Hand ist und übrigens sind ein Strick und Käsebrot zwei Dinge die jeder Kienitzer bei sich führen muss, denn damit kommt er durch die ganze Welt. Seit dieser Zeit heißen die Kienitzer im ganzen Oderbruch die Strickbauern.

 

* aus Sagen und Geschichten aus dem Bezirk Frankfurt(Oder)

Das Kind und die Schlange

Als noch das Oderbruch überall mit Wasserlachen und Gesträuchen aller Art angefüllt war, gab es hier Schlangen. Man hielt diese Tiere für heilig und verehrte sie. Später hörte diese Schlangenverehrung zwar auf, allein da die Schlangen keinen Schaden taten, so wurde ihnen auch nicht nachgestellt und die Tiere waren sehr dreist.

Man erzählte sich davon folgende Geschichte:

Der ehemalige Besitzer des Metzdorfschen Hauses in Altreetz ging mit seiner Frau seiner Beschäftigung nach und ein kleines Kind, das gewöhnlich noch schlief, wenn sich die Eltern entfernten, blieb zu Hause zurück. Man stellte ihm eine Milchsuppe vor das Bett, die es beim erwachen essen sollte.

Wollte nun das Kind seine Suppe essen, so war es regelmäßig bei dem Napfe eine Schlange gewesen und hatte die Milch abgefressen. Daher magerte das Kind mehr und mehr ab und gab auf Befragen an, dass ein glattes Tier das sich auf dem Bauche winde, zu wiederholten Male erschienen sei und die Milch vom Napf geleckt habe.

Die Eltern des Kindes passten auf und siehe da, hinter dem Ofen kam eine wohlgenährte Schlange hervor, kroch an den Napf und fing an zu fressen. Das Kind erwachte, nahm den Löffel und schlug der Schlange mit den Worten auf den Kopf: " Käte, fit ock Bocken ( Kröte, friss auch Brocken).

Man tötete die Schlange, doch bald darauf starb auch das Kind und die Leute sagten, die Schlange hätte das Kind nach sich gezogen.

 

* aus Sagen und Geschichten aus dem Bezirk Frankfurt (Oder)

Die Unnererdschken ( Unterirdischen)

Im Montag'schen Hause in Altreetz trug sich in früheren Zeiten folgendes zu:

An dem Heiligen Abend eines Weihnachtsfestes waren alle Hausbewohner, außer der Hausfrau, die im Wochenbett lag, nach der Kirche gegangen. Plötzlich vernahm die Frau von ihrem Himmelbette aus ein summendes und zischendes Geräusch und die Gardinen zurückziehend und die Gardinen zurückziehend, sieht sie zwischen Ofen und Wand viele kleine Gestalten, die sich anschickten, Stühle an den Tisch zu rücken, diesen zu decken und kupferne Schüsseln, reichlich gefüllt, zinnerne Krüge und Löffel aufzutragen.

Hierauf erschienen hinter dem Ofen her zwanzig bis dreißig Personen paaweise, als ob irgend ein Fest gefeiert werden sollte, hielten einen Umzug und begannen dann das Mahl. Man hatte zwar kein Licht auf die Tafel gestellt, doch war das Zimmer so erhellt, dass man jeden Gegenstand deutlich erkennen konnte und es schien, als ob die Helle den Geräten entströmte.

Die Wöchnerin sah dieses alles mit pochendem Herzen an, denn sie wußte wohl, was man sich von den verschwundenen Kindern, besonders Säuglingen, erzählte, die von Unnerdschken geraubt sein sollten. Ein Raub ihres Säuglings erschien ihr um so unvermeidlicher, als das Kind eben jetzt zu schreien anfing. Die Unnerdschken horchten auf, berieten sich und schienen zu zanken, wahrscheinlich weil eine Partei das Kind entführen, die andere es der Mutter belassen wollte. Endlich beruhigten sie sich wieder und speisten weiter.

Inzwischen war eine geraume Zeit verflossen, so dass die Kirchgänger zurückkehrten.

Die Zwerge vernahmen ihre Annäherung und dachten an den Rückzug. Einige aber eilten an das Himmelbett und wollten die Gardinen auseinanderziehen, um das Kind zu rauben und mitzunehmen, während die anderen die Gerätschaften der Tafel einpackten. Die Frau aber hielt die Gardinen fest zusammen. Endlich waren alle Unnerdschken hinter dem Ofen verschwunden. Nur einige leere Schüsseln hatten sie in der Eile stehen lassen, die man viele Jahre lang in dem Hause aufbewahrte. Zu Anfang des 19.Jahrhunderts ließen die Hausbewohner eine Ofentür daraus machen, die noch jetzt in dem Montagschen Haus vorhanden ist.

Während es vor dem Erscheinen der Unnerdschken in dem Hause nur ärmlich zuging, kehrte jetzt die Wohlhabenheit ein, die man allgemein den Zwergen zuschrieb.

 

* aus Sagen und Geschichten aus dem Bezirk Frankfurt (Oder)

Rotmützeken

In dem uralten ehemaligen Fischerdorf Reetz im Oderbruch, lebte einst ein Knecht, der bei einem Fischer in Diensten stand und zu einem einfachen Kittel immer eine rote Mütze trug, weshalb er bei Alt und Jung "Rotmützeken" genannt wurde. Das war ein sonderbarer Kauz, von dem es hieß, er halte es mit Geistern und Gespenstern und treibe mit ihnen des Sonntags, wenn die Dorfleute in der Kirche waren, auf den Heuböden allerlei Kurzweil.

An einem Sonntag nach Weihnachten war es wieder so und es entstand ein großes Lärmen und Toben zwischen dem Fischerknecht und seinen unheimlichen Gästen. Schließlich gab es einen furchtbaren Knall, gerade in dem Augenblick als der Geistliche seine Predigt beendet hatte. Alle Häuser erzitterten und die Heubodentür wurde auf den Hof hinausgeschleudert. Oben aber an einem Balken fand man "Rotmützeken" erhängt vor.

Nach seinem Tode spukte er im Dorfe herum, saß auf dem Kirchhofszaun oder erschien den Hirten auf der Weide, ganz dünn und klapprig, wie ein Skelett, aber auf dem hohlen Schädel saß noch immer die rote Mütze. Und die Leute sagten dann: " Rotmützeken war wieder im Dorf."

 

* aus Sagen und Geschichten aus dem Bezirk Frankfurt (Oder)

Der Kobold

Vor vielen Jahren lebte in Altreetz eine Witwe, von der allgemein die Rede ging, sie habe einen Kobold. Sie hatte stets viel Geld, verließ niemals ihre Wohnung, verrichtete alle ihre häuslichen Arbeiten selbst und gestattete niemanden den Eintritt in gewisse Zimmer. Dazu kam noch, dass die vom Felde heimkehrenden Dienstboten stets ihr Essen bereit fanden, ohne irgend eine Spur eines Feuers auf dem Herd zu bemerken. Gar häufig bestand,besonders Mittags, das Essen in Backobst mit Klössen, dessen das Gesinde bald überdrüssig wurde. Der Großknecht fasste daher den Entschluss, die Sache zu untersuchen. Zum Schein ging er mit den anderen Dienstboten aufs Feld, schlich sich aber dann wieder ins Haus zurück und versteckte sich im Ofen, dessen Feuerung nach der Küche mündete. Lange hatte er vergebens auf irgend ein Ereignis gewartet. Da endlich kurz vor 12 Uhr Mittags, erschien die Hausfrau in der Küche, die er durch das Ofenloch mit gespannter Erwartung beobachtete. Anstatt aber Feuer auf dem Herd anzumachen, beschrieb die Frau an der Schornsteinwand einen Kreis. Gleich darauf entstand ein Knistern, als wenn Feuer brannte und der Lauscher und der Lauscher wurde zu seinem Schrecken gewahr, dass sich die Wand kreisförmig öffnete und ein hässlicher Kopf mit feurig rollenden Augen zum Vorschein kam, der einem Kobold gehörte. Die Frau hielt aber dem Kopf die bekannte Mittagsschüssel hin und sagte: " Matz, so kotz doch!", woruaf der Angeredete diesmal erwiderte : " Mama, er guckt!"

Da die Frau nichts verdächtiges bemerkte, so glaubte sie, ihr sauberer Gast sei eigensinnig und drote mit dem Finger. Es folgte nun ein abermaliges Knistern. Der Kobold öffnete den Mund und spie das bewußte Backosbst mit Klössen dampfend in die Schüssel. Nach jeder neuen Mundöffnung aber sagte er immer wieder: " Mama, er guckt!" Als eine hinreichende Menge Speise in der Schüssel war, tischte die Witwe auf und das Gesinde erschien zum Essen, wodurch der Lauscher aus seiner unliebsamen Lage befreit wurde. Er verfiel sofort in eine schwere Krankheit, in der er nur vom Kobold phantasierte und verließ kaum genesen, seinen Dienst. Das andere Gesinde. dass das Abenteuer natürlich auch erfahren hatte, blieb ebenfalls nicht länger bei der Witwe und brachte sie so in Verruf, dass sie des Kobolds wegen durchaus keinen Arbeiter mehr bekam. Der Acker trug Unkraut und auf dem einst so belebten Hof sah es wüst und öde aus. Nur in dem Haus wollte man zuweilen ein rumorendes Geräusch vernommen haben, aber jeder beeilte sich unter drei Kreuzen an dem Gehöft vorbeizukommen.

Ein ganzes Jahr war inzwischen vergangen und die Koboldgeschichte fast vergessen. Da meldete sich in der Walpurgisnacht ( vomm 30.04.-01.05.) der Nachtwächter am ganzen Leib zitternd beim Ortsschulzen, in dem verrufenen Hause sei furchtbarer Lärm gewesen. Es habe darin gekeischt und geheult, Türen seien mit großer Kraft zugeworfen worden und die Lichter haben sich hin und her bewegt. Dies habe eine Stunde gewährt, dann sei alles still geworden und zum Schluß sei ein blauer Feuerstrahl aus dem Schornstein gefahren, der in den Wolken verschwunden sei. Der Ortsrichter begab sich auf diese Anzeige mit dem Schöffen nach dem verrufenen Hause und fand die Türen und Fensterläden verschlossen. Als auf wiederholtes Pochen keine Antwort erfolgte, erbrach man die Tür. Die Witwe fand man mit zerrissenen Kleidern, aufgelöstem Haar und zerkratztem Gesicht mitten in einem Zimmer liegen und als man sie berührte, war sie tot.

 

Die krumme Weide bei Ortwig

Bevor die Ortwiger eine eigene Kirche hatten, mußten sie ihre Taufen und Trauungen in Groß Neuendorf vornehmen. So traf es sich einst, dass in Groß Neuendorf ein Ortwiger Kind getauft werden sollte, wohin Paten und Kind wegen des schlechten Weges gefahren wurden. Als man jedoch auf die Stelle kam, an welcher der Weg eine Biegung macht, um dann geradeaus nach Groß Neuendorf zu führen, bemerkte man rechter Hand eine äußerst krumme Weide. Der Wagen musste halten und jedermann bewunderte die krumme Gestalt des Baumes. In der Kirche frage der Prediger nach dem Namen des Täuflings, doch niemand wußte ihn, denn man hatte ihn bei der Verwunderung über die krumme Weide gänzlich vergessen und es musste ein Bote nach Ortwig geschickt werden, der von den Eltern des Kindes dessen Namen holte. Wenn sich seit der Zeit jemand über etwas gar sehr wunderte, so heißt es im Oderbruch: " Der wundert sich wie die Ortwiger über die krumme Weide!"

 

* aus Sagen und Geschichten aus dem Bezirk Frankfurt(Oder)

Der spukende Nachtwächter von Ortwig

Der alte Nachtwächter Raasch hatte lange Zeit in Ortwig getreulich seinen Posten vorgestanden und verstarb. Doch auch im Grabe fand er keine Ruhe und gar oft sah man ihn des Nachts bald hier, bald dort seinen Nachfolger in der Bewachung des Dorfes unterstützen.

Einst fuhr noch spät in der Nacht der Wagen des Bauern Siewert am Kirchhof vorüber und Raasch, der sich gerade von seinem Grabe auf eine nächtliche Wanderschaft begeben wollte, ging hinter dem Fuhrwerk her. Die Knechte die das bemerkten, trieben die Pferde heftig an, doch so schnell man auch fuhr, der Geist des Nachtwächters folgte stets nach und fand sich sogar auf dem Scheunenflur ein, wohin der Wagen gebracht wurde, um nachzusehen ob die Dienstboten ihren Pflichten gehörig nachkommen würden. Ohne den Pferden genügend Futter gegeben zu haben, wollten sich die Knechte zu Bette begeben, allein jeder von ihnen erhielt ein paar deftige Ohrfeigen wegen seiner Nachlässigkeit, dass sie acht Tage krank waren.

Auch auf andere Weise soll Raasch dargetan haben, dass er als Geist nachts im Dorfe Umgänge hielt, woher man große Furcht vor ihm zeigte und nicht leicht Abends die Gegend des Kirchhofs passierte.

 

* aus Sagen und Geschichten aus dem Bezirk Frankfurt(Oder)

Bestrafte Neugierde

 

Einst kam ein Ortwiger Bauer des Abends spät vom Wirtshaus und musste dabei am Kirchhof vorüber. Bei dem untergehenden Monde bemerkte er, dass sich auf dem Friedhof zwei weiße Gestalten mit langen Stöcken schlugen. Als er dies eine geraume Zeit betrachtet hatte und die Männer ihren Kampf noch immer nicht einstellen wollten, faßte er sich ein Herz, ging auf den Friedhof und suchte, die beiden Kämpfer mit einem Stocke zu trennen.

Aber siehe da, als er dazwischen schlug, waren beide Gestalten spurlos verschwunden. Erschreckt trat der Bauer seinen Rückweg an, doch fühlte er in demselben Augenblick eine schwere Last gleich einem Sack Getreide auf dem Rücken, die er, in Schweiß gebadet, bis nach seiner Haustür schleppen musste.

Vor Schreck wurde der Bauer so krank, dass er innerhalb 24 Stunden eine Leiche war und auf diese Weise seine Neugierde bestraft wurde.

 

* aus Sagen und Geschichten aus dem Bezirk Frankfurt (Oder)

Die Strafe zweier Betrüger

 

Wo jetzt bei dem Dorfe Altlewin Windmühlen stehen, so sollen auch schon vor Jahrhunderten dort welche gewesen sein. Der damalige Müller suchte seine Mahlgäste nämlich auf alle Weise zu betrügen. Von einem Scheffel Korn bekam man nur die Hälfte zurück und dazu noch von schlechterer Sorte und um das Mehl gehörig schwer zu machen, wurden Ziegelsteine dazwischen gemahlen.

Der Müller, der durch seine Unredlichkeit immer reicher geworden war, besaß auch einen großen Acker, der an die Besitzung eines Altlewiner Bauern grenzte. Der Bauer war auch ein Mahlgast des Müllers, betrog aber ebenso sehr wie der Müller. Er rückte nämlich alljährlich seine Grenzsteine weiter auf den Acker des Müllers und erlangte auf diese Weise nach und nach ein bedeutendes Stück Land.

Obgleich beide Nachbarn reiche Leute waren, so konnten sie doch des unrechtmäßig genommenen Gutes nicht lange erfreuen und in derselben Stunde, der Müller fünfundvierzig, der Bauer fünfundfünzig Jahre alt. Sie hatten aber auch im Grabe keine Ruhe. Der böse Geist umschlang sie beide mit einer eisernen Kette, so dass sie mit ihren Rücken zusammenlagen und ihre Arme kreuzweise auf der Brust gebunden waren.

Sobald sich der Müller fortbewegen wollte, hatte er den Bauern mitzuschleppen und beabsichtigte der Bauer dasselbe, so musste er den Müller auf dem Rücken mit sich tragen, wobei es beiden an Schmerzen vom Druck der schweren Kette nicht fehlte. Oft ertönte bei der Mühle des nachts eine Stimme: " Oh weh! Ich habe meine Mahlgäste um Mehl betrogen. Oh weh! Oh weh!"

Aber niemand sah etwas. So trieben auch einst die Zusammengeketteten nachts gegen 12 Uhr ihr Unwesen auf dem Acker des Bauern, als ein betrunkener Schreiber einhergewandert kam. Er hörte den Bauern, der sonst niemals gesprochen hatte, laut und ängstlich rufen: Oh weh! Oh weh!"

Der Schreiber aber antwortete ihm in seiner Trunkenheit:" Dummkopf, bringe doch die Grenzsteine wieder an die richtige Stelle" und stolperte weiter.

Der Bauer machte sich wirklich eilends an die Arbeit und kaum war der letzte Stein an seinem Ort, so zersprang die eiserne Kette mit furchtbaren Gerassel und die beiden Sünder waren befreit. Es war gerade Punkt Zwölf Uhr, Mitternacht.

Da riefen Bauer und Müller zugleich: " Gottlob nun sind wir beide auseinander." Der Müller aber stürzte sich  in ein Mäuseloch und der Bauer in einen Düngerhaufen. Seit dieser Zeit scheinen die Seelen beider Ruhe gefunden zu haben, denn man hat nie wieder des nachts bei Altlewin ihre schaurigen Klagerufe vernommen.

 

* aus Sagen und Geschichten aus dem Bezirk Frankfurt (Oder)

 

Die Jedute

 

In Zechin weiß man durch mündliche Benachrichtigung, dass man vorzeiten im Oderbruch einen Abgott, den man Jedute nannte, wie einen großen Roland aufgerichtet, den man sein Glück, gute Nahrung usw. zugeschrieben, der aber zur Zeit der Kirchenverbesserung (Reformation) umgeworfen und verbrannt worden ist. Gewiß ist, dass in Wriezen eine Jedute stand und verehrt wurde. Daher ist man der Meinung, dass Jedutha ein steinernes Bild war, dass vor dem hiesigen Hospitaltor, den Berlinschen Weg hinab, zur rechten Hand ungefähr dreihundert Schritte von dem Tor ab, in einem steinernen Schwibbogen gestanden, des Schwibbogens Fundament um 1690 noch zu sehen gewesen  und auch nicht weit davon 15 Jahre früher heidnische Urnen gefunden wurden.

Dieses Bildnis ist von den Vorbeireisenden um Hilfe angerufen und sonsten verehrt worden. Der Weg an dem es gestanden, ist sehr sandig und etwas hoch, dabei manch Pferd von den Fahrenden zu Tode getrieben, daher auch noch dann gewisse Vorspänne, der den beladenen Wagen bis an das Dorf Lüdersdorf um ein paar Groschen vorhangen müssen, sind gehalten worden. Desgleichen haben ihn die Oderbrücher um Beschützung ihres Viehs und reichen Fischfangs, der ihre Nahrung war, angerufen.

In den Kriegszeiten (30jähriger Krieg) haben diesen Jedute die Oderbrücher genommen und soll selbiger nach Altlewin gebracht worden sein, da auch alte Leute noch wissen, dass ein Fundament von einem Schwibbogen on Stein zwischen zwischen Lewin und Trebbin vorhanden gewesen, auch eine alte Frau, Jesus Anna genannt, noch immer an dem Orte, Morgens und Abends hingegangen, knieend ihr Gebet allda verrichtet. Später sollen die Oderbrücher nach ihrer Erleuchtung selbige Jedute in das Wasser versenkt haben.

Noch heute dato (1707) ist im Oderbruch eib Sprichwort in Gebrauch:

" Cater über deb Jeduth,

den Betrüber äwer deb Jeduth,

Jesus äwer den Bedröwener"

 

* aus Sagen und Geschichten aus dem Bezirk Frankfurt (Oder)

Der schlafende Schuster im Reitweiner Schloßberg

 

Als einst an einem schwülen Sommertage ein Schuster von der Messe in Frankfurt (Oder) heimkehrte und in der Nähe des Reitweiner Schloßberges sich gelagert hatte, vernahm er plötzlich wundersame Musik. Ein reichgekleideter Diener trat an ihn heran und lud ihn aufs Schloß ein, dessen Ruinen auf dem Berge standen. Der Schuster kam mit, wurde reichlich mit Speisen und Trank erquickt und schlief dann ein. Als er aufwachte, saß er wieder auf seinem Ausgangspunkt. Gedankenverloren trat er den Heimweg an. Zuhause kam ihm alles fremd vor. Niemand kannte den Fremdling mehr, keine Spur seiner Familie war mehr zu entdecken. Er hatte hundert Jahre im Reitweiner Schloßberg verschlafen.

 

* aus Sagen und Geschichten aus dem Bezirk Frankfurt (Oder)

Der Pfingstelch von Wilhelmsaue

Der Ort der Begegnung 32 Jahre später
Der Ort der Begegnung 32 Jahre später

Eine Pfingstgeschichte aus dem Oderbruch

Pfingstelch? Muss das nicht Pfingstochse heißen? Nein lieber Leser, Du hast dich nicht geirrt, der Verfasser ist auch nicht verwirrt, es liegt auch kein Schreibfehler vor. Um Klarheit in die Angelegenheit zu bringen müssen wir uns zuerst einmal eine kleine Zeitreise zum Pfingstmontag des Jahres 1977 unternehmen. Ich war damals gerade mal 13 Jahre alt und wohne bei meinen Eltern, was ja in dem Alter nichts besonders ist, in der Wilhelmsauer Feldmark mitten im weiten Oderbruch. Pfingsten verlief so wie jedes Jahr, ohne irgendwelche Besonderheiten zumindestens sind keine in meiner Errinnerung haften geblieben. Der Hof wurde gefegt, die Stalltüren mit Birkenreisig und Flieder geschmückt, Verwandte kamen zum Kaffee, so oder so ähnlich verliefen die Pfingsttage gewöhnlich. Auch an diesem Montagabend wo die Feiertage eigentlich fast vorbei waren deutetete nichts daraufhin das noch etwas außergewöhnliches passieren würde. Die Trauer um die schönen freien Tage und der Gedanke an den morgigen Schulunterricht hatten meine Laune immer weiter auf den Nullpunkt gebracht. Plötzlich es muss , nein es war um 19.30 Uhr !, wurde ich von meiner Mutter gerufen. Aus dem Klang ihrer Stimme konnte man ersehen oder besser gesagt erhören, dass die Angelegenheit dringend war. Ich hastete auf den Hof, wobei mir natürlich alle meine Sünden einfielen. Mir wurde über keine Missetat vorgehalten , was ich mit einer Mischung aus Staunen und Erleichterung aufnahm. Dafür wurde ich aber auf ein „komisches Pferd“(O-Ton meiner Mutter) vor unserem Hof aufmerksam gemacht. Na ja gut, „komische Pferde“ kannte ich ja eigentlich nur aus diversen Trickfilmen. Pferde haben ja viele Eigenschaften aber das Sie über Humor verfügen, war mir bis dato entgangen. Skeptisch schlich ich mich vom Hof und begab mich in Richtung des Fuchsgrabens der nur 50 m von unserem Hof vorbeidümpelte. Was ich dort aber sah lies mich nicht nur zusammenzucken sondern auch an meinem Verstand zweifeln. Nur wenige Meter von mir entfernt stand ein großes langbeiniges Etwas mit einem Kopf welcher tatsächlich flüchtig an ein Pferd errinnerte.Allerdings an ein -komisches Pferd-!wie meine Mutter bereits richtig festgestellt hatte. Sekundenlang starrten wir uns in die Augen, wobei fraglich ist, wer von uns beiden den dämlicheren Gesichtsausdruck hinbekam. „ Ich denk mich knutscht ein Elch“ war damals ein gängiger Slogan welcher mir unwillkürlich durch die Birne schoss, als mir klar wurde das mir eine Vertreterin der genannten Spezie gegenüberstand. Sie war allerdings weit genug weg um mit mir Küsse oder andere Intimitäten auszutauschen zu denen wir beide natürlich auch nicht wirklich aufgelegt waren. Die Elchdame drehte sich einmal und machte sich dann umgehend auf dem Acker quasi vom Acker. Und das in Richtung Letschin, wo Sie nach und nach grußlos meinen Blicken entschwand. Für Gesprächsstoff war jetzt freilich gesorgt und das weit über das Jahr 1977 hinaus. Für meinen Teil musste ich aber erstmal einigen Spott einstecken , da mir mir in der Schule mein Abenteuer das ich stolz zum besten gab , nicht geglaubt wurde. Gott sei Dank erschien kurz danach im Neuen Tag , dem Vorläufer der heutigen Märkischen Oderzeitung, ein Artikel. In diesem wurde zu meiner Erleichterung von einem Jäger, als von einem Experten!, von der Sichtung einer Elchkuh bei Alt Zeschdorf berichtet. Und auch an anderen Stellen wurde das Tier gesehen , bevor es so plötzlich wie es im Oderland auftauchte wieder verschwand. Ich konnte mich jedenfalls Dank des Neuen Tag welcher sonst eigentlich im Ruf eines "Wurstblattes" stand als rehabilitiert ansehen. Auch in den folgenden Jahren soll es immer wieder vorgekommen sein , dass Elche die Oder durchschwammen und über die Felder des Bruches staksten. Wenn eine Begegnung mit dieser Tierart in unseren Gefilden auch extrem selten ist, sollte man sich immer vor Augen halten das man vor Überraschungen im Oderbruch nie sicher ist. Wenn allerdings behaubtet wird, dass ich meine Digitalkamera nur deswegen ständig mit mir herumtrage um das nächste „Elchrendezvous“ beweissicher dokumentieren zu können, dann ist das natürlich reine Flunkerei :-).Und das ein bekannter Schluckspecht aus Wilhelmsaue plötzlich nach Pfingsten keinen Tropfen mehr anrührte , liegt nicht daran das der Elch an dem Garten vorbeikam wo der lustige Zecher gerade seine x-te Molle zischte. Oder doch?

 

 

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Kommentare: 1
  • #1

    Paul-Jakob Lüder (Samstag, 12 November 2011 17:45)

    Ich bin 10 Jahre .meine Oma hat mir diese Geschichte vorgelesen.Ich find diese geschi´chte sehr lustig.
    Gruß Paul und Oma

Das Irrlicht an der Oder

Oder bei Bleyen im Jahre 2007
Oder bei Bleyen im Jahre 2007

Der Alltag eines Passkontrolleurs an der Grenze zwischen der DDR und Polen war sicher nicht allzu aufregend. Nur wenige Fahrzeuge und noch weniger Fußgänger überquerten die vorhandenen Grenzübergänge. Die Staats und Parteiführung der DDR hatte 1980, aufgeschreckt und beängstigt durch die politischen Ereignisse, den Visafreien Verkehr zum Nachbarland eingestellt
Ein eiskalter Samstag im Februartag im Jahre 1987, hielt für die Grenzer auf
der Stadtbrücke in Frankfurt (Oder)  jedoch eine nicht alltägliche Abwechslung im Dienstalltag bereit.
Die Geschichte nahm ihren Verlauf etwa zwölf Stunden vorher  im Kleinen direkt an der zu diesem Zeitpunkt in der eisigen Kälte erstarrten Oder gelegenen Dorf Bleyen.
Dort feierte Helmut schon seit Stunden mit seiner LPG-Brigade in einer unmittelbar am Oderdamm gelegenen gemütlichen Kneipe, die Übererfüllung des vorjährlichen Plansolls. Wie so oft in solch feuchtfröhlichen Runden, kam es auch an diesem Abend zum Streit. Nichts ernstes,  aber Helmut hatte den Spaß am Feiern verloren. Er wollte nur noch nach Hause, in sein Bett. Das aber befand sich in Letschin, über zwanzig Straßenkilometer von Bleyen entfernt. Auf das Fahrzeug welches die durstigen Zecher abholen sollte, wollte er nicht warten. Wenn ich den Damm bis Sophienthal entlanglaufe, kürze ich ab und bin in zwei Stunden Zuhause, dachte Helmut. In seinem Kopf toste und brauste
der Alkohol. Seine Kollegen versuchten ihm vergeblich sein nicht ungefährliches
Vorhaben Auszureden. Immerhin war das Quecksilber in dieser Nacht auf bitterkalte - 20 Grad gefallen. Mit der Betrunkenen eigenen Sturheit wies Helmut alle Appelle an seine Vernunft von sich und verließ die Gaststätte. Es kam wie es kommen musste!
Kaum war er hinaus in die Kälte getreten, traf ihn auf Grund der abrupten
Luftveränderung „der Hammer". Verzweifelt hielt er sich an einer Straßenlaterne fest, während die Oderbruchwelt an ihm vorbeikreiselte. Mühsam um Orientierung ringend, stapfte der wackere Letschiner von dannen. Ein fernes Licht diente ihm als Orientierung. „ Da wo das  Licht Ist, liegt Genschmar. Von da an ist es nicht mehr weit" machte er sich brabbelnd Mut. Der Weg zum „Licht" gestaltete sich unerwartet beschwerlich. Helmut wunderte sich über das viele Eis unter der Schneedecke. Mittlerweile hatte er jegliches Zeitgefühl verloren. Der Schnee knirschte unter seinen Füßen, während über ihm die Sterne am
Himmel funkelten. Mühsam versuchte er sich mit steif gefrorenen Fingern eine
Zigarette anzuzünden. Mehrmals musste sich Helmut fluchend erheben, weil er
über das seltsam hochstehende Eis gestolpert war. Linkerhand tauchte plötzlich eine Fabrik mit zwei riesig erscheinenden Schornsteinen aus dem Dunkel der Nacht auf.

Endlich sah er eine Strasse und auch Häuser vor sich. Die Gegend
erschien ihm ungewöhnlich fremd. Der Stil der Häuser erinnerte so gar nicht an das heimatliche Oderbruch.
Auf einem eigenartigen Schild stand der Name des eigenartigen
Ortes. Beim Lesen traf Helmut erneut der schon vorhin beschriebene „ Hammer". Diesmal allerdings zeigte er sich geradezu schlagartig ernüchtert. Kostrzyn stand in großen Lettern auf dem Schild geschrieben. Helmut war ohne es zu bemerken, über das gefrorene Eis der Oder nach Polen gelaufen. Seine Knie zitterten heftig und das nicht nur vor Kälte. Wie komme ich jetzt bloß wieder zurück in die DDR, grübelte er verzweifelt.Inzwischenwar Helmut  nüchtern und damit vernünftig genug, um nicht auf demselben Weg wie er nach Polen gekommen war, auch wieder zurückzugehen. „Noch mal habe ich nicht solch ein Glück wie eben. Nicht
auszudenken, wenn ich im Eise eingebrochen wäre......" murmelte er vor sich hin.
Verzweifelt irrte er durch das um diese Zeit Menschenleere Kostrzyn. 
Heute kann man die polnische Grenze an allen Orten Problemlos und kontrollfrei überschreiten. Aber im Jahre 1987 glichen Grenzen in Europa hin und wieder uneinnehmbaren Festungen. Es gab zwar damals eine Brücke über die Oder, hinüber nach Küstrin-Kietz, dass damals nur Kietz hieß.Aber diese Brücke war für den Verkehr gesperrt und von polnischen Grenzsoldaten und sowjetischen Armeeposten scharf bewacht. In den  frühen Morgenstunden traf Helmut auf die ersten, zur Arbeit gehenden Polen. Man musterte ihn voller Erstaunen. Obwohl es sich um eine Grenzstadt handelte, waren Deutsche höchst selten im Ort anzutreffen. Schließlich nahte die Rettung in Gestalt einer älteren freundlichen Dame. Welch Glück, sie war auch der deutschen Sprache mächtig. Von ihr bekam er den Rat, mit der Bahn über Rzepin, dem früheren deutschen Reppen, nach Slubice zu fahren. Dort war nun einmal der einzige Grenzübergang weit und breit. Alles weitere hing dann vom Wohl und Wehe der Grenzorgane ab. Helmut, der wieder Mut gefasst hatte, bedankte sich und trabte zum Bahnhof. Der weithin sichtbare, noch aus der Zeit in der Kostrzyn zu Deutschland gehörte und Küstrin hieß, stammende Wasserturm, wies ihm den Weg,
 Nach zwei weiteren auf einem eisigen Bahnsteig verbrachten Stunden, saß Helmut endlich in einem Abteil der polnischen Staatsbahn „PKP". Das Glück war ihm weiter hold, kein Schaffner wollte seine nicht vorhandene Fahrkarte sehen. Ansonsten hätte er sich neue Schwierigkeiten eingehandelt. Nachdem er den Zug in Kunowice (Kunersdorf) verlassen hatte, musste der geplagte Letschiner noch einen weiteren Fußmarsch von sechs Kilometern „stemmen". Endlich tauchten vor ihm die Häuser Frankfurts auf der anderen Oderseite auf. Fast schon am Ziel seiner Wünsche, versperrte auf den letzten Metern dieGrenzkontrollstelle seinen Weg.
Das überdachte Gelände des Grenzüberganges wirkte wie ausgestorben. Helmut spielte kurz mit dem Gedanken, einfach an den Kontrollboxen vorbei, nach Frankfurt zu laufen. Vielleicht schliefen die Grenzer ja den „Schlaf der Gerechten"? Aber so schnell wie ihm diese durch den Kopf schoss, so rasch verwarf er diese auch wieder. Schwer atmend so schnell ihn seine weichen Knie tragen konnten, ging er über die Oderbrücke. Über der Oder die auch hier vollständig zugefroren war, hing leichter Dunst. Wie aus einem Schleier tauchten die Wohnblöcke auf der anderen Seite des Grenzflusses vor ihm auf. Schon während der Zugfahrt hatte der Unglücksrabe aus dem Oderbruch vergeblich nach einer plausiblen für die Behörden nachvollziehbaren Erklärung seines unfreiwilligen Grenzübertrittes gesucht. Hier hilft nur die Wahrheit, dachte sich Helmut. Noch nie in seinem Leben kam er sich so ausgeliefert vor, wie heute. Sein Herz vollführte geradezu einen Trommelwirbel als er vor der ersten, der polnischen Kontrollbox, stand. Mit zitternden Händen kramte der Oderbrücher seinen Personalausweis aus der Jackentasche. Der Pole drehte das Dokument in ein paar mal unschlüssig hin und her. „ Nix Visum?" fragte er mit prüfendem Blick. Helmut wusste, dass es jetzt ernst werden würde. Der polnische Grenzer ging mit dem Ausweis hinüber zu den Kollegen von der DDR-Passkontrolle. Nach einem kurzen Gespräch kam er in Begleitung von zwei Feldwebeln zurück. Der älter der Beiden tippte mit der Hand an den Mützenschirm. Der andere Uniformierte hielt Helmuts Ausweis bereits in den Händen. „ Haben Sie denn keinen Reisepass und das dazugehörige Visum?" fragte der Feldwebel. Sein Ton klang freundlich, offensichtlich wusste er selbst noch nicht, wie die Situation einzuschätzen war. „ Nein, habe ich nicht" stammelte Helmut mühsam. „ Aber das braucht man doch, wenn man aus der Deutschen Demokratischen Republik in die Volksrepublik Polen einreisen möchte. Und Sie müssen ja nach Polen eingereist sein, sonst würden Sie ja auch nicht wieder hinauswollen. Ist doch logisch, oder?" Helmut hatte das Gefühl, als ob sich ein riesiger Kloß in seinem Hals ausbreiten wollte. Ein älteres deutsches Ehepaar lief durch die Grenzkontrolle in Richtung Slubice. Beide bedachten ihn mit neugierigen Blicken, was seine Verlegenheit noch verstärkte. „ Sie sind also auf ungesetzliche Art und Weise in die Volksrepublik Polen gelangt?" Die Stimme des Grenzers nahm nun allmählich jene Strenge an, welche Helmut von Anfang an erwartet hätte. „ Ja, aber nicht so wie Sie vielleicht denken. Wie soll ich sagen? Ich bin heute Nacht aus Versehen über die Grenze gegangen." Jetzt wo es heraus war, fühlte sich Helmut seltsamerweise erleichtert. Die beiden DDR-Grenzer sahen sich ungläubig an. „ Wie dem auch sei. Sie sind wegen Verstoß gegen den § 213 StGB vorläufig festgenommen." Die Worte des Feldwebels trafen Helmut wie ein Keulenschlag. Der Sinn und die Aussagen des § 213 (ungesetzlicher Grenzübertritt) waren ihm gänzlich unbekannt. Die Worte, „ Sie sind vorläufig festgenommen", hallten in seinen Ohren nach. Kurze Zeit später hockte er unter Bewachung auf einem Stuhl in einem karg möblierten Raum des Abfertigungsgebäudes.
Der Verantwortliche des Grenzüberganges telefonierte mit dem Diensthabenden Offizier im in der Kopernikusstraße befindlichen Grenzabschnittskommando. Vorher hatte Helmut dem Chef der Passkontrolle, einem kleinen gemütlich wirkenden Major, die Geschichte seines Grenzübertritts erzählt. „ So eine Story habe ich ja überhaupt noch nicht gehört", meinte der Diensthabende der Grenztruppen, nachdem ihn der Major Bericht erstattet hatte.
„Ich auch nicht. Aber wenn die Geschichte wirklich stimmen sollte, dann hat der Bursche gleich eine ganze Armee von Schutzengeln bei sich gehabt. Die Oder friert ja niemals komplett zu. Ein paar kleine Spalten bleiben doch immer. Wer da reinfällt, hat keine Überlebenschance." Hat er gesagt, wo er über die Grenze gegangen ist?" „ Ja in Bleyen."
„ Bleyen? Also im Bereich des VPKA Seelow. Ich nehme mit den Genossen dort Kontakt auf. Wenn alle Angaben stimmen, sehe ich keinen Grund den Mann in Untersuchungshaft zu nehmen." „ Ich auch nicht", pflichtete ihm der Major bei. „ Wie jemand, der eine geplante Republikflucht über Polen durchzieht, sieht mir der Kerl auch nicht aus."
Weitere fünf Stunden gingen noch ins verschneite Oderland, bis man endlich vollständig überzeugt war, dass Helmut nicht etwa der DDR den Rücken kehren wollte. Der diensthabende Kriminalist wurde „ in die Spur geschickt" um zu ermitteln, ob am Abend vorher in der Bleyener Gaststätte eine Feier stattgefunden hatte. Helmuts Brigadier erhielt ebenfalls Besuch von der Polizei. Auch der zuständige „Abschnittsbevollmächtigte der Volkspolizei" wurde ins Vertrauen gezogen, damit dieser eine Einschätzung über Helmut abgab. Nach dem nun alle Verdachtsgründe gegen ihn ausgeräumt waren, durfte Helmut endlich nach Hause. Großmütig erlaubte man ihm, seinen Nachbarn anzurufen, damit dieser den vor Müdigkeit fast erstarrten Helmut in Empfang nehmen konnte.
So ganz ungeschoren kam unser „Held" allerdings nicht davon. Der ganze Sachverhalt wurde an das Volkspolizeikreisamt Seelow abgegeben. Dort verhängte man gegen ihn eine Ordnungsstrafe von 75 Mark der DDR. Es ist wohl müßig zu erwähnen, dass Helmut seine Lehren aus dem Vorfall zog und die ihm auferlegte Strafe ohne Murren bezahlte.

 

 

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Kommentare: 1
  • #1

    Paul-Jakob Lüder (Samstag, 12 November 2011 18:06)

    Dies Geschichte war sehr informativ,sehr spannend und herrlich lustig.Meine Oma sagt,sowas kommt vom Saufen.
    Gruß Paul und Oma