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Parallelwelten-Kietz (Kreis Seelow) im letzten Jahrzehnt der DDR aus dem Blickwinkel der lokalen Presse


Blick in die Rheinlandstraße (damals Hinterstraße), um 1980                         Bildquelle: Walli Loist
Blick in die Rheinlandstraße (damals Hinterstraße), um 1980 Bildquelle: Walli Loist

Bei den Arbeiten zum 1.Teil der Ortschronik von Küstrin-Kietz im Jahr 2016, habe ich in verschiedenen Archiven zahlreiche Dokumente unterschiedlicher Art eingesehen.  Unter anderem diverse, in der damaligen Lokal-Zeitung "Neuer Tag" erschienene Artikel über Küstrin-Kietz bzw. Kietz (Kreis Seelow). 

 

Hätte ich mich bei den Recherchen nur auf die Zeitungsartikel beziehen können, wären die Arbeiten von vornherein wertlos gewesen. Denn die Artikel haben eher ein "Zerrbild"  als einen realen Eindruck der bis Ende 1989 im damaligen Kietz, wie auch der gesamten DDR, herrschenden Verhältnisse vermittelt. Wie sehr die Realität, vor allem durch gezieltes Verschweigen von akuten Problemen, verschleiert wurde. zeigte sich auf beeindruckende Weise beim Vergleich mit den Unterlagen des MfS, des Rates der Gemeinde Kietz und anderer Institutionen. Die damals nicht für die Öffentlichkeit bestimmt waren, dafür jedoch die Wahrheit ungeschminkt abbildeten.

Beispielsweise  Berichte von "Inoffiziellen Mitarbeitern" des MfS, über die mangelnde Versorgung mit Fleisch -und Wurstwaren im hiesigen Dorfkonsum, Problemen mit den Soldaten der Sowjetarmee, heimlichen "Deutsch-deutschen Treffen" auf dem Bahnhof Kietz ,  einer diebischen Brigade des Grenzbahnhofs Kietz und anderen Problemen in diesem Bereich.

Vergeblich sucht man in den Artikeln des "Neuen Tag" auf Hinweise auf die im Frühjahr 1986 aus dem Raum Tschernobyl in Kietz ankommenden verstrahltem Güterzüge und den Umgang damit.

Bezeichnend auch ein schriftlicher "Hilferuf" des Kietzer Bürgermeisters, der bereits im Oktober 1988, ein Jahr vor der politischen Wende, auf unzureichende Versorgungslage und die damit in Zusammenhang stehende Unzufriedenheit der Bevölkerung, den " Rat des Kreises" in Seelow hinwies. 

 

Das Jahr 1990 stellte auch bezüglich der Berichterstattungen in den  lokalen Medien,  eine deutliche Zäsur dar. Plötzlich durften die Journalisten des  im April 1990 in "Märkische Oderzeitung" umbenannten "Neuen Tag", offen und kritisch über sämtliche Probleme schreiben.

Die lange "unter der Decke gehaltenden" Probleme, traten plötzlich in aller Deutlichkeit hervor.

Beispielsweise im Armaturenwerk. Bis zum Herbst 1989 angeblich ein mit modernster Robotertechnik ausgerüsteteter Vorzeigebetrieb im Kreis Seelow.  Schon nach dem ersten Kontakt mit der Marktwirtschaft offenbarte sich, was im Armaturenwerk längst jeder wusste, zumindest doch ahnte: dass der Betrieb veraltet und die Produktion unrentabel ist. 

Auch auf dem Grenzbahnhof herrschte längst nicht jene " Völkerverbindende Harmonie", wie sie der "Neue Tag" vorgaukelte.

 

Ungeachtet aller "Verzerrungen", halte ich die Zeitungsartikel dennoch für interessante, hochwichtige Zeitdokumente. 

 

Ich wünsche viel Spaß beim Stöbern in den alten Zeitungsartkeln über Kietz (Kreis Seelow), einem Ort, den es so vielleicht nie wirklich gegeben hat.

 

Uwe Bräuning

 

Am Schluss noch ein Hinweis: Bei der Quelle für die verwendeten Zeitungsartikel handelt es sich um das Kreisarchiv Märkisch-Oderland, in Seelow

 

 

 

 






Der Umbau des Bahnhofsvorplatzes in Küstrin-Kietz, im Jahr 2020