Rückblick auf das Jahr 1990 im Oderland

Nur ein weißer Fleck zeugt heute noch von dem metallenen Hinweisschild am früheren ABV-Büro  in Sachsendorf
Nur ein weißer Fleck zeugt heute noch von dem metallenen Hinweisschild am früheren ABV-Büro in Sachsendorf

Januar-Februar  1990

 

Der Jahresbeginn lies verhieß nichts Gurtes! In Neutrebbin beschimpfte in der Sylvesternacht ein erheblich unter Alkoholeinfluss stehender Einwohner andere Bürger des Ortes wegen ihrer früheren Zugehörigkeit zur SED. Im Verlauf der Auseinandersetzung griff er eine Frau körperlich an und verletzte diese leicht. Es kam zu einem Einsatz der Polizei, der Neutrebbiner erhielt eine Anzeige und durfte die ersten Stunden des Jahres 1990 in einer Gewahrsamszelle verbringen.

 

In Letschin sorgte eine  auf  einer öffentlichen Versammlung verlesende angeblich aus den Beständen der im Dezember 1989 aufgelösten Seelower Stasi-Dienststelle stammende  Liste mit den Namen von  „ Inoffiziellen Mitarbeitern“ aus dem Ort,  für Unruhe. Auf Grund des damals für die öffentliche Aufarbeitung noch lange nicht zur Verfügung stehenden Aktenbestandes des früheren MfS, konnten sich die Betroffenen noch nicht einmal zur Wehr setzen. Zu Übergriffen auf den in der Liste genannten Personenkreis kam es Gott sei Dank nicht.

 

Überall im Kreisgebiet tauchten Aufkleber und sonstige Werbematerialien der  rechtsradikalen  in der DDR offiziell verbotenen „Republikaner“ auf. Die Polizei beschränkte sich auf das Einsammeln des „Krempels“, trotz vorheriger Gegenteiliger Behauptungen, erlangten die „Republikaner“ im Oderbruch auch nach der Wiedervereinigung keine nennenswerte Bedeutung.

 

Beim „Operativen Diensthabenden“ des VPKA Seelow beschwerte sich eine aufgebrachte      Anruferin darüber, dass auf dem Seelower Marktplatz vorher in Westberlin für den Preis von einer DM erworbene Bananen, für vier DDR-Mark weiterverkauft werden.

 

In Dolgelin kam es mehrfach zu Einbrüchen in die dortige Kaufhalle. Durch die Seelower    Kriminalpolizei konnte ein ca. dreißigjähriger Einwohner des Ortes als Täter ermittelt werden.

 

Im Dorfteich desselben Ortes wurde die Leiche eines ca. fünfzigjährigen Einwohners gefunden. Die Ermittlungen ergaben, dass dieser nach vorangegangenem Alkoholgenuss in das kaum mehr als einen Meter tiefe Gewässer gestürzt und ertrunken war.

 

Die verwaisten Räumlichkeiten der Seelower Staatssicherheit werden vom Kreisgericht übernommen.

 

 

März-April

Die erste Hälfte des Monats stand voll und ganz im Fokus der für den 18.März anvisierten Wahlen in der DDR. Verschiedene der zur Wahl stehenden Parteien erhielten im Wahlkampf Unterstützung von Politprofis aus der BRD.

 

 Im Schlosspark von Marxwalde kam es zu einer Wahlveranstaltung der CDU, auf der die neuen Positionen der Partei vorgestellt wurden. Bemerkenswert ist, dass im Parteiprogramm nicht nur von einer Wiedervereinigung Deutschlands, sondern auch von einer gleichzeitigen Anerkennung der bestehenden polnischen Westgrenze ausdrücklich gesprochen wurde.

 

Am Sonntag dem 11. März 1990 hielt der damalige Vorsitzende der SED-PDS, Rechtsanwalt Gregor Gysi, eine Wahlkampfrede vor dem Seelower Kreiskulturhaus.

 

Parteienvertreter, unter ihnen der heutige Kreiskämmerer des Landkreises Märkisch-Oderland, Rainer Schinkel, fuhren mit Lautsprecherwagen durch die Dörfer des Oderbruchs um auf ihre Ziele aufmerksam zu machen.

 

 

Die  Abschnittsbevollmächtigten der Volkspolizei hatten die Aufgabe unmittelbar vor dem 18.03. 1990 die Wahllokale zu bestreifen und zu kontrollieren. Im selben Zeitraum waren die im Oderbruch zahlreich vorhandenen sowjetischen Soldatenfriedhöfe ebenfalls verstärkt zu kontrollieren.

 

Am Wahltag selbst kam es zu keinen nennenswerten Vorkommnissen. Das Ergebnis der Wahl, das konservative „Bündnis für Deutschland“ aus CDU und DSU hatte sich als klarer Sieger erwiesen, verunsicherte die Angehörigen der Volkspolizei. Die schon seit Monaten kursierenden Zukunftsängste erhielten neue Nahrung.

 

In Seelow hielt über mehrere Wochen ein Autoradiodieb fast die gesamte Polizei in Atem. Auf Grund der professionellen Vorgehensweise vermutete man, dass eine Bande aus Westberlin am Werke war. Nacht für Nacht observierten Polizisten unterstützt von freiwilligen Helfern, teilweise in privaten PKW, Parkplätze und Abstellflächen in Seelow.

Groß war die Überraschung, als statt der vermuteten Westberliner Autoknackerbande, ein sechzehnjähriger Seelower als Täter ermittelt werden konnte.

 

In Manschnow  verstarb ein fünfzehnjähriger Junge nach fahrlässigem Umgang mit Fundmunition. Er war das vorerst letzte Opfer, welches die Hinterlassenschaften des Zweiten Weltkrieges im Oderbruch, noch immer fordern.

 

In den Nachtstunden eines Sonntags rammte in Seelow, Am Stadion, ein offenbar betrunkener

PKW-Fahrer mehrere Mülltonnen und verschwand in seine Wohnung. Die durch einen Zeugen herbeigerufene Polizei konnte den Trunkenbold ermitteln und der verdienten Blutprobe zuführen. Es handelte sich bei ihm um den früheren Vorsitzenden des „Rates des Kreises Seelow“, Christian R.. Über dessen Alkoholprobleme hatte man im Kreis Seelow bereits lange vor der Wende, hinter vorgehaltener Hand, gelästert.

 

In Quappendorf randalierten betrunkene Jugendliche eines Nachts vor dem Wohnhaus des Tierarztes, weil dieser, ihrer Meinung nach, Mitarbeiter der Staatssicherheit war.

Bei den besagten Jugendlichen handelte es sich um ebenso trinkfreudige sowie wegen diverser Delikte polizeilich „bestens“ bekannte Zeitgenossen. Keiner von ihnen konnte allerdings von sich behaupten, ein Opfer des DDR-Regimes zu sein.

 

Mai-Juni

Anfang Mai fanden die letzten Kommunalwahlen der DDR statt. Auch im Kreis Seelow mussten fast alle der früheren hauptamtlichen Bürgermeister ihren Stuhl räumen.

Eine der wenigen Ausnahmen stellte Marie Giering aus Neumahlisch dar. Seit den sechziger Jahren im Amt, sollte sie ihren Bürgern noch für insgesamt über fünfzehn Jahre erhalten bleiben!

 

Der „ Rat des Kreises Seelow“ führte von nun an die Bezeichnung –Landratsamt-. Als erster Landrat fungierte der Tierarzt, Dr. Albert Lipfert.

 

Die Abteilung Kriminalpolizei im VPKA Seelow firmierte künftig unter der Bezeichnung „Kreiskriminalamt“. Als  dessen Chef  fungierte der langjährige Leiter der Seelower Kripo, Dietrich Städtke.  Veränderungen gab es auch in den Dienstgraden der Polizisten. Der vormals vorhandene „militärische Touch“ sollte abgeschafft werden. So wurde Beispielsweise aus einem Leutnant der VP, ein VP-Kommissar.

 

 Juli

Der erste Juli, der Tag der Währungsunion, brachte auch in Seelow den erwarteten Großeinsatz für die Polizei. In vorher festgelegten Stützpunkten konnten die Bürger des Kreises ihre ersparte DDR-Mark in „harte Westmark“ umtauschen. In allen Stützpunkten war ganztägig ein bewaffneter Polizist anwesend. Man befürchtete auf Grund der vorhandenen hohen Bargeldsumme, Raubüberfälle. Trotz aller Bedenken kam es allerdings zu keinerlei Vorkommnissen.

 

In Folge der Währungsumstellung mussten die vorhanden Ordnungsgeldblöcke der Polizei handschriftlich um die Buchstaben DM, ergänzt werden. Zum dritten Oktober, dem Tag der Wiedervereinigung, verloren diese Blöcke ihre Gültigkeit.

Es dauerte mehrere Wochen, bis die neuen Blöcke angeliefert wurden. Manchem Verkehrssünder kam dieser Zeitraum, wo die Polizei nur mit dem „erhobenen Finger drohen konnte“ geradezu paradiesisch vor.

 

Auf dem Hof des VPKA Seelow fand der letzte Appell anlässlich des „Tages der Volkspolizei“ statt. Einige der an diesem Tage ausgezeichneten oder beförderten Polizisten ahnten noch nicht, dass sie bereits in wenigen Monaten die Reihen der Polizei verlassen müssen.

 

In Podelzig kam es zu einem folgenschweren Verkehrsunfall. Ein betrunkener mehrfach vorbestrafter damals 32-jähriger Mann aus Sachsendorf, raste mit seinem PKW Trabant die Strasse am „Schmiedeberg“ herunter. Er wollte mit seinem ebenfalls betrunkenen und vorbestraften Beifahrer, in der Nähe einen Einbruch begehen. Am Schmiedeberg übersah der Sachsendorfer eine vor ihm radelnde Fahrradfahrerin und überfuhr die Frau vor den Augen ihrer minderjährigen Tochter. Während der Fahrer  ohne anzuhalten flüchtete, verstarb die Radfahrerin noch am Unfallort an ihren schweren Verletzungen. Der  Unfallverursacher konnte durch die Seelower Polizei noch am selben Abend ermittelt und vorläufig festgenommen werden. Was damals niemand verstehen konnte war der Umstand, dass man den „Todesfahrer“ noch am nächsten Tag wieder entlassen musste.

 

Widerstandshandlungen gegen Polizisten nahmen auch im Kreis Seelow immer mehr zu. Einige Zeitgenossen konnten offenbar nicht zwischen Bürgerrechten die jedem zustehen und Anarchie unterscheiden. Die technische Ausrüstung der VP konnte allerdings in keinem Fall mit dieser Entwicklung mithalten. Es gab in Seelow ABV welche sich in Westberlin eigentlich für Kinder produzierte Funkgeräte kauften. Mit diesen hielten diese dann Kontakt zu ihren Ehefrauen, welche dann im Ernstfall Unterstützung für ihre bedrohten „besseren Hälften“ organisieren mussten.

 

In Berlin kommt es auf dem Alexanderplatz zu einer Großdemonstration gegen die Agrarpolitik der DDR-Volkskammer, an welche auch zahlreiche Bauern aus dem Kreis Seelow teilnahmen.

 

An der Oder fahren bewaffnete Zöllner, zunächst mit Dienstfahrzeugen vom Typ Wartburg, Streife.

In wenigen Wochen wird das Oderbruch schließlich an der neuen Westgrenze der Europäischen Union liegen! 

August

 

Am 22.August beschloss die Volkskammer der DDR den Beitritt zum Grundgesetz, sprich Wiedervereinigung, zum 03.Oktober 1990. Für einige Polizisten ergaben sich fatale Folgen. Jeder der bis zu diesem Zeitpunkt das fünfzigste Lebensjahr vollendet hatte, musste die Reihen der Polizei verlassen. Auf Proteste und Anschreiben der oftmals um ihre weitere Existenz bangenden Polizisten, wurde nicht reagiert.

 

In einem  vorwiegend von NVA-Angehörigen bewohnten Mehrfamilienhaus in Seelow, Am Stadion, sorgte ein aufgefundenes ominöses Kabel für wilde Spekulationen. Bürger meldeten sich bei der Redaktion der „ Märkischen Oderzeitung“ und vermuteten gar das Vorhandensein einer noch immer aktiven, bisher nicht entdeckten Einheit des MfS. Einen Tag später konnte ein Experte das Kabel als Teil der so genannten „BASA“, des internen Netzes der Reichsbahn identifizieren und den Spuk beenden.

 

Der Innenminister der DDR, Dr. Peter Michael Diestel, beabsichtigte auch an der Grenze zu Polen, einen eigenen Grenzschutz aufzustellen. Einige Angehörige des VPKA Seelow, darunter auch Abschnittsbevollmächtigte, wechselten kurzfristig zu dieser, später in den Bundesgrenzschutz integrierten Einheit.

 

 

 

Ende August wurde, zuerst in den VPKÄ Seelow und Bad Freienwalde, die Abschaffung des „ABV-Systems“ zum 01.09. 1990, beschlossen. Sämtliche Dienstzimmer der ABV, sowie die Gruppenposten in Manschnow und Seelow mussten geräumt und aufgelöst werden.

Jeder ABV bekam den Auftrag von den noch vorhandenen „ Freiwilligen Helfern“ die Dienstausweise einzusammeln.  Ein knapper Handschlag war der einzige Dank für nicht selten jahrzehntelange ehrenamtliche Arbeit im Dienst von Ordnung und Sicherheit.

Auch die Verkehrs und Schutzpolizei trennte sich von ihren „Hilfssheriffs“, für deren Einsatz es spätestens ab dem 03.Oktober keine rechtliche Grundlage mehr geben wird.

 

September

Aus den  noch vorhandenen ABV, Schutz und Verkehrspolizisten, werden so genannte Einsatzgruppen, die Vorläufer der heutigen Dienstgruppen, gebildet.

 

In Seelow eröffnete in den Hallen des früheren „Kreisbetriebes für Meloration“ der erste „ALDI-Markt“ seine Pforten.

 

An der Oder wird eine Gruppe illegal eingereister Rumänen vom Grenzschutz gestellt und zum VPKA gebracht. 

 

Unmittelbar nach dem Abzug der ABV überrollte eine regelrechte Welle von Einbrüchen das Seelower Kreisgebiet. Die von wilden Gerüchten über bevorstehende Entlassungen verunsicherten Polizisten müssen sich beim Einschreiten nicht selten als „ Honeckerknechte“ beschimpfen lassen. Am letzten Tag des Monats mussten alle Polizisten die DDR-Embleme von ihren Mützen entfernen und durch eine schwarz-rotgoldene Kokarde ersetzen. Auf den Streifenwagen wurden die Buchstaben V o l k s, aus der Aufschrift Volkspolizei getilgt.

 

Oktober

Ab dem 03.10. 1990 24:00 Uhr, wurde aus dem VPKA  das Polizeiamt Seelow.

 

Die bisher zur Polizei gehörenden Abteilungen -Pass und Meldewesen-, KFZ-Zulassung und Führerscheinwesen, gehören von nun an zum Landratsamt. Die meisten der Mitarbeiter werden übernommen, einige wenige verbleiben, in anderen Funktionen, bei der Polizei.

 

Die Polizei zieht sich in die beiden oberen Etagen des Gebäudes zurück. Der Rest wird komplett vom Landratsamt übernommen. Die vormals ständig verschlossene Verbindungstür zwischen dem früheren VPKA und dem Landratsamt wird geöffnet, die Pförtnerloge zurückgebaut.

 

Am Freitag den 12. Oktober ereignete sich der erste bewaffnete Überfall in der Kreisstadt. Zwei maskierte Täter betraten gegen Mitternacht die Räumlichkeiten der damaligen Gaststätte „ Zur Guten Quelle“, bedrohten die beiden anwesenden Kellnerinnen mit einem Messer und raubten die Tageseinnahmen. Beide Täter konnten fast zwei Jahre später im Zuge der Fahndung nach einem LKW-Diebstahl in Wilhelmsaue festgenommen werden. In ihrer Vernehmung räumten die beiden aus der Nähe von Bad Freienwalde stammenden Brüder, auch den Überfall auf die „Gute Quelle“ ein.

 

 

 

 

 

 

 

Die Grenzsicherung an der Oder

Grenzpfahl an der Oder
Grenzpfahl an der Oder
Ein Beobachtungsturm des polnischen Grenzschutzes, gegenüber Reitwein. Dieser Turm ist einer der letzten seiner Art und wird  seit Anfang der Neunziger Jahre nicht mehr besetzt.
Ein Beobachtungsturm des polnischen Grenzschutzes, gegenüber Reitwein. Dieser Turm ist einer der letzten seiner Art und wird seit Anfang der Neunziger Jahre nicht mehr besetzt.

Das Oderbruch wurde 1945 mit Beendigung des Zweiten Weltkrieges zum Grenzland. Die früher zur angrenzenden Neumark und damit zu Deutschland gehörenden Gebiete gehörten seitdem zu Polen. Die geschichtlichen Ursachen die dieser Maßnahme zugrunde liegen, sind bekannt und brauchen sicherlich nicht näher betrachtet zu werden. Aber für das Oderbruch ergab sich damit die Konsequenz, dass dieser Landstrich plötzlich zur Grenzregion wurde. Nach dem Krieg glaubten viele, vor allem die jetzt im Oderbruch lebenden Heimatvertriebenen aus den früheren Staatsgebieten, dass dieser Zustand nur vorübergehend sein wird. Nicht einmal im Traum hätte man beispielsweise daran gedacht, dass die Oder einmal zur Außengrenze der Europäischen Union werden könnte. Ganz abgesehen davon, dass dieser Begriff damals natürlich noch nicht existierte. Auch heute, im Zeitalter der "Grenzenlosigkeit" ist und wird die Oder weiterhin die Staatsgrenze zu Polen bilden.  Kehren wir aber wieder zur DDR zurück.

In den ersten Jahren nach dem Krieg bewachten kasernierte Einheiten der "Deutschen Grenzpolizei" die Staatsgrenze. Grenzkompanien gab es zum Beispiel in Kienitz und Genschmar. Die Personalstärke der Grenzer wurde schon Ende der fünfziger Jahre zugunsten der Grenzen zu West-Berlin und zur BRD, reduziert. Von den sechziger Jahren bis zum Ende der DDR sorgten so genannte Grenz-ABV für Recht und Ordnung an der polnischen Grenze. Die korrekte Bezeichnung dieser, im Fähnrichsrang stehenden Grenztruppenangehörigen, lautete "Grenzabschnittsposten". Die Bezeichnung "Grenz-ABV" war aber so falsch nicht, denn man orientierte sich durchaus am ABV-System der Volkspolizei.  Dem "Grenzabschnittsposten" unterstand ein mehrere Kilometer umfassender eingegrenzter Bereich an der Staatsgrenze. Ihre Aufgabe bestand, anders als an der "Westgrenze", nicht in der Grenzsicherung, sondern in der Grenzüberwachung. Das bedeutet das der Grenzer nicht ständig, sondern nur an eigens gewählten Schwerpunktzeiten im Abschnitt unterwegs war.

Seine Aufgabe bestand natürlich auch in der Verhinderung von illegalen Grenzübertritten, aber auch in der Durchsetzung der allgemeinen Ordnung und Sicherheit an der Staatsgrenze. Dabei stand er im Kontakt mit dem ABV der Volkspolizei. Man traf sich des öfteren in den jeweiligen Dienstzimmern um Informationen auszutauschen. Dem " Grenz-ABV" standen wie seinem Kollegen von der VP, Freiwillige Helfer aus der Bevölkerung zur Verfügung. Diese " Freiwilligen Helfer der Grenztruppen" trugen während ihres Streifendienstes eine Felddienstuniform der NVA, ohne Rangabzeichen, so wie eine grüne Armbinde mit dem Emblem der "Grenztruppen der DDR".

Der "Grenz-ABV" hatte seinen Wohnsitz in dem ihm zugewiesenen Abschnitt. Ebenso wie dem ABV der Volkspolizei verfügte auch er in seinem Wohnhaus oder in der Wohnung, über ein eigenes Dienstzimmer mit Telefon.  Für seine Streifen standen ihm ein Motorrad oder ein Trabant-Kübel zur Verfügung.

Der Alltag eines Grenzers an der Oder dürfte wohl nicht sehr abenteuerlich gewesen sein. Es kam zwar auch schon vor dem Herbst 1989 vor dass DDR-Bürger über Polen in die BRD flüchten wollten, aber insgesamt gesehen blieben solche Fälle die Ausnahme.

Über ein Vorkommnis aus dem März 1989 ist mir nur ein kurzer Eintrag aus dem ODH-Rapport bekannt. Demnach wurde bei Bleyen ein Helfer der Grenztruppen während einer Observation von polnischen Schmugglern verprügelt.

Eine weitere Unterbrechung des täglichen Einerlei stellte, die manchmal durchaus lebensgefährliche Fahndung nach sowjetischen Deserteuren und die Suche bzw. das Auffinden von Wasserleichen dar.

Der Herbst 1989 stellte die Grentruppen an der Oderr vor eine ungewohnte Herausforderung. Besonders in den Abschnitten Kienitz, Reitwein und Lebus kam es täglich zu mehreren Grenzübertritten von DDR-Bürgern. Diese Menschen hatten die Absicht weiter nach Warschau, zur Botschaft der damaligen Bundesrepublik Deutschland, zu reisen.

Die am anderen Ufer der Oder patrouillierenden Kräfte der "WOP", des polnischen Grenzschutzes, sahen sich im ständigen Konflikt. Einerseits betrachtete man die ganze Sache als alleinige Angelegenheit zwischen den beiden deutschen Staaten. Andererseits ergaben sich aus dem noch immer gültigen Grenzvertrag zwischen der DDR und Polen, auch Pflichten.

So entschied man sich für einen Kompromiß: Alle DDR-Bürger welche in einem Steifen von 10 km im Grenzgebiet ertappt wurden, drohte die vorläufige Festnahme. Anschließend wurden diese dann am Grenzübergang Frankfurt(Oder)-Stadtbrücke an die Organe der DDR übergeben. DDR-Bürger welche sich bereits mehr als zehn Kilometer im Landesinnern befanden, blieben unbehelligt.

Die Grenzabschnittsposten und deren Helfer alleine konnten den Ansturm auf die Staatsgrenze nicht mehr verhindern. Aus diesem Grunde wurden, zum Beispiel bei Lebus, Kompanien welche vorher von der Westgrenze abgezogen wurden,  an der Oder zum Einsatz gebracht.

Die Kommunikation zwischen den Grenzern und ihrer Führungsstelle im "Grenzabschnittskommando Frankfurt (Oder), erfolgte bis zum Herbst 1989, zumindestens in den entfernten ländlichen Bereichen, nur über Telefon. Während des Streifendienstes war der Grenzer nicht erreichbar.  In aller Hektik rüstete man die Grenzabschnittsposten mit Handfunksprechgeräten aus. Deren Reichweite war allerdings begrenzt, so dass oftmals nur Satzfetzen zu hören waren.

Die Grenztruppen wurden bis Ende Oktober 1989 von der Volkspolizei und dem MfS unterstützt.

Es kam während dieser Zeit zu einigen Vorkommnissen an der vorher so ruhigen Staatsgrenze

 

- um den 15.Oktober wurde eine männliche Leiche bei Reitwein aus der Oder geborgen. Es handelte sich dabei um einen jungen Mann, welcher in die Bundesrepublik Deutschland flüchten wollte.

 

- Anfang Oktober bedrohte eine Gruppe von Jugendlichen in den Oderwiesen bei Küstrin-Kietz einen Helfer der Grenztruppen, von welchem sie kontrolliert werden sollten, mit einem Holzknüppel. Danach schwammen die Jugendlichen an das andere Ufer der Oder, wo sie allerdings vom polnischen Grenzschutz festgenommen und in die DDR abgeschoben wurden

 

-Ebenfalls in den Oderwiesen bei Küstrin-Kietz fand ein Grenzabschnittsposten eine Grußkarte eines Mannes aus Seelow.

Der Seelower hatte den staatlichen Organen der DDR einen spöttischen Gruß zurückgelassen.

 

-Fast tötlich endete der Versuch eines jungen Mannes die Oder bei Genschmar zu durchschwimmen. Dem zuständigen Grenzer gelang es, den völlig erschöpften Mann zur Aufgabe zu überreden.

 

Die auf DDR-Seite festgenommenen wurden zunächst zu den VPKÄs nach Seelow oder Bad Freienwalde verbracht. Dort erfolgte ihre Vernehmung durch den "Grenz-Offizier" der Kriminalpolizei. In den allermeisten Fällen wurde der verbotene Grenzübertritt, bzw. dessen Versuch, nicht als Straftat sondern als Ordnungswidrigkeit gewertet. Die Betroffenen wurden nach Hause entlassen, mussten allderdings mit einer empfindlichen Geldbusse rechnen.

 

Im Jahre 1990, insbesondere die letzten Monate vor der Wiedervereinigung, brachten noch einmal  besondere Arbeit für die Grenzabschnittsposten. Souvenierjäger entwendeten die Hoheitszeichen der im Untergang befindlichen DDR von den Grenzpfählen an und auf dem Oderdeich. Ab August 1990 wurde auf Initiative des damaligen DDR-Innenministers Dr. Diestel, der so genannte " Grenzschutz Ost" aus Grenztruppenangehörigen und Volkspolizisten gebildet. Diese Formation hatte allerdings nur eine kurze Lebensdauer. Die Mitarbeiter wurden nach dem 03. Oktober 1990 vom Bundesgrenzschutz übernommen.

Schon wegen ihrer verschiedenartigen Uniformierung, war der "Grenzschutz Ost" eine ziemlich "bunte Truppe". Die meisten von ihnen wurden später zu Bundesbeamten im BGS, einige von ihnen verrichteten noch heute ihren Dienst im Oderbruch.

Es dauerte auch nicht lange bis sich die ersten illegalen Einwanderer, in der damaligen Zeit meist aus Rumänien, einfanden.

Im September 1990 wurde eine solche Gruppe an der Oder gestellt und zum damals noch so heißenden VPKA Seelow gebracht.  Da man nicht genug Zellenräume hatte, brachte man die "Illegalen" im Wartezimmer des VPKA unter. In genau jenem Raum wo noch ein Jahr vorher DDR-Bürger auf die Erteilung ihrer "Westreise" gewartet hatte. Die Geschichte kann manchmal durchaus makaber sein!

 

 

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Die Volkspolizei im Oderbruch

Blick in den früheren ODH-Raum, Seelow 1993
Blick in den früheren ODH-Raum, Seelow 1993
Blick auf den ODH-Tisch im VPKA
Blick auf den ODH-Tisch im VPKA

Einleitung

Für das Oderbruch waren in der DDR die Volksplozeikreisämter Bad Freienwalde und Seelow zuständig. Da ich zu jener Zeit in Seelow Dienst geschoben hatte, fällt es mir natürlich leichter, speziell über diese Dienststelle zu berichten. Von der allgemeinen Struktur, der Größe und den Aufgabengebieten unterschieden sich beide Ämter allerdings nur wenig.

 

1. VPKA Seelow im Jahr 1989

Leiter: Oberstleutnant der VP Wolfgang N.

die Stellvertreter waren:

Stellvertreter und Stabschef: Major der VP Dietrich W.

Stellvertreter für politische Arbeit: Major der der VP Artur B.

Leiter Versorgungsdienste: Hauptmann der VP Bernd I.

 

Das VPKA Seelow hatte seinen Sitz in Seelow, Mittelstraße. Dort befanden sich die meisten Abteilungen, der Polizeigewahrsam sowie die Aufenthalträumde der -operativen Kräfte-.

Die Leitung der Schutzpolizei, das Erlaubniswesen, die "Abteilung Feuerwehr" und die Versorgungsdienste, waren im " Objekt II" in der Breiten Straße untergebracht. Dort befindet sich die heutige Seelower Polizeiwache. Bis 1990 hatten dort zusätzlich noch der " Vertragsarzt der Volkspolizei" in der unteren Etage, ein Sprechzimmer eingerichtet.

Den oberen Bereich belegte die "Abteilung Liegenschaften", heute würde man "Grundbuchamt" sagen, des Rates des Kreises Seelow.

 

Die Volkspolizeikreisämter waren in der DDR in Kategorien von 1-3 eingeteilt. Wer zu welcher Kategorie gehörte, war von der Größe des jeweiligen Gebietes, der Einwohnerzahl und nicht zuletzt von der Anzahl der im Zuständigkeitsbereich verübten Straftaten abhängig. Eine weitere Kriterium, war das Vorhandensein bzw. die Nähe zu einer Staatsgrenze, wobei man dabei vorrangig die Grenzen zu Berin (West) und der BRD im Auge hatte. Die Staatsgrenze zu Polen zieht sich zwar fast vierzig Kilometer durch den Bereich des VPKA Seelow, hatte aber nur eine sehr geringe Bedeutung im polizeilichen Alltag. Grenzübergänge und damit Grenzverkehr, waren zur damaligen Zeit nicht vorhanden. Illegale Grenzübertritte kamen bis 1989 nur sehr selten vor, außerdem waren für die Überwachung der Staatsgrenze ohne die Grenztruppen und nicht die Volkspolizei zuständig.

 

Das VPKA Seelow gliederte sich wir folgt auf:

 

a) Stabsbereich

Dem Stabsbereich stand der so genannte Stabschef, zuletzt Major Dietrich W., vor.  Dieser Bereich gehörte zu den Sperrbereichen und  war durch eine mittels  eines Zahlenschloss gesicherte braungepolsterte Tür, vom übrigen VPKA abgetrennt. Der Zahlencode wurde in regelmäßigen Abständen geändert und war nur den unmittelbaren Mitarbeitern des Stabes und der Amtsleitung bekannt. Unmittelbar an der Tür befand sich ein Telefon. Mit diesem konnten "gewöhnliche" Polizisten  Kontakt zum "Operativen Diensthabenden" aufnehmen und unter Nennung von Name und Dienstgrad um Einlass zu bitten.
Das " Herz und Hirn" nicht nur des Stabes sondern des gesamten VPKA, stellte der Bereich des " Operativen Diensthabenden", kurz ODH genannt. Eine nur von innen zu öffnende Tür schottete dessen Arbeitsräume zusätzlich vom übrigen Stab ab.  Bei den "ODH"s handelte es sich um besonders geschulte, erfahrene Offiziere, mit einem umfangreichen Aufgabengebiet. Hier liefen alle polizeilich relevanten Meldungen ein, sich daraus ergebene Maßnahmen mussten eingeleitet und koordiniert werden. An dem mit verschiedenfarbigen Knöpfen versehenen "ODH-Tisch" liefen die Notrufe von Polizei & Feuerwehr ein. Über Funk konnte der ODH Aufträge an die operativen Kräfte verteilen und ggf. deren Einsätze lenken und leiten. Per Direktleitung konntenach Bedarf  mit allen wichtigen Behörden im Kreisgebiet kommuniziert werden. In einem Nebenraum war die eigentliche Telefonzentrale des VPKA untergebracht. Über einen Fernschreiber, 1989 bereits ein Gerät der neueren Generation, liefen aktuelle Fahndungen und andere Meldungen aus der gesamten DDR ein.In der "Stabsdienstzeit", zwischen 07.00 Uhr-16:30 Uhr, vermittelte ein Mitarbeiter der Abteilung N (=Nachrichten) alle über das öffentliche Telefonnetz eingehenden Gespräche an die jeweiligen Mitarbeiter.
 Nach 16:30 Uhr wurden diese Gespräche auf den "ODH-Tisch" umgeleitet, was eine zusätzliche Arbeitsbelastung bedeutete. Das lag nicht so sehr daran, dass man früher etwa zu allen "Tag und Nachtzeiten" das VPKA angerufen hätte. Das marode, hoffnungslos überalterte Telefonnetz der DDR brachte es mit sich, dass eine Vielzahl von Anrufern fehlgeleitet wurden. Manch Anrufer musste ungläubig einsehen, dass er statt wie gedacht seine Ehefrau etc, die Volkspolizei an der "Strippe" hatte.
Alle wichtigen Ereignisse des Tages wurden im -Lagefilm- festgehalten. Daraus wurde dann für die Zeit jeweils von 04:00 Uhr-04:00 Uhr ein Tagesrapport erstellt und dem Leiter des VPKA bei der Frühbesprechung vorgelegt. Die SED-Kreisleitung, die Kreisdienststelle der Staatssicherheit und der "Rat des Kreises" erhielten speziell ausgewählte Auszüge aus dem Rapport. Die täglichen Lagemeldungen mussten mit einer "ORMEG-Maschine" mühsam vervielfältigt werden. Wer diesen stechenden Geruch von dem dazu benutzten chemischen Mittel einmal in der Nase hatte, vergisst ihn nie wieder!
Dem ODH, der seinen Dienst im Zeitraum von jeweils 08:00 Uhr-08:Uhr des nächsten Tages versah, stand nach 17:00 Uhr ein Gehilfe, der so genannte "GODH" zur Seite. Gestellt wurden diese Kräfte zumeist aus nicht operativen Bereichen, zum Beispiel der Nachrichtenabteilung oder der "Hauswache".
Des Weiteren gehörten zum Stab:
Die Post und VS-Stelle
Leiterin: Unterleutnant der VP Sabine Z.
Die Nachrichtenabteilung
Leiter: Oberleutnant der VP Schorn
Der Offizier für Aus und Weiterbildung ( Auwei-Offizier), Hauptmann Frank M.
Der Kampfgruppenoffizier der VP Bernd St.
in dessen Aufgabengebiet fiel die Ausbildung und Schulung, der so genannten " Betriebskampfgruppen der Arbeiterklasse". Neben dem Politoffizier war dieser Posten einer der ersten, welcher im Zuge der Wende im Herbst 1989, wegrationalisiert wurde.
Ein besonders wichtigen Posten hatte der Kaderoffizier, zuletzt Hauptmann der VP Sylvia R. inne. Es gab keine wichtige Entscheidung, egal ob Einstellung, Entlassungen, Prämierungen und/oder Verleihungen von Orden, die nicht über ihren Tisch gingen. Allerdings hatte in vielen Fällen auch der Verbindungsoffizier der Seelower Staatssicherheit, Hauptmann Wolfgang K., ein wichtiges Wort mitzureden. Auch in Seelow konnte niemand Volkspolizist werden, ohne dass das MfS sein Einverständnis erklärte.
Noch im Frühjahr 1989, wenige Monate vor der Wende, musste ein junger Seelower Polizist seinen Dienst quittieren. Sein "Vergehen" lag darin, dass er sich nicht von seiner Verlobten trennen wollte, nur weil diese regelmäßg Kontakt zu ihrem in der BRD lebenden Cousin hatte.
2. Die Abteilungen des VPKA Seelow
a) - Pass und Meldewesen
Leiter: Hauptmann der VP Heinz H.
Stellvetreter: Oberleutnant der VP Elise H.
Mit dem -Pass und Meldewesen-, kurz "PM" genannt" kam jeder "gelernte DDR-Bürger", spätestens nach Vollendung seines vierzehnten Lebensjahres in Kontakt. Dann bekam man den Personalausweis aus den Händen eines der Mitarbeiter dieser Abteilung überreicht. Seinen Sitz hatte " PM" in der unteren Etage des VPKA, in den Räumen 2-7.
Die Abteilung gliederte sich zusätzlich in verschiedene Teilbereiche auf:
-
 die Meldestelle
Dieser Bereich war zuständig für alle Melde und Ausweisangelegenheiten, Erteilung von VISA zwecks Reisen in das "befreundete Ausland" und die Ausgabe von "polizeilichen Führungszeugnissen".
Die Meldestelle verfügte über Außenstellen in Marxwalde (heute Neuhardenberg) und Letschin, jeweils bei den Diensträumen der zuständigen ABV
 
die Kreismeldekartei-
Dieser Bereich zählte zu den sensibelsten und damit ebenfalls-Sperrbereichen- des Amtes. Wurden doch hier, auf Karteikarten, die Daten inklusive der Passfotos, aller Einwohner des Kreises Seelow welche das vierzehnte Lebensjahr vollendet haben, gespeichert. Nur wenige "Handverlesene" Mitarbeiter hatten zur KMK, welche im Raum 7 des VPKA untergebracht war, Zutritt. ´Entgegen dieser Vorschrift, durften die Mitarbeiter des MfS zu allen Zeiten, ohne Aufsicht!!, die "KMK" betreten, um sich mit  personenbezogenen Daten zu versorgen. Das änderte sich erst im November 1989, kurz vor der Auflösung der Seelower Kreisdienststelle für Staatssicherheit.
 
Reiseverkehr in das NSW 

 

Wer gar in das " Nichtsozialistische Weltsystem" sprich in den Westen reisen wollte, musste sich zuerst in den Zimmern 4 &5 des VPKA melden. Obermeisterin der VP Monika K. und Unterleutnant der VP Ernst B. kam als "Sachbearbeiter für Reiseangelegenheiten" die nicht selten undankbare Aufgabe zu, Anträge zu diesen, sehr begehrten Reisen, entgegenzunehmen.

Die Vorbereitung einer "Westreise"  aus familiären Gründen, kann man am ehesten mit einem Hindernislauf vergleichen, wobei ständig, selbst noch kurz vor dem Ziel, straucheln konnte.

Der Gesetzgeber hatte den Rahmen der dafür in Frage kommenden, schon von Hause aus sehr eng gefasst. Dazu kamen noch gewisse "Sicherheitspolitische Bedenken", die ohne dass es der Betreffende überhaupt merkte, abgeklärt werden mussten.

Die erste Hürde hatte man genommen, wenn der Antrag von den Sachbearbeitern nicht sofort abgelehnt wurde. Im Gespräch hatten diese die verwandschaftlichen Verhältnisse des Antragsstellers mit der zu besuchenden Person abzuklären. Wer danach das VPKA bereits jubelnd und voller Vorfreude auf die Reise verließ, wurde nicht selten bitter enttäuscht. Ohne es wirklich zu ahnen, hatte er  noch ein umfangreiches Kontrollsystem zu durchlaufen.

Von der Abteilung -PM- erging eine Information über die geplante Reise nebst den dazugehörigen Personalien an die Kreisdienststelle für Staatssicherheit nach Seelow-Zernikow. Der für den Wohnort des Antragstellers zuständige "Abschnittsbevollmächtigte der Volkspolizei" erhielt einen Auftrag, einen Auskunftsbericht über die Person zu verfassen. Besonderen Aspekt kamen dabei zum Beispiel den familiären Verhältnissen und den Vermögenswerten des "Reiselustigen" zu teil.

Wer sich ein Eigenheim gebaut  nach langen Jahren des Wartens einen PKW gekauft hat und in einer stabilen Ehe lebt, kommt auch wieder in die DDR zurück. So lautete die einfache aber naheliegende Faustformel, um eventuelle "Republiksfluchtabsichten" zu erkennen. Die eigentliche politische Einstellung kam dabei, so unglaublich das auch klingen mag, nur eine nebensächliche Bedeutung zu. Aber der positive Bericht des ABV bedeutete nicht zwangsläufig die begehrte "Fahrkarte in den Westen". Das MfS führte eigene Ermittlungen und besaß das uneingeschränkte Einspruchsrecht, um die Reise noch verhindern zu können. Dabei erfuhren weder die Polizei und schon gar nicht der Bürger, die Gründe welche zur Ablehnung geführt hatten.  Erst jetzt, wenn alle Bedenken ausgeräumt waren, durfte sich der Bürger den begehrten blauen Reisepass abholen. War dieses aber nicht der Fall, mussten Monika K. oder Ernst B. die Ablehnung verkünden, ohne konkret deren Gründe zu kennen.

Ich hatte 1988 und 1989 mehrmals Dienst in der Anmeldung des VPKA verrichtet. Dabei hatte ich ebenso oft weinende oder wütende, als auch glücklich strahlende Menschen aus den besagten Räumem mit den Nummern 4 & 5 herauskommen sehen. Nicht zu glauben, dass man heute einfach so jeden Punkt in Deutschland bzw. in Europa erreichen kann, ohne ausgiebig ausgeforscht zu werden.

 

 

 

 

b) Abteilung Verkehrspolizei ( VK)

 

Leiter: Hauptmann der VP Benno K.
 
Die Verkehrspolizei, polizeiintern "VK" abgekürzt und von der Bevölkerung wegen der Farbe ihrer Dienstmützen als "Weisse Mäuse" bezeichnet, hatte ihren Sitz in der unteren Etage des VPKA, unmittelbar neben den Dienstzimmern des "Pass und Meldewesens". Wie diese gehörte auch die Verkehrspolizei zu den am meisten von der Öffentlichkeit frequentierten Bereiche des VPKA Seelow. Die Verkehrspolizei war in folgende Teilbereiche untergliedert:
1. KFZ-Zulassung
2. Führerscheinwesen
3. KFZ-Sachverständiger
4. Verkehrsunfallbearbeitung
Des Weiteren gab es noch die operativ tätigen "Verkehrsüberwacher" welche vorwiegend mit Motorrädern und einem Funkstreifenwagen Typ "Wartburg" unterwegs waren.
Für die Verkehrsunfallaufnahme stand ein speziell ausgerüsteter Barkas zur Verfügung.
Um einige Angehörige der Seelower Verkehrspolizei rankten sich bereits zu ihren Dienstzeiten mehr oder weniger bissig vorgetragene Legenden. Das ist der Konsequenz der betreffenden Polizisten bei der Ahndung von Verkehrsdelikten geschuldet. Das man sich dabei natürlich keine Freunde macht, liegt in der Natur der Sache.
Eine in Seelow und Umgebung gern kolportierte Geschichte besagt, dass Unterleutnant Werner B. so gar seine eigene Ehefrau gebührenpflichtig verwarnt hatte. Na ja also, wenn die Geschichte denn stimmt, müsste von vor so viel Mut eigentlich den Hut ziehen! Langjährig verheiratete wissen wovon ich spreche! Ein weiterer legendärer Verkehrspolizist war Benno K., der Chef der "Weissen Mäuse". In seinem Fall behauptet die Legende, dass er seinen eigenen Bruder bei einer Trunkenheitsfahrt ertappt und der gerechten Strafe zugeführt haben soll. Auch den Wahrheitsgehalt dieser Geschichte kann ich nicht beurteilen. Die nun folgende Geschichte mit Benno K. beruht auf eigenen Erleben und ist folglich wahr:
Im Frühjahr  1989, kam mir während eines Streifenganges in Seelow, eine Mopedfahrerin entgegen. Die Dame trug, entgegen der kurz vorher eingeführten Vorschrift, keinen Schutzhelm.
Pflichtgemäß und bewusst, stoppte ich das Gefährt.  Meine Frage warum sie denn "oben ohne" unterwegs sei, beantwortete die junge Frau mit einem unschuldigen Lächeln. Kurz und knapp, bei der Verkehrssünderin handelte es sich um die jüngste Tochter von Benno K.  Mhm, man will es sich schließlich mit seinen Kollegen nicht verderben, dachte ich. Und so kam Fräulein K. mit 5 Mark Geldbusse und einer Belehrung davon. Zwei Tage später, ich hatte den Vorfall bereits wieder vergessen, rief mich Benno K. in sein Dienstzimmer.
Mit strenger Mine hockte der kräftig gebaute, grauhaarige Offizier hinter seinem Schreibtisch. " Haben Sie vorgestern ein gewisses Fräulein K. angehalten und kontrolliert?
"Ja" antwortete ich erschrocken. Im ersten Augenblick glaubte ich, dass K. über die ausgesprochene Verwarnung wütend war. " Sie hatten meine Tochter angehalten, weil diese keinen Schutzhelm getragen hat?", erkundigte sich K. weiter. Nachdem ich auch das bestätigt hatte, folgte die nächste Frage. " Warum in aller Welt haben Sie meine Tochter dafür nur mit einer Geldstrafe von fünf Mark bestraft? Ich habe mir fast den Mund fusslig geredet, damit sie sich einen Helm aufsetzt. Und dann wird sie endlich mal von der Polizei erwischt, was ich ihr schon lange prophezeit hatte, und was passiert? Sie muss lediglich 5 Mark Strafe bezahlen und darf weiterfahren. Warum zum Teufel waren Sie denn so nachsichtig? Doch nicht etwa weil es sich bei der jungen Dame um meine Tochter gehandelt hat? Ehrlich!" " Nein, sie war einsichtig. Da waren fünf Mark Verwarnung doch ausreichend." Hauptmann K. schüttelte ungläubig den Kopf. " Das eine sage ich ihnen, meine Familienangehörigen stehen nicht außerhalb des Gesetzes. Die STVO gilt auch für meine Tochter! Ich möchte nicht erleben, dass jemand anders behandelt wird als andere Kraftfahrer, nur weil ich der Vater der betreffenden Person bin."
Obermeister der VP Gerhard W., respektvoll "Stempel-W." genannt, konnte sich über mangelnde Publicity ebenfalls nicht beschweren. Die meisten der ihm nachgesagten Storys dürften ebenfalls auf Übertreibungen und Boshaftigkeiten uneinsichtiger Verkehrsrüpel beruhen. Aber diese Geschichte ist aus sicherer Quelle überliefert und sagt mehr über W.s Persönlichkeit, als die vielen anderen "Schnurren".
Eines Tages in den frühen achtziger Jahren, war Obermeister W. in Seelow unterwegs. Auf dem Puschkinplatz entdeckte er einen im "Halteverbot" stehenden PKW. Wie in solchen Fällen üblich waltete W. seines Amtes. Der Fahrer des PKW machte auch keinerlei Anstalten mit dem Polizisten über den begangenen Verstoß zu streiten. Aber als W. eine gebührenplichtige Verwarnung aussprach, outete sich der Sünder als General der Nationalen Volksarmee. W.s prompte Antwort ist in die Seelower Polizeigeschichte eingegangen:
" Ganz egal ob Sie nun General oder Zirkusdirektor sind, die Gesetze sind für alle gleich verbindlich."  Der verdutzte General zahlte nicht nur widerspruchslos, er schickte auch ein Schreiben an den damaligen Leiter des VPKA Seelow. In dem Schreiben lobte er ausdrücklich den vorbildlichen Volkspolizisten W., der sich auch von einem General nicht von seiner Pflichterfüllung abhalten lies.
Die Installation der Ampelanlage Ende 1988 im Bereich der Seelower Hauptkreuzung, wo die Fernverkehrsstraßen 1 und 167 aufeinandertreffen, stellte schon eine kleine Sensation dar. Damit verschwand aber auch eine Person aus dem Seelower Stadtbild, die lange Jahre während des morgendlichen und abendlichen Berufsverkehrs einfach dazu gehörte. Ich spreche vom Verkehrsregulierer, jenen Polizisten welche auf einem Podest stehend, mit wirbelnden Reglerstab virtuos den Verkehrsfluß in die richtigen Bahnen lenkten. Das war nicht nur ein, wegen der Abgase, ungesunder, sondern auch ein gefährlicher Job. Es kam schon mal vor, dass Polizisten von verwirrten oder unaufmerksamen Autofahrern angefahren wurden.
Schwere Verkehrsunfälle, Raserei und Alkohol am Steuer stellten schon in der DDR ein ernstzunehmendes Problem dar. In dem relativ kleinen Kreis Seelow mussten Jahr für Jahr durchschnittlich fünf Verkehrstote betrauert werden. Im August 1988 starben in einer einzigen Nacht zwei junge Menschen bei Verkehrsunfällen in Golzow und Lebus. Zwischen Gusow und Seelow prallte im Juli 1988 der Fahrer eines PKW Trabant gegen einen Straßenbaum. Das Fahrzeug fing sofort Feuer, wobei der Mann bis zur Unkenntlichkeit verbrannte. Das sind nur einige Beispiele dafür, dass der tägliche Wahnsinn auf unseren Straßen keine Erfindung der Neuzeit ist. Die Verkehrspolizei setzte mit Radarkontrollen vorrangig an den vielbefahrenen Fernverkehrsstraßen, sowie mit allgemeinen Verkehrskontrollen dagegen. Diese Maßnahmen beschränkten sich im wesentlichen aber auf die größeren Orte und die verkehrsreicheren Straßen. Im weiten Oderbruch bekam man, außer dem "Dorfsheriff, bis 1989 nur selten einen Polizisten zu sehen. Das war auch ein Grund dafür, dass Fahren unter Alkoholeinfluss bei vielen damals schon zum " guten Ton" gehörte. Und das trotz der 0,0 Promille-Regelung in der DDR. Aber was nützen die besten Gesetze, wenn deren Einhaltung nicht oder nur mangelhaft kontriolliert werden kann? Auch tragische Ereignisse wie dieses änderte nicht viel daran: Ein 18-jähriger aus Groß Neuendorf hatte Anfang der achtziger Jahre eine Disco in Letschin besucht. Obwohl er  mit seinem Motorrad angereist wae, betrank sich der junge Mann an diesem Abend heftig. Nicht das erste Mal übrigens, denn in seinem Freundeskreis hatte er sich schon desöfteren mit solchen "Heldentaten" gebrüstet. Dann kam aber jene Nacht, welche das Leben des jungen Mannes nachhaltig verändert sollte. In Kienitz-Nord kam er mit seinem Motorrad zu Fall und prallte gegen einen Straßenbaum. Eine gebrochene Wirbelsäule war die schwerwiegenste der dabei erlittenen Verletzungen. Fortan musste er sein Leben querschnittsgelähmt im Rollstuhl verbringen. Wer weiß wie oft er diese verhängnisvolle Nacht und seinen Leichtsinn bereits verflucht und/oder bereut hatte?
c) Schutzpolizei
Leiter: Hauptmann der VP Helmut T.
Stellvertreter und gleichzeitig Offizier für Erlaubniswesen : Hauptmann der VP Gerhard Sch.
Wie überall in der Polizei üblich, so war auch die Schutzpolizei innerhalb des VPKA Seelow, das "Mädchen für alles". Neben dem üblichen Streifendienst, meist zu Fuß und in Seelow, wurden die Schutzpolizisten auch zur Beaufsichtigung und Bewachtung von vorläufig festgenommenen Personen herangezogen. Für diese Zwecke befand sich im Keller des VPKA ein Zellentrakt. Der Dienst in der abgestandenen Kellerluft war eine Tortur, sowohl für den Polizisten als auch für den aus welchen Gründen auch immer in Gewahrsam genommenen. Dieser musste zur eigenen Sicherheit ständig beaufsichtigt werden, wobei die Kontrollen akribisch in einem Kontrollbuch nachgewiesen werden mussten.  Das hatte seinen Grund in einem schweren Vorkommnis. Mitte der achtziger Jahre war es einem wegen sexuellen Mißbrauchs von Kindern festgenommenen Mann gelungen, die Schnur seines Parka mit in die Zelle zu schmuggeln. Möglicherweise aus Angst vor drohenden Repressalien seiner Mitgefangenen strangulierte er sich am Heizungskörper. Der Wachposten hatte das Geschehen erst bei der Dienstübergabe bemerkt. Der Dienst im Gewahrsam war aber auch aus anderen Gründen nicht einfach. Nicht immer waren die Insassen friedlich, besonders wenn diese unter dem Einfluss von Alkohol standen.
Schutzpolizisten regelten bei schweren Verkehrsunfällen den Verkehr, sicherten die Kriminalisten bei Durchsuchungsmaßnahmen, realisierten Haftbefehle und schlichteten Streitigkeiten.
Die Gesamtstärke der operativen Einsatzkräfte der Schutzpolizei in Seelow schwankte zwischen fünf und zehn Einsatzkräften. Es gehörte zur Normalität, dass in einer Schicht nur ein einziger, höchstens aber zwei Polizisten im Einsatz waren. Für Einsätze im Kreisgebiet stand ein Funkstreifenwagen der Marke "Lada" zur Verfügung. Nach Beendigung der Maßnahme musste der Streifenwagen in aller Regel wieder in die Garage gestellt werden. Durfte der Streifenwagen doch einmal zu seinem eigentlichen Zweck, dem Streifendienst, benutzt werden, musste das Kilometerlimit unbedingt eingehalten werden. Im Sommer 1989 wurde das Benzin seitens der Polizeiführung derart limitiert, dass der ODH erst mit dem Leitungsdienst des VPKA Rücksprache halten musste, um den Einsatz des Funkstreifenwagens zu genehmigen.
Geführt wurde die Seelower Schutzpolizei vom "Leiter Schutzpolizei" auch " S-Leiter- genannt, Hauptmann Helmut T. Ihm zur Seite standen ein Gruppenführer, welcher im wesentlichen für die organisatorischen Dinge (Dienstplan) verantwortlich war und zwei Streifenführer. Die Streifenführer waren vornehmlich für die Ausbildung und Einarbeitung von Neueingestellten Polizisten zuständig.
Die so genannten "Ordnungsgruppen der FDJ", dass waren als Ordner bei Großveranstaltungen fungierende Jugendliche, erhielten bei der Schutzpolizei ihr "Rüstzeug". Bei der Ausbildung dieser Ordner wurde der S-Leiter von seinem Gruppenführer tatkräftig unterstützt.
Der Aufenthaltsraum der Seelower Schutzpolizisten befand sich im ersten Stock des Amtes, während sich das Büro von Helmut T. in der Breiten Straße (heutige Polizeiwache) befand. Die Sekretärin des Leiters der Schutzpolizei, VP-Obermeisterin Johanna K. aus Sachsendorf, ist wegen ihrer mütterlichen Art noch heute bei den älteren Polizisten in guter Erinnerung geblieben. Neben den üblichgen Arbeiten einer Sekretärin, hatte immer ein offenes Ohr für die kleinen und großen Sorgen, der meist sehr jungen am Anfang ihrer beruflichen Karriere stehenden VP-Angehörigen.
Der tägliche Dienst eines Streifenpolizisten verlief naturgemäß sehr unterschiedlich.
Nach der Meldung beim "ODH" und der Einweisung in die polizeiliche Lage, hatte sich der Schutzpolizist in den Tagstunden, anders als heute, vorwiegend um den " ruhenden Verkehr" zu kümmern. Schwerpunkte waren dabei die Parkplätze, welche damals noch in ausreichender Anzahl zur Verfügung standen. Trotzdem nahmen manche Kraftfahrer die Verkehrsregeln schon vor zwanzig Jahren nicht immer so genau.  Die wenigen vorhanden spezillen Behindertenparkplätze, waren schnell zugeparkt. Nur die wenigsten konnten die dafür benötigte Genehmigung vorweisen, oder litten wirklich an einer schwerwiegenden körperlichen Behinderung.
Aber es waren durchaus nicht nur Verkehrsordungswidrigkeiten mit denen die Seelower Volkspolizei zu tun hatte.
Die folgenden Vorfälle aus dem Jahre 1988 sind mir besonders im Gedächtnis geblieben:

 

Ebenso wie Verkehrsrowdytum ist auch Ausländerfeindlichkeit keine Erfindung der Nachwendezeit. Berührungspunkte mit realen Ausländern gab es aber im Oderbruch bis 1989 so gut wie keine. Die einzigen Ausländer welche man, abgesehen von den ohnehin isolierten sowjetischen Soldaten begegnen konnte, waren polnische Erntehelfer. Diese kamen in den Sommermonaten überwiegend bei der Gurken und Tomatenernte im Oderbruch, zum Einsatz. Untergebracht waren diese meist jugendlichen Erntehelfer unter anderem im " Lager für Erholung und Arbeit" in Gusow, sowie in der Landwirschaftlichen Berufsschule in Seelow, Strasse der Jugend.

Im August 1988 meldeten sich zwei polnische Betreuer hilfesuchend spätabends beim VPKA Seelow. Kurz vorher hatte eine Gruppe von betrunkenen deutschen Jugendlichen die Unterkunft der Polen gestürmt und das Inventar beschädigt. Einige der Anwesenden erlitten leichte Verletzungen. Außerdem wurden Parolen gebrüllt, welche nach heutiger Rechtsauffassung durchaus den Tatbestand der Volksverhetzung erfüllt hätten. Der Grund des Überfalls, war ebenso profan wie typisch für solche beschämenden Vorkommnisse:

Einige der polnischen Erntehelfer hatten eine Discoveranstaltung im Seelower Kulturhaus besucht, was anscheinend den Mißfallen einiger Anwesenden erregt hatte.

Ich hatte an diesem Abend Dienst in der Hauswache, eine Streife stand nicht zur Verfügung. Aus diesem Grunde musste ich mich alleine zum Tatort begeben, wo mich die verängstigten Polen bereits erwarteten. Von Anfang an waren die Verantwortlichen der Seelower VP eher daran interessiert den für sie peinlichen und nicht in das Bild der "Völkerfreundschaft" passenden Vorfall, herunterzuspielen und unter den Teppich zu kehren. Man "vergatterte mich sofort zu tiefstem Stillschweigen über die Angelegenheit. Von Ermittlungen gegen die Täter ist mir persönlich nichts bekannt.

Eine Woche nach diesem Vorfall, kam es abermals nach einer Disco, erneut zu Auseinandersetzungen zwischen deutschen und polnischen Jugendlichen im Bereich der Seelower Kreisstadt. Eine Gruppe von Polen wurde auf dem Heimweg mit Kohlen und Steinen beworfen, worauf diese sich zur Wehr setzten. Es kam zu einer regelrechten Schlacht zwischen den Parteien. Es gelang der Polizei drei Tatverdächtige deutsche Jugendliche in der Nähe des Ortes der Auseinandersetzung ( Erich-Weinert-Straße) zu stellen. Sie wurden, wie es damals polizeiamtlich hieß, zugeführt und von der Kriminalpolizei vernommen. Auch in diesem Fall ist mir von einer Bestrafung nichts bekannt. Analog wie im ersten Falle, hegte man seitens der Führung ein starkes Interesse an der "Deckelung" der Auseinandersetzung.
Ein " Hauch von Kreuzberg" wehte im Juli 1988, an einem warmen Freitagabend durch Seelow. Die Besatzung eines Funkstreifenwagens, verstärkt durch den Stadt-ABV Hauptmann der VP Horst Sch., beobachtete einen betrunkenen Jugendlichen, welche gegen die Wand des Seelower Kulturhauses urinierte. Zu diesem Zeitpunkt fand in dem besagten Kulturhaus gerade eine Discoveranstaltung statt, wobei sich eine größere Anzahl von Jugendlichen aus den verschiedensten Gründen, vor dem Objekt befand. Der Jugendliche wurde von den Volkspolizisten wegen seiner "Ferkelei" angesprochen und zwecks Aufnahme seiner Personalien zum Streifenwagen verbracht. Man wollte gegen ihm eine Ordnungsstrafverfahren einleiten. Niemand rechnete aber damit, dass plötzlich eine Gruppe von Jugendlichen dem "Inhaftierten" folgen und lautstark dessen Freilassung fordern würde. Natürlich reagierten die Polizisten nicht darauf, wobei sich die Situation plötzlich überraschend schnell "hochschaukelte". Erst wurden die üblichen Beleidigungen gegen die Polizei gebrüllt, die man auch heute noch kennt. Außer vieleicht, " ABV-Dumme Sau", da es ja bekanntlich diese "Spezie" der Polizei nicht mehr gibt.
 Ein Hagel von Flaschen und Steine prasselte gegen den Streifenwagen, für Seelower Veerhältnisse bedeutete das eine ungekannte Eskalation der Gewalt!
 Als dann noch eine mit Benzin gefüllte brennende Flasche in der Nähe des Streifenwagens auf das Pflaster schlug, mussten die Volkspolizisten gar den Rückzug antreten. Die polizeilichen Verantwortungsträger sahen ihre erste Pflicht im Verschweigen des Vorfalls. Das von den Stein und Flaschenwürfen beschädigte Blaulicht wurde am nächsten Abend in aller Eile durch den eigens zur Dienststelle befohlenen Schirrmeister ausgetauscht. Selbst die vorgesetzte Dienststelle in Frankfurt (Oder) erhielt zunächst keine Kenntnis über das nicht nur für die Verhältnisse im Oderbruch sondern in der gesamten DDR , ungewöhnliche Vorkommnis.
Das es wenige Wochen später dennoch dazu kam, war eher dem Zufall geschuldet. Ein Major von der "Politabteilung" der Frankfurter Bezirksbehörde der Volkspolizei, nahm an einer Schulungsmaßnahme der Seelower Schutzpolizei teil. Dort sprach man auch über die Einsätze der vergangenen Wochen. Ein noch junger Unterwachtmeister der VP, im Glauben dass dem Major die "Schlacht vor dem Seelower Kulturhaus" bestens bekannt ist, schilderte diesen Einsatz. Er war noch immer von der Brutalität und dem Hass der Jugendlichen beeindruckt. Dem Genossen Major blieb ob des gehörten der Mund offen stehen. Hauptmann T., der Leiter der Seelower Schutzpolizei, erbleichte und warf dem Unterwachtmeister einen wütenden Blick zu. Die Seelower Polizeiführung durfte ganz sicher einige sehr peinliche Fragen ihrer Frankfurter Vorgesetzten beantworten.
Der Dezember 1988 brachte eine für die damalige Verhältnisse in der Seelower Schutzpolizei geradezu " revolutionäres" technisches Erneuerung mit sich. Aber nicht der Computer hielt Einzug bei der "S", sondern die Schreibmaschine. Nach endlosen Anträgen genehmigte die Amtsleitung endlich eine mechanische Schreibmaschine zur Verfügung. Es handelte sich dabei allerdings um kein neues, sondern um ein von einer anderen Abteilung ausgemustertes Exemplar. Vorher mussten die Schutzpolizisten ihre Berichte etc. handschriftlich verfassen.
Schusswaffernanwendungen gab es Gott sei Dank in der Seelower (Volks)Polizeigeschichte nur selten.
Geschossen wurde, außer an der Staatsgrenze, in der DDR äusserst selten. Der § 17 des so genannten VP-Gesetzes regelte ziemlich restrektiv den Schusswaffengebrauch. Demnach war bereits das Herausholen der Schusswaffe und das bloße Androhen des Schusswaffeneinsatzes, der Anwendung gleichgesetzt. Passierte dieses im Dienstgeschehen tatsächlich, musste in jedem Falle der Minister des Innern darüber verständigt werden.
Trotzdem gab es Situationen in denen Polizisten in der DDR, und auch im Oderbruch, zur Waffe griffen. Im Winter des Jahres 1980/81 flogen auch in Seelow "Blaue Bohnen".
Zwei Volkspolizisten befanden sich  in einer kalten Winternacht auf Fußstreife in der Seelower Bahnhofstraße. Dort befand sich zu dieser Zeit das Gebäude des "Baustoffhandels", eines besonders bei Eigenheimbauern sehr beliebten Betriebes. Bei Annäherung der Polizei sprang plötzlich eine in jeder Hinsicht dunkle Gestalt aus dem vorher geöffneten Fensters eines der Verkaufsräume. Die Person rannte wie ein geölter Blitz davon. Die langen schweren Mäntel welche die Polizisten damals während der Winterzeit tragen mussten, hinderten diese an der Verfolgung. Einer der beiden Volkspolizisten gab schließlich einen Warnschuss in die Luft ab. Als der Ganove, welcher übrigens auf Socken durch den Schnee stapfte, noch immer nicht reagierte, schoss ihm der Polizist hinterher. Die Kugel traf ein Verkehrsschild, prallte von diesem ab und traf den Flüchtenden in den Rücken. Trotz ärztlicher Hilfe verstarb der Mann noch in der selben Nacht.
Später stellte sich heraus, dass es sich bei dem Täter um einen lange gesuchten, im gesamten Bezirk Frankfurt (Oder) agierenden Serieneinbrecher handelte.
Anfang der siebziger Jahre war es im Bereich des VPKA Seelow schon einmal zu einem Vorfall in Verbindung mit Schusswaffen gekommen. Ein Mann hatte mit einem selbst konstruierten Schussapparat um sich geschossen, glücklicherweise aber niemanden verletzt. Als ihn die Seelower Polizei in der Nähe von Jahnsfelde nach einer Verfolgungsfahrt stellen konnte, setzte er seinem Leben mittels eines Kopfschusses selbst ein Ende.
Einen ihrer schwersten Einsätze hatte die Seelower Polizei am 21.06. 1977 zu bestehen. An diesem Tage kam es bei Lebus, durch falsche Weichenstellung, zu einer der schlimmsten Bahnunglücke in der ehemaligen DDR.
Lesen Sie her dazu mehr:http://www.thate.info/lexikon/gloss01/bahn.html
Auch in den Reihen der Seelower Schutzpolizei gab es diesen und jenen, welcher sich eines besonderen Platzes in der lokalen Polizeigeschichte sicher sein konnte.
Meister der VP Rolf H. gehört unzweifelhaft dazu. Bis Anfang der achtziger Jahre war der ehemalige Fallschirmjäger in Seelow aktiv. Noch Jahe später berichteten Kollegen von seinen Heldentaten. H. war bei den Alkoholsündern in Seelow und Umgebung gefürchtet. Immerhin konnte er schon mal am Ende einer Nachtschicht auf das stolze Ergebnis von acht "erlegten" Alkoholsündern zurückblicken. Einem Kraftfahrer war H. mit dem Streifenwagen von Seelow bis nach Groß Neuendorf ( das sind über 25 km) hintergehetzt. Natürlich ohne den "ODH" zu verständigen, geschweige denn dessen Genehmigung einzuholen.
Aber auch bei Schlägereien ersetzte H. so manches Mal eine ganze Gruppe von Volkspolizisten. Bei den so genannten "Arbeiterfestspielen " in Seelow lieferten sich betrunkene Bauarbeiter eine filmreife Prügelei. Also Klientel  welches für harte Fäuste und im wahrsten Sinne des Wortes,Schlagfertigkeit, geradezu berüchtigt ist.Noch zehn Jahre später erzählte man sich ehrfurchtsvoll wie H. im Alleingang die Prügelei beendet hatte, während zwei andere Polizisten seinen Rücken freihielten. Dabei kam ihm sicher seine solide Ausbildung als NVA-Fallschirmjäger zu Gute, aber eine beachtliche Leistung war es trotzdem. Rolf H. wirkte kurze Zeit als ABV in Gorgast um dann das Oderbruch in Richtung Frankfurt (Oder) zu verlassen. Nachdem er von der Polizei zu den Grenztruppen wechselte, hatte sich seine Spur verloren. Man munkelte gar, dass H. nach versuchter Republikflucht inhaftiert wurde. Andere sprachen von Alkoholproblemen und Beziehungsstress.
Bei allen Fleiß und Einsatzbereitschaft legte  dieser " Horst Schimansky des Oderbruchs" hin und wieder eine merkwürdige Dienstauffassung an den Tag. Einer seiner Lieblingssprüche lautete : " Ein Polizist den man liebt, ist kein Polizist". Eine Auffassung welche auch zu DDR-Zeiten zu unüberbrückbaren Konflikten mit den Vorgesetzten und nicht zuletzt mit der Bevölkerung führen musste.
Manchmal war es aber auch ganz gut, wenn man sich als Polizist zu wehren verstand.
Ein uniformierter Polizist steht immer im Fokus der Öffentlichkeit, jede noch so kleine menschliche Schwäche, nimmt man ihm doppelt übel.
In den achtzigern Jahren bereitete eine in Seelow-Loos wohnende, sich aber meist im Seelower Centrum aufhaltendeGroßfamilie der Polizei arge Kopfschmerzen. Die Brüder erwiesen sich als trinkfest, arbeitsscheu und bärenstark. Ein nicht unerheblicher Teil der in Seelow verübten Straftaten, vom Diebstahl bis zur Körperverletzung, kam auf das Konto dieser "urigen Horde". Wenn man Nachts alleine auf Streife war und diesen "Desperados des Oderbruchs" welche so manches Mal eine Spur der Zerstörung in Seelow hinterließen, gegenüberstand, wünschte man sich einen Rolf H. an die Seite.
Ganz ehrlich! :-) 
Zur Schutzpolizei gehörten weiter folgende Bereiche:
Erlaubniswesen
1989: Hauptmann der VP Gerhard Sch.
Das Erlaubniswesen war organisatorisch bei der Schutzpolizei angesiedelt. Die offizielle Bezeichnung für diesen Dienstposten lautete Offizier für Erlaubniswesen, oder kurz "E-Offizier".
Dieser Offizier hatte ein sehr umfangreiches Aufgabengebiet zu bearbeiten. Dazu gehörten unter anderem die Genehmigung von Veranstaltungen sowie beispielsweise die Kontrolle von Jagdwaffenbesitzern.
Hauswache
Als so genannter Postenführer, sprich Gruppenführer, fungierte Obermeister der VP .Edmund S.
Ältere Polizisten welche nicht mehr operativ eingesetzt werden konnten, versetzte man in die so genannte Hauswache. Im Schichtdienst wurden dort klassische Pförtneraufgaben wahrgenommen, Passierscheine für Besucher ausgestellt und allgemeine Auskünfte erteilt. Der Hausposten residierte in einer Loge, unmittelbar im Eingangsbereich des VPKA. Er war somit der erste Anlaufpunkt für die Bürger. Während der Nachtstunden musste er  beim "ODH" eine Maschinenpistole "Kalaschnikow" und zwei Magazine empfangen. Zusätzlich musste er in unregelmässigen Abständen das "Objekt II ", die heutige Polizeiwache, auf Verschlußsicherheit überprüfen.
Die Abschnittsbevollmächtigten
Die Abschnittsbevollmächtigen kurz -ABV- oder auch Dorfsheriffs genannt,waren die Polizisten mit dem umfangreichsten Aufgabengebiet. Ein ABV musste sowohl in der Lage sein, eine Strafanzeige als auch einen Verkehrsunfall aufnehmen zu können. Des Weiteren nahm er Hinweise und Beschwerden von Bürgern entgegen, kontrollierte Veranstaltungen in seinem Bereich auf Verstöße, machte Jagd auf Alkoholsünder und so weiter.Dem voran ging eine dreijährige Fachschulausbildung, nach derem erfolgreichen Abschluss man zum Leutnant "geschlagen" wurde. 
Jedem ABV war ein lokal abgegrenzter, meist aus mehreren Orten bestehender Abschnitt zugewiesen, in dem sie in aller Regel auch ihren Wohnsitz hatten. Nicht selten waren die ABV sogar direkt in ihren späteren Bereichen aufgewachsen und hatten dort familäre Bindungen. Es kam schon mal vor, dass sich " Räuber  und Gendarm" quasi aus dem Buddelkasten kannten. Natürlich konnte so etwas  auch zu Konflikten führen, auch Polizisten sind bekanntlich nur Menschen!
Nicht nur die ABV  waren  als Vertreter der Staatsmacht wohl jedem Einwohner bekannt, ihnen blieb natürlich auf Dauer dadurch auch nichts verborgen. Das wiederum machte die ABV zu einem beliebten Ansprechpartner, nicht nur für die übrigen Dienstzweige der Polizei oder dem Zoll, sondern  auch für das Ministerium für Staatssicherheit. Weiterhin war es für jeden ABV Pflicht, sich in den Vorständen der Gemeinden und den anderen gesellschaftlichen Gremien zu engagieren. Die Teilnahme an den Versammlungen wurde als selbstverständlich angesehen.
Wie sah der Alltag eines ABV im Oderbruch aus?
Zwischen 07:00 Uhr und 09:00 Uhr musste er sich telefonisch beim ODH des VPKA melden. Von diesem bekam der ABV die aktuellen Fahndungen, allgemeine Informationen über die polizeilliche Lage und die an ihn gerichtete spezielle Aufträge mitgeteilt. Dessen ungeachtet musste sich jeder "Sheriff" mindestens ein Mal in der Woche persönlich beim Leiter der Schutzpolizei (S-Leiter), in Seelow einfinden. Dort hatten die ABV ein persönliches Fach, in dem zum beispielsweise die Ermittlungsaufträge der Abteilung PM und Auszüge aus Rapporten hinterlegt waren.
Dazu mussten noch die turnusmäßigen Ausbildung und Schulungsmaßnahmen absolviert werden. 
Ein Dienstbeginn zwischen 07:00 Uhr und 09:00 Uhr, klingt recht verlockend. Man darf aber dabei nicht außer acht lassen, dass ein ABV rund um die Uhr zur Verfügung stehen musste. An das an sieben Tagen in der Woche! Dazu kamen Streifendienste, Sprechstunden in den Gemeinden, Ermittlungen und hin und wieder auch Gruppeneinsätze bei größeren Veranstaltungen. Eine der typischen Aufgaben eines ABV bis 1989 bestand übrigens in der Kontrolle der ordnungsgemäßen Sicherung "schwerer Technik", Raupenfahrzuge und große Traktoren, vor mißbräulicher Benutzung. Man könnte ja mit solch einem Fahrzeug nach Berlin fahren, um dort die "Mauer" zu durchbrechen, befürchteten die Polizeioberen. Ein ABV war während seines Streifendienstes meist allein, oder in Begleitung eines VP-Helfers. Was heute unvorstellbar ist, er hatte während seiner Streife keinerlei Funkkontakt mit seiner Leitstelle, dem VPKA Seelow. Er musste also vor seinem Einschreiten ganz genau abwägen, ob die Situation gemeistert werden kann, oder nicht. Verstärkung konnte jedenfalls nicht herangeführt werden, was bei den zahlenmäßig schwachen operativen Kräften und den weiten Entfernungen im Oderbruch, ohnehin problematisch wäre. In den letzten Jahren standen den ABV Funkgeräte zur Verfügung. Es handelte sich allerdings um so genannte " Selektivrufgeräte" über denen man nur Mitteilungen empfangen konnte. Senden war mit diesen Funkgeräten nicht möglich. Ab Mitte der achtziger Jahre ergab sich wenigstens eine Erleichterung für den Dienst:
Im Gruppenposten Süd hatte Hauptmann Manfred B. ein Bereitschaftssystem ersonnen, damit seine Mitstreiter hin und wieder auch in den Genuss eines freien Wochenende kommen konnten. Zwei ABV kümmerten sich im wöchentlichen Wechsel um den Bereich des gesamten Gruppenpostens.  
 
Im VPKA Seelow waren die ABV in Gruppenposten zusammengefasst.
 
1. -Gruppenposten-Nord-
     Sitz :  Seelow, Strasse der Jugend
     Leiter: Oberleutnant der VP Norbert W.
     zugehörige Abschnitte Seelow ( mit zwei Stadt-ABV), Gusow, Marxwalde, Worin, Neutrebbin, Letschin, Zechin und Neubarnim
 
2. Gruppenposten Süd-
   Sitz: Manschnow, Weidenweg
   Leiter: Hauptmann der VP Manfred B.
   zugehörige Abschnitte: Alt Zeschdorf, Dolgelin, Falkenhagen,Lebus, Podelzig, Manschnow,Golzow
d) Kriminalpolizei
Leiter: Hauptmann der K Dietrich St.
Stellvertreter: Oberleutnant der K Peter V.
 
Folgende Geschichte war Ende der Achtziger Jahre im Oderbruch in aller Munde:
In Seelow gab es einen Einbruch in eine Garage. Die Kriminalpolizei konnte den Täter ermitteln. Aber nur, dass wurde von den jeweiligen Erzählern besonders betont, weil der Täter seinen Personalausweis am Tatort verloren hatte.
Natürlich haben auch Kriminelle hin und wieder mal Pech, solche Geschichten kommen hin wieder, auch heute noch, durchaus vor. Ob sich dieser Vorfall wirklich so ereignet hatte, entzieht sich meiner absoluten Kenntnis. Aber wer von  diesem Vorfall  auf die Qualität der Seelower Kripo schließen will, befindet sich auf dem Holzweg.
Alltagskriminalität insbesondere Einbrüche, Diebstähle von KFZ-Teilen und Körperverletzungen, sorgten durchaus dafür das keine Langeweile aufkam. Dazu kam das einzig und allein die Kriminalpolizei bei der Aufnahme von Strafanzeigen zum Einsatz kam. Ausnahmen bildeten dabei nur die Abschnittsbevollmächtigten, aber auch diese durften nur nach Absprache mit der Kriminalpolizei tätig werden. Der Dienst eines Kriminalisten begann Wochtentags um 07:00 Uhr und endete manchmal um 17:30 Uhr. Zusätzlich musste allerdings ein Bereitschaftsdienst, der K-Dienst, in der Zeit nach 17:00 Uhr und an den Wochenenden geleistet werden. Dabei konnte es durchaus passieren, dass der diensthabende Kriminalist 24 und mehr Stunden im Einsatz war. An die Tatorte und zu Ermittlungen fuhren die Kriminalpolizisten meist allein , mit einem Diensttrabant welcher nicht einmal über eine Funkausrüstung verfügte! Bei den Ermittlungen vor Ort erhielten die Kriminalisten Unterstützung vom zuständigen ABV, dessen genaue Kenntnis der örtlichen Gegebenheiten nicht selten den "Schlüssel zum Erfolg" darstellte.
Oberleutnant der K Peter V., später Leiter der Kriminalpolizei des Kreises Märkisch-Oderland, konnte man mit Fug und Recht als Legende bezeichnen.
Durch seine unbeschreibliche fast väterliche dennoch aber bestimmende Art, verdiente er sich sowohl in Kollegen als auch in Ganovenkreises Kultstatus. Überführte Straftäter erachteten als eine Ehre, von Peter V. persönlich vernommen zu werden. 
 Von ihm ist auch bekannt, dass er so manche Nacht freiwillig mit der Observation von Personen oder Tatobjekten verbracht hatte. Danach gönnte er sich lediglich ein paar Stunden Schlaf auf dem Schreibtisch seines Büros, um dann seinen normalen Dienst fortzusetzen. Sein früher Tod im Jahre 1992 könnte ein Tribut an jene aufreibenden Jahre gewesen sein.
Wie in vergleichbaren VPKA üblich, wurden auch in Seelow überwiegend die "Alltagskriminalität" bearbeitet. Ein besonders, den Umständen der damaligen Zeit geschuldetes Kriminalitätsphänomen wiederholte sich Jahr für Jahr in der Frühlingszeit. Schwerpunkte waren jeweils die Kellerbereiche in den Neubaugebieten in Letschin, Manschnow und Seelow. In den Monaten März bis Mai wurde im Oderbruch, wie überall in der DDR. Jugendweihen gefeiert. Da es sich in aller Regel um Feiern grösseren Ausmaßes handelte, waren die Keller der in Frage kommenden Familien dementsprechend gefüllt. Und das nicht nur mit den üblichen "Bück Dich-Waren" aus dem Dorfkonsum.  Die Waren hatte man Zeit und kostenaufwendig vorwiegend in den " Delikat-Läden" Berlins erstanden und extra für die Feier "gebunkert". Jeder kann sich vorstellen, was für eine Katastrophe solch ein ansonsten "unbedeutender" Kellereinbruch für die Betroffenen darstellte. Unmut nicht nur über die Täter, sondern auch über den Staat, in dem solch ein Mangel herrschte, machte sich schnell breit. Die Kriminalpolizei hatte in diesen Monaten alle Hände voll zu tun, um die Täter zu ermitteln. 
Darüberhinaus gab es auch im VPKA Seelow einen "Grenzoffizier der Kriminalpolizei", welcher sich mit Ermittlungen hinsichtlich des § 213 StGB ( ungesetzlicher Grenzübertritt) besser bekannt as "Republikflucht", beschäftigte.  Als "Offiizier für Fahndungen" und Kriminaltechniker fungierte damals Oberleutnant der K Klaus W. Die Kriminaltechnik der DDR befand sich auf einem relativ modernem Stand, so dass manch ein Straftäter mittels seiner am Tatort hinterlassenen Fingerabdrücke überführt werden konnte. Es musste also nicht immer der Personalausweis sein!
Der SED-Kreisleitung war es am liebsten wenn sich die Straftatenanzahl " gen Null" bewegte und dort möglichst lange verharrte. Für solche Wünsche gab es im Strafrecht der DDR, die so genannten Verfehlungen. Das waren Diebstähle mit einem Wert unter 50 Mark. Solcherart Missetaten belasteten die Stastistik nicht, weil sie nicht als Straftaten registriert wurden und waren leicht zu bearbeiten. Um die Statistik zu bereinigen, wurde manches Mal der Wert des Diebesgut auf unter 50 Mark heruntergerechnet.
Hauptmann der VP Siegfried R, seines Zeichen Stadt-ABV von Seelow, wurde eines Tages zu einer Eigenheimbaustelle gerufen. Dort hatte man die kompletten Heizkörper entwendet, was für einen Bauherrn in der DDR das Aus bedeuten konnte.
R. wollte seinen Ohren nicht trauen, als ihm ein Vertreter der Kriminalpolizei den Wert der tatsächlich gebrauchten Heizkörper, herunterrechnete.  Zum Schluß wurde aus einem Einbruchsdiebstahl eine Verfehlung!! 
Spektakuläre Kriminalfälle machten um das Oderbruch eher einen großen Bogen. Doch hin und wieder hatte auch die Seelower Polizei ihren " ganz speziellen Krimi:
 
- Ende der siebziger Jahre überfielen zwei Täter die "Raiffeisenbank" in Lebus und erbeuteten eine große Summe Geld. Die beiden Herrn konnten sich allerdings nicht lange ihrer Beute erfreuen. Die beiden, aus Alt Zeschdorf und Podelzig stammenden Ganoven, konnten bald ermittelt und festgenommen werden.
Banküberfälle waren nicht nur im Oderbruch, sondern in der gesamten DDR äußerst selten. Na ja wenn man auch 18 Jahre auf einen Fluchtwagen warten muss :-)
Es gab aber auch Fälle die bis heute nicht gelöst werden konnten. Auch wenn die Ermittlungen in diesen Fällen nicht alleine von den Seelower Kriminalisten, sondern von Experten aus Frankfurt (Oder) und Berlin geführt wurden.
 
-In einer Sommernacht des Jahres 1982 brachen unbekannte Täter in den Museumsraum  der  Seelower Gedenkstätte ein. Entwendet wurden unter anderem  die sich darin befindliche Sammlung von Kriegswaffen aus dem Zweiten Weltkrieg. Experten der Kriminalpolizei aus dem gesamten Bezirk Frankfurt (Oder) und Sonderermittler des MfS schlugen danach für mehrere Wochen ihre Zelte in Seelow auf. Zuerst traf es Obermeister der VP Gerhard M., welcher in der Tatnacht Streifendienst in Seelow verrichtet hatte. Um 09:00 Uhr musste er seinen verdienten Schlaf unterbrechen und stundenlange Vernehmungen über sich ergehen lassen. Die Kontrolle der Gedenkstätte gehörte in den Nachtstunden zu den Pflichten der Schutzpolizei, man witterte offensichtlich eine Verletzung der selbigen.  Der Chef der vor Ort ermittelnden Kriminalisten, Oberstleutnant der K Bernd W., bekundete vollmundig, "dass man nicht eher abrücken würde, bis der Fall gelöst sei". Kurz und knapp: Wenn W. sein Versprechen hätte einlösen wollen, müssten die Einsatzgruppen, von denen ein Großteil schon lange pensioniert ist, noch heute durch Seelow wuseln. Es gab keine auswertbaren Hinweise auf den oder die Täter. Die Waffen sind auch nach der Wende nirgends wieder aufgetaucht.
 
- Im Januar 1981 brachte ein Fahrzeug der LPG Sietzing den Arbeiter Hermann L. nach einer Feier zurück in seine Wohnung, in das Oderbruchdorf Klein Neuendorf. Der Fahrer beobachtete noch im Rückspiegel wie L. über die Straße in Richtung seiner Wohnung lief. Dort aber kam er nie an!
Im Sommer des selben Jahres fand ein Arbeiter L.s Leiche in einem ca. 15 km von seiner Wohnung entfernten Schlammteich, bei der Zuckerfabrik Thöringswerder. Auch dieser Fall harrt noch heute seiner Auflösung
Ende der siebziger, Anfang der achtiger Jahre kam es in Friedersdorf bei Seelow, zu einer rätselhaften Todesserie. Im Dorfteich trieben nach und nach die Leichen von robusten kerngesunden Friedersdorfern. Eines der Opfer war gar ausgebildeter Kampfscbwimmer gewesen. Alle waren allerdings vor ihrem Ableben in die  sich unmittelbar am Teich befindlichen Gaststätte eingekehrt. Man soll Toten ja nichts schlechtes nachsagen, aber die Männer waren vor ihrem Ende, sturzbetrunken gewesen.
Trotzdem verstummten die Gerüchte, dass da etwas nicht mit "rechten Dingen zugegangen wäre" lange Zeit nicht.
Angesichts der Tatsache das Betrunkene auch schon in Pfützen ertrunken sind und es in keinem dieser Fälle Hinweise auf eine Fremdbeteiligung gab, wurden die Akten geschlossen. Na ja, aber Dorftratsch und die Gerüchteküche sind halt hartnäckig!
 
- Im Frühjahr 1989 kam es in Wulkow (bei Marxwalde / heute Neuhardenberg) zu einer rätselhaften Brandserie. Innerhalb weniger Tage brannten mehrere Strohmieten und Scheunen. Die Branduntersuchungskommission (BUK) aus der Bezirksstadt Frankfurt (Oder), ermittelte schon nach kurzer Zeit einen Täter. Es handelte sich um einen jungen Mann aus dem Ort. Er gab an, die Brände unter Alkoholeinfluss, immer auf dem Heimweg von einer Gaststätte, gelegt zu haben. Offenbar hatte er einen unüberwindbaren Drang zum Feuer verspürt. Allerdings widerrief er sein Geständnis kurz vor der Einlieferung in die Untersuchungshaft. Außer seinem Geständnis hatte man offenbar nichts gegen ihn in der Hand, so dass der Mann wieder auf freien Fuß kam.
Eine spezielle Truppe, abgeschottet gegenüber der übrigen Kriminalpolizei stellte die so genannte K 1 dar.
 
KI
Leiter: Hauptmann der K Gerhard F.
Diese aus zwei Mitarbeitern bestehende Abteilung besaß innnerhalb der Kriminalpolizei einen absoluten Sonderstatus. Ihr Büro (Zimmer 19) lag unmittelbar neben dem Aufenthaltsraum der Schutzpolizei. Trotzdem gab es keinen Schutzmann und auch kaum einen anderen Mitarbeiter des VPKA Seelow, der diesen Raum bis zum Herbst 1989 je betreten hatte. Gehörte er doch zu den absoluten Sperrbereichen, zu  dem nur der Amtsleiter und der Leiter der Kriminalpolizei, in Anwesenheit der beiden KI-Mitarbeiter, Zutritt hatten. Die "normalen" Volkspolizisten kannten nicht nur nicht den Raum No 19 von innen, sie hatten auch keine Ahnung was die beiden Kriminalisten den ganzen lieben langen Tag so trieben. Immerhin wusste man, dass der Verbindungsoffizier der Staatssicherheit sich des öfteren dort sehen lies. Das gab Raum für Gerüchte, aber keine wirklichen Antworten. Offiziell heiß es, dass dort Kapitaldelikte bearbeitet würden. Aber die waren im Oderbruch nicht an der Tagesordnung und falls doch, kamen die Spezialkommissionen aus der Bezirksstadt zum Einsatz. In den üblichen Dienstbetrieb der Kriminalpolizei waren die beiden auch nicht integriert Sie brauchten keinen K-Dienst zu absolvieren, es erschien auch niemand zur Vernehmung. Man witzelte, dass Gerhard F. ein leeres Blatt abgeben müsste, falls er je seine Memoiren verfassen würde.
Die einzigen die sich hin und wieder bei der " KI" meldeten, neben dem MfS, waren obskure Gestalten, welche sich "K-Helfer" nannten. Es waren " inoffizielle kriminalpolizeiliche Mitarbeiter", eine polizeispezifische Variante des bekannteren " Stasi-IMs". Wie sich später herausstellte, war die "KI" die einzige Abteilung in der Kriminalpolizei der DDR, welche mit Spitzeln arbeiten durfte. Auch sonst orientierte sich die " K I", welche übrigens für die Bearbeitung politischer Straftaten zuständig war, eng an ihre "große Schwester", die Staatssicherheit. Die dort tätigen Mitarbeiter wurden besonders ausgewählt und hatten "kadermäßig" eine ebenso "reine Weste", wie die Angehörigen des MfS. Höhere Dienstposten bei der KI wurden sehr oft mit "Offizieren im besonderen Einsatz" des MfS besetzt.
In Lebus, Kietzerstraße, befand sich bis zum Herbst 1989 ein als " Ingenieurtechnisches Institut" getarntes Objekt der K I / U (Untersuchungen). Die KI/U gehörte direkt zur BDVP Frankfurt (Oder). Die Aufgabe dieser Polizeitruppe bestand in der Observation von Tatverdächtigen. Dabei durften sie selbst, ihrer Tarnung wegen, nicht einschreiten oder sich anderweitig als Polizisten zu erkennen geben. Der Funkverkehr der Lebuser Observanten wurde nicht über die BDVP sondern über die Abteilung VIII (Observationen und Ermittlungen) der Bezirksverwaltung für Staatssicherheit Frankfurt (Oder) abgewickelt.
e) Abteilung Feuerwehr
Leiter: Hauptmann der F Erwin H.
Stellvertreter: Oberleutnant der F Erich P.
Die Feuerwehrabteilung hatte ihren Sitz im " Objekt II", in der Breiten Strasse. Bis Mitte der sechziger Jahre verfügte jedes VPKA über eine eigene Berufsfeuerwehr. Aus Effektivitätsgründen wurden diese Abteilungen in den kleineren Ämtern aufgelöst. Die Einsätze der Berufsfeuerwehr wurden von den Freiwilligen Wehren in den Dörfern und Gemeinden übernommen. In den VPKÄs bleiben einzig die so genannten Instrukteure zur Anleitung, Ausbildung und Kontrolle der Freiwilligen Feuerwehren übrig. Das VPKA Seelow verfügte über vier Instrukteure für das gesamte Kreisgebiet.
f) Abteilung Versorgungsdienste (VD)
Leiter: Hauptmann der VP Bernd I.
Diesen Bereich des VPKA könnte man auch kurz als  die "Rückwärtige Dienste" der Polizei bezeichnen. In dieser Abteilung befanden sich :
- der Meister vom Innendienst, kurz MvI oder auch Spieß genannt,
  zuletzt Obermeister der VP Günther Öe.
- Der für den Fuhrpark des VPKA zuständige Schirmeister, zuletzt war das Hauptwachtmeister der VP Eberhard H.
Er war  u.a. für die Kontrolle und Pflege der Fahrzeuge, für die Kontrolle der Fahrtenbücher verantwortlich. Zusätzlich musste der Schirrmeister auch in der Lage sein, kleinere Reperaturen selbst durchzuführen.
Bei größeren Schäden musste das Fahrzeug in die Werkstatt der BdVP nach Frankfurt (Oder) überführt werden.
- Der Waffenmeister, zuletzt Obermeister der VP Wilfried (Pulverwilly) Sch.
Die Waffenkammer befand sich auf dem Hof des VPKA.
 
Zivilbeschäftigte:
Zivilbeschäftige, ausnahmslos Frauen, gab es in den administrativen Bereichen der Verkehrspolizei (Zulassunsgwesen) und beim Pass und Meldewesen.
Diese Beschäftigten waren an ihren weinroten "Kostümen" erkennbar, welche diese im Gegensatz zu den grünen VP-Uniformen im täglichen Dienst trugen,
Des Weiteren verfügte das VPKA Seelow noch über eine eigene Krankenschwester und einen Hausmeister.
Stützpunkt "Dynamo"
An dieser Stelle darf auch der frühere sich mit dem Radrennsport im Kinder und Jugendbereich beschäftigende Stützpunkt der Sportvereinigung "Dynamo" nicht vergessen werden.  Aus den Händen von Hauptmann Horst R. und Obermeister Olaf Z., gingen eine Vielzahl späterer DDR-Meister und Medaillengewinner bei den verschiedensten Wettkämpfen hervor.
Freiwillige Helfer der Volkspolizei
Über "Freiwillige Helfer" verfügten sowohl die ABV als auch die Schutz und Verkehrspolizei. Die Rolle dieser "Hobbypolizisten"  aus der Bevölkerung muss differnziert betrachtet werden.
Es gab die unterschiedlichsten Motive für die Unterstützung der Polizei. Bei einigen war es durchaus Geltungsbedürfnis und die Lust nach Abenteuer. Es gab aber auch Helfer, welche ihren eigenen Beitrag in Punkto Ordnung und Sicherheit leisten wollten. Wieder andere mussten auf Grund ihrer beruflichen Stellung, irgend eine "ehrenamtliche Funktion" vorweisen, traten aber äusserst selten in Erscheinung. In den Reihen der VP-Helfer fand man auch ehemalige Volkspolizisten, welche nach dem Ausscheiden aus dem aktiven Dienst, auf diese Art und Weise den Kontakt zu ihrer früheren Tätigkeit aufrechterhielten. Die VP-Helfer waren militärisch in Zügen und Gruppen organisiert. Besonders befähigte Helfer, meist die besagten früheren VP-Angehörigen, wurden als Gruppen bzw. Zugführer eingesetzt. Die aktivsten und engagiertesten VP-Helfer fand man bei der Verkehrspolizei. Sie leisteten nicht nur Unterstützung bei Verkehrskontrollen, einige Helfer waren auch in der Lage selbstständig entsprechende Maßnahmen durchzuführen. Allerdings durften sie festgestellte Verstöße nicht selber ahnden, sondern durften diese nur der Polizei melden. Während einer Fußstreife in Seelow meldete sich plötzlich ein älterer, verlegen wirkender Herr bei mir und wollte eine Strafe bezahlen. Im ersten Augenblick kam mir die Sache natürlich etwas merkwürdig vor. Wer zahlt schon freiwillig und aufgefordert eine Geldstrafe bei der Polizei. Des Rätsels Lösung lies nicht lange auf sich warten. An diesem Tage war die Ampel an der Hauptkreuzung ausgefallen. Der VP-Helfer Bruno F. hatte die Verkehrsregelung übernommen. Der besagte Herr war wohl mit Brunos Zeichengebung nicht ganz zurecht gekommen, so dass ihm ein Fahrfehler unterlaufen war. Kraft seines Amtes zog ihn Bruno nicht nur im wahrsten Sinne des Wortes aus dem Verkehr, sondern auch gleich weiter zu mir.
" Gehen Sie rüber zum Wachtmeister und bezahlen dort 5 Mark" wurde er vom Helfer F. angeraunzt. Dieses Spielchen wiederholte sich an diesem Nachmittag noch einige Male. Leichter konnte man wohl kaum zu Arbeitsergebnissen kommen.
Eine rote Armbinde mit aufgestickten "VP-Stern" und der Aufschrift "Freiwilliger Helfer der VP"  und eine grüner Ausweis sorgten auch nach außen hin für die Erkennbarkeit der VP-Helfer. Die Werbung von neuen VP-Helfern gehörte zu den alljährlichen Verpflichtungen eines jeden Volkspolizisten. Das war aber immer wieder leichter gesagt als getan. In der Praxis gestaltete sich die Werbung als schwieriges Unternehmen. Die VP-Helfer genossen bei dem größten Teil der Bevölkerung nur geringes Ansehen. Dazu kam das die geleisteten Stunden wie der Dienst bei der Freiwilligen Feuerwehr als Ehrenamt gilt und daher nicht vergütet wurde. Aber auch die geworbenen Helfer erwiesen sich nicht selten als buchstäbliche "Karteileichen". Dessen ungeachtet bestand die oberste Polizeiführung stets auf einen möglichst hohen Bestand an VP-Helfern. Das bedeuete das man sich auch von langjährigen inaktiven erst trennen durfte, wenn an deren Stelle mindestens zwei neue VP-Helfer geworben wurden. Das führte so manches Mal zu regelrecht makaberen Auswüchsen:
 Ein Freiwilliger Helfer aus Libbenichen wurde noch zwei Jahre nach seinem Tod!!! im Helferjournaille geführt. Eingetragen waren nicht nur angeblich von ihm geleistete Streifenstunden, sondern auch festgestellte Ordnungswidrigkeiten. Dabei handelte es sich durchaus um keinen Einzelfall. Als ich im August 1989 den Posten eines ABV in Sachsendorf übernahm, gehörte die Organisation einer Versammlung der VP-Helfer zu meinen ersten Amtshandlungen. Die Einladungskarten wurden jedem Helfer persönlich überreicht. In einem Fall war allerdings nur die Ehefrau Zuhause. Auf die Frage wann ihr Mann nach Hause kam, erntete ich einen entsetzten mit dicken Tränen untersetzten Blick. Der werte Gatte war vor einem halben verstorben, was wohl niemand bei der Polizei bemerkt hatte.
Nach der Wende erschienen nur noch wenige VP-Helfer zum  Dienst. Die jenigen aber welche in dieser schwierigen Zeit des Umbruchs persönliche Verantwortung für die Ordnung und Sicherheit auf sich genommen haben, kann man eigentlich nicht genug danken!
Kuriose Geschichten
1. Der ABV, dein Freund und Helfer: 
Hin und wieder kam es auch vor, dass Polizisten zum Komplizen wurden. So wie im Juni 1986, im Oderbruchdorf Letschin geschehen:
Hin und wieder kam es auch vor, dass Polizisten zu Komplizen wurden, so wie im Jahre 1986 in Letschin geschehen. Das Dorf feierte im Juni des Jahres seinen 650-Jahrestag. Für den Sonntag war ein Festumzug durch den Ort geplant. Ein paar Letschiner, darunter ein Gastwirt und ein Arzt, hatten eine ganz besondere Idee, welche allerdings gänzlich vom ursprünglichen Programm abwich. Von 1905-1945 zierte die Ortsmitte von Letschin ein Denkmal des Preußenkönigs Friedrich II. Es sollte an die Trockenlegung des Oderbruchs, an der dieser König einen entscheidenen Anteil hatte, errinnern. Den neuen Machthabern war nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges das Denkmal offensichtlich ein Dorn im Auge. Vom Sockel geholt, sollte der metallene König nach Fürstenwalde zum Schrott gebracht werden. Dort verweigerte man die Annahme, mit Hinweis auf díe historische Bedeutung des Denkmals. Es gab weitere Versuche der Staatsmacht sich des ungeliebten Königs zu entledigen, welche aber samt und sonders von der Bevölkerung verhindert wurden. Schloeßlich und endlich wurde der König in einer Scheune der ehemaligen Gurkeneinlegerei versteckt und überdauerte dort unbeschadet die Zeiten. Das er dort lag, galt in Letschin als offenes Geheimnis. So mancher Interessierte sah ihn dort unter Gurkenfässern versteckt, liegen. Auch die Obrigkeit wußte davon, kümmert sich aber nicht mehr darum. Man hatte offenbar mit dem Kapitel Friedrich der Große in Letschin abgeschlossen. Bis eben zu jener Festwoche des Jahres 1986. Zur dieser Zeit war Oberleutnant Lothar R. ABV in Letschin. Der lebenslustige R. war entsprach genau dem Bild, was man von einem bürgernahen Polizisten hat. Einem gelegentlichen kühlen Bier nicht abgeneigt, gehörte er auch zu den Freunden des besagten Gastwirtes. Dieser hatte nämlich für den kommenden Sonntag etwas besonders im Sinn. Der Preußenlönig sollte aus seinem "Asyl" in der Scheune befreit und auf dem großen Parkplatz in der Dorfmitte Letschins aufgestellt werden. Da der Festumzug dort laut Plan vorbeikommen würde, müssten die Teilnehmer am König vorbeimarschieren. Das hätte den meisten sicher gefallen, wäre aber kaum in Sinne der damaligen Bürgermeisterin Anna D. gewesen. Aber den Gastwirt plagten auch Zweifel. Immerhin konnte diese Aktion auch ungeahnte rechtliche Folgen haben. Die Staatsmacht der DDR war nicht gerade wegen ihres Humors bekannt. Aus diesem Grunde beschloss man bei Oberleutnant R. abzuchecken, welche Folgen sich aus der ungenehmigten Auftstellung des königlichen Denkmals im schlimmsten Falle ergeben würden. R. meinte, dass man die Aktion allerhöchstens als groben Unfug und damit als Ordnunsgwidrigkeit werten könnte. König Friedrich und das untergegangene Preussen erlebte in der DDR der anchtziger Jahre eine regelrechte Renaissance. Selbst in Berlin, der Hauptstadt der DDR, hockte der König hoch zu Ross auf der Prachtstraße " Unter den Linden". Alles in allem kein Grund, gravierende rechtliche Konsequenzen befürchten zu müssen. Um aber ganz sicher zu gehen, hatte Oberleutnant R. einen grandiosen Gedanken:
Für die Nacht vom Samstag zum Sonntag sollte ihm eine Streifenwagenbesatzung aus Seelow, zur Verfügung stehen. Dazu kamen noch eine Anzahl von "VP-Helfern", die ebenfalls im Einsatz waren. Das waren natürlich keine günstigen Bedingungen für eine heimliche Aktion. Aber Lothar R. wäre nicht Lother R. gewesen, wenn er damit nicht fertig geworden wäre! Der pfiffige ABV setzte ganz einfach eine Verkehrskontrolle am Ortsrand von Letschin an, in der alle Einsatzkräfte gebunden waren. Damit hatten der Gastwirt und seine Freunde freie Bahn. Die Männer schlichen sich mit einem Karren durch das vermeintlich schlafende Letschin, holten den König aus seinem Versteck und stellten ihn auf den Parkplatz auf. Niemand ahnte aber, dass sie von einem aufmerksamen Bürger, welcher in der Nähe des Parkplatzes wohnte, beobachtet wurden. Der Mann hatte offensichtlich eine andere Meinung zum Preußenkönig und verständigte die Bürgermeisterin. Diese war als Hardlinerin bekannt und dementsprechend empört. Noch in der selben Nacht klingelte die Dame den Leiter des VPKA Seelow aus dem Bett und forderte das Einschreiten der Volkspolizei. Und jetzt musste sich auch Oberleutnant R. seinen Pflichten fügen. Über Funk wurde die Streifenwagenbesatzung von der Kontrollstelle weg zur Letschiner Ortsmitte beordert. Das Objekt des Anstosses musste weg, dass war klar. Aber wie? Der metallene König war nicht eben leicht. Als die Polizisten noch über ihren im wahrsten Sinne des Wortes "schweren Auftrag nachdachten" , nahte aus Richtung Gusow ein Traktor. Dessen Fahrer hatte Arbeiten auf einen der umliegenden Felder durchgeführt und wollte nun endlich seinen verdienten Feierabend genießen. Dazu kam es aber nicht! Von den Seelower Polizisten angehalten und "polizeipflichtig" gemacht, sah er sich gezwungen Hilfe beim Abtransport des Königs zu leisten. Mit Stricken wurde dieser an der Ackerschiene des Traktors befestigt und über die Strasse hinüber auf den Hof der Getreidemühle geschleppt. Die Aktion blieb natürlich nicht verborgen. In dieser Nacht konnten offenbar noch andere Letschiner keinen Schlaf finden. Sonntag früh wusste jeder Letschiner was geschehen war und wo "Eure Majestät" zu finden war. Zwar hatte man ihn mit einer Plane notdürftig abgedeckt und durch VP-Helfer bewachen lassen, aber der König genoss eine Resonanz wie sie zu dessen Lebzeiten nicht besser hätte sein können. Das ganze Dorf drängte sich auf den Hof der Mühle, um einen Blick auf das Denkmal zu werfen. Die Bürgermeisterin tobte noch immer und forderte strenge Bestrafung der "Aufrührer". Oberleutnant R. nahm gegenüber dem Amtsleiter, alles auf seine Kappe. Der hatte aber mittlerweile ausgeschlafen und ein Einsehen. Kurz und gut, es wurde niemand bestraft. Die Verantwortlichen des Kreises Seelow liessen das Denkmal zwar abholen, aber nicht zwecks Verschrottung sondern zur Restauration. Am 01.05. 1990, zum 250.Jahrestag der Thronbesteigung Friedrich II. , stellte man den König wieder ganz offiziell in Letschin auf. Das Anna D. zwischenzeitlich ihren Posten räumen musste, ist aber eine andere Geschichte.
2. Kohlen aus der BRD
Ein gutes Gehör schützt vor Blamagen:
Ende der siebziger Jahre blamierte sich ein in Dolgelin wohnender Volkspolizist unsterblich. Er hatte mit angehört, dass ein Dolgeliner LPG-Bauer noch heute Abend Kohlen aus der BRD=Bundesrepublik Deutschland holen wolle. Obwohl dieses an sich keinen Sinn ergab, witterte der Volkspolizist Verrat oder besser gesagt eine geplante Republikflucht. Pflichteifrig verständigte er sofort das VPKA. Den Verdacht gegen den armen LPG-Bauern musste man allerdings schnell fallen lassen. Er wollte nämlich Kohlen aus der BHG= Bäuerliche Handelsgenossenschaft holen. Statt Lob und Beförderung hatte sich der Polizist Spott und Häme eingebrockt.
3. Ein landesfeindliches Flugzeug
Für Momente sah es Ende der sechziger Jahre so aus, als wäre der Klassenfeind im Oderbruch gelandet:Ältere Leser können sich ganz sicher noch an die so genannten "Düngerstreuer" erinnern. Dabei handelte es sich um Leichtflugzüge aus sowjetischer Produktion, mit ebensolchen Piloten. Zum Einsatz kamen diese Flugzeuge bei den " Agrochemischen Zentren" in Manschnow und Letschin. Ihr Auftrag bestand darin, den chemischen Dünger von der Luft auf die Felder des Oderbruchs zu streuen. Keine sehr umweltfreundliche Variante, weil der Dünger streuungsbedingt nicht nur auf den dafür vorgesehenen Flächen landete. Irgendwann Ende der sechziger Jahre kam ein solches Flugzeug in Letschin zum Absturz. Der Pilot kam glücklicherweise mit dem Schrecken davon. Kurze Zeit später hatte der Bruchpilot allerdings den nächsten Schock zu verdauen. Auf Hilfe hoffend sah er sich plötzlch von schwerbewaffneten Seelower Polizisten umringt. Ein aufmerksamer Bürger hatte den Absturz dem ODH des VPKA gemeldet. Der Absturzort befand sich in der Nähe eines Grundstücks, dessen Inhaber auf den recht ungewöhnlichen Namen Landesfeind hören. Na gut, wer kann schon für seinen Namen?
Der ODH hatte den Anrufer anscheinend falsch verstanden und sofort ein bewaffnetes Kommando nach Letschin geschickt, da dort ein landesfeindliches Flugzeug abgestürzt sei. Warum ist er denn auch nicht bei Meier oder Schulze heruntergekommen, damit hätte er sich und anderen viel Ärger und Aufregung erspart!
4. Der vermeintliche Schalke 04-Fan
Dieses, vergleichsweise harmlose Mißverständnis, ereignete sich eines Nachts vor dem VPKA Seelow:Eines Nachts klingelte ein aufgeregter Seelower  namens Michalke an der Pforte des VPKA. In seiner Wohnung war ein Brand ausgebrochen, der allein lebende  erhoffte sích natürlich schnelle Hilfe von der Polizei. Zu seinem Entsetzen gestaltete sich die Kommunikation zwischen ihm und dem ODH als reichlich schwierig. Lag es an der Aussprache des Mannes oder an der Wechselsprechanlage? " Michalke hier, Michalke hier" brüllte der Mann in die Anlage, als er seinen Namen nennen sollte. Ratlos rief der Offizier, der den Hilfsbedürftigen so gar nicht verstanden hatte, bei dem Posten in der Hauswache an: " Du guck doch mal nach. Da draußen vor der Tür steht ein Besoffener und brüllt ständig " Schalke 04, Schalke 04 . Jag den mal weg!". Herr Michalke hatte jedenfalls seinen Spitznamen, Schalke 04, weg.
 
 

 
 
 
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Heute ist die Volkspolizei nur noch bei historischen Umzügen "im Einsatz"
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Schlüsselkarte
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Info von "PM" an den ABV über eine geplante Reise in die BRD
Info von "PM" an den ABV über eine geplante Reise in die BRD
Ergänzung zum Dienstvertrag
Ergänzung zum Dienstvertrag
das frühere VPKA Seelow im Jahre 2009
das frühere VPKA Seelow im Jahre 2009
der frühere Eingangsbereich des VPKA Seelow,
der frühere Eingangsbereich des VPKA Seelow,

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Die ungeliebten "Freunde"

Im letzten Jahr nahm die Planung des neuen Kreisverkehrs im Bereich der Letschiner Friedrichstraße langsam Gestalt an. Eines bereitete den Planern aber Kopfzerbrechen. Das Denkmal für Friedrich den Großen stand quasi im Wege. Sollten die PKW zukünftig um der im Kreisel stehenden Majestät herum fahren und diese mit ihren Abgasen umhüllen. Eine fatale Vorstellung für jeden Geschichtsbewußten Oderländer. Was lag näher als das Denkmal einfach an seinen alten Platz zu stellen , von dem aus der König bis 1945 auf Letschin blickte. Jetzt stand man vor dem nächsten Problem. Seit Anfang der fünfziger Jahre befindet sich dort ein Obelisk welche an die in Letschin gefallenen sowjetischen Soldaten erinnert. Unmittelbar am Denkmal befindet sich ein kleiner Friedhof auf dem einige der hier ums Leben gekommenen Sowjetsoldaten ihre letzte Ruhestätte gefunden hatten. Ihre letzte Ruhestätte ? Wenn es nach den Verkehrsplanern gegangen wäre, wäre das Denkmal des Königs auf seinen früheren Platz zurückgekehrt. Die Überreste der Soldaten hätte man nach Lebus auf einen größeren Soldatenfriedhof umgebettet. Der bekannte Umbetter des -Deutschen Volksbundes für Kriegsgräberfürsorge, Erwin Kowalke, hatte seine Mithilfe zugesichert. Auch die verantwortlichen russischen Stellen hatten keinerlei Einwände gegen das Vorhaben. Ein bissiger Kommentar in der -Märkischen Oderzeitung- und einige empörte Leserbriefe in denen den Verantwortlichen „Geschichtsvergessenheit“ unterstellt wurde, verstörte dieser offenbar derart das diese von ihrem Vorhaben abließen. An dieser kleinen Episode zeigte sich in wie weit selbst heute noch das in weiten Teilen widersprüchliche Verhältnis zur „Roten Armee“ die Gemüter in Wallung versetzen kann. Um die Hintergründe zu verstehen muss man sich mental in die „DDR-Zeit“ zurück versetzen. Anfang der siebziger Jahre besuchte ich die damalige -Politechnische Oberschule- ( so hieß das damals) in Kienitz. Dieser kleine Ort war damals auf dem besten Wege zu einem sozialistischen „Kultobjekt“ zu werden. Historiker hatten herausgefunden, dass am 31.01. 1945 eine sowjetische Vorausabteilung in Kienitz erschienen war . Bei der Bevölkerung und auch bei der Wehrmacht war man entsetzt und überrascht , war doch die „Rote Armee“ laut Wehrmachtsbericht noch über siebzig Kilometer entfernt. Trotz allen Trubels hätte es aber trotzdem nur für eine „Fußnote“ in der Geschichte des Zweiten Weltkrieges gereicht, wenn nicht die östlich der Oder gelegenen früheren Gebieten Deutschlands nach 1945 polnisch geworden wären. Denn nun war nach offizieller „DDR-Geschichtsschreibung“ Kienitz der erste Ort auf dem Gebiet der DDR welcher vom Faschismus befreit wurde. Der Kienitzer Bürgermeister Emil Krüger lies seine Beziehungen zum -Ministerium für Nationale Verteidigung- in Strausberg spielen und besorgte einen waschechten Panzer vom legendären Typ „T 34“ um diesen als Denkmal für jene Tage im Ort aufzustellen. Die Einweihung erfolgte im Beisein von sowjetischen Militär und Vertretern der Bezirks und Kreisleitung der SED. Das DDR-Fernsehen produzierte sogar einen Film über die Kienitzer und „ihren“ Panzer. Und dem Bürgermeister trug sein Einsatz ganz nebenbei den Beinamen „Panzeremil“ ein. An jedem Jahr wurden pünktlich zum 31.01. Fahnenappelle und Manöverspiele zu Ehren der „sowjetischen Helden“ abgehalten. Lehrer und mehr oder weniger fragwürdige Zeitzeugen bemühten sich gegenüber uns Kindern ein Bild von den Ereignissen zu zeichnen, was nach heutigen Erkenntnissen und der Auswertung anderer nun zur Verfügung stehender Quellen in keiner Weise mit der Realität im Einklang stand. Im Unterricht wurden die Soldaten der „Roten Armee“ als wahre „Übermenschen“ geschildert, die in der einen Hand den Suppentopf zur Versorgung der deutschen Zivilbevölkerung und der anderen Hand die MP zur Bekämpfung von Naziverbrechern hielten. Ich erinnere mich noch an eine damals schon ältere Lehrerin die sich sogar zu der Äußerung verstieg, “ dass uns durch den Sowjetsoldaten erst die Kultur beigebracht wurde“. Ganz besonders aber erinnere ich mich an die empörte Reaktion meines Großvaters als ich ihm in kindlicher Naivität die Worte der Lehrerin mitteilte. Obwohl sich niemand von den Erwachsenen verständlicherweise in Details erging , konnte man selbst als zehnjähriger merken , dass damals doch noch etwas anderes geschehen sein musste, von dem aber keiner reden wollte. Heute weiß man von den grauenvollen Übergriffen auf die Zivilbevölkerung an deren psychischen und auch pysischen Folgen viele ihr Leben lang leiden mussten. Auch aus Kienitz sind solche Dinge bekannt, geschehen unmittelbar nach dem „mystischen „ 31. Januar 1945. Man muss an dieser Stelle aber auch sagen, dass es den Russen nicht gegeben hat. Auch die sowjetische Armee war eine Mischung der verschiedensten Persönlichkeiten und Charaktere. Es gab Kommandeure und Unterstellte die selbst unter den schlimmen Erfahrungen des Krieges ihre Menschlichkeit nicht weg warfen.Wenn Zeitzeugen wie Ursula Fischer aus Letschin, über sowjetische Soldaten berichteten die der Zivilbevölkerung freundlich und hilfsbereit gegenüber traten, dann ist das durchaus die Wahrheit. Manchmal entschied schon der Charakter des jeweiligen Truppenführers über das Wohl oder Wehe der Menschen. Denn es gab auch andere die angestachelt und aufgehetzt durch die Hetztiraden des berüchtigten Schriftstellers Ilja Ehrenburg*, unter Alkohol stehend oder von Rachegedanken erfüllt sich in verbrecherischer Art und Weise an Wehrlosen vergingen.
Dieser Aspekt wurde aber in der DDR sei es im Schulunterricht oder in der Literatur über den Zweiten Weltkrieg völlig ausgeblendet. Wie müssen sich da wohl die einstigen Opfer gefühlt haben, die aus den Gründen der „Staatsräson“ über ihre erlittenen körperlichen und seelischen Verletzungen schweigen mussten? Die undifferenzierten „Heldengesänge“ trugen ebenso wenig zu einer sachlichen Diskussion über die Ereignisse jener Tage im Oderbruch und anderswo in Brandenburg bei, wie die heute manchmal übliche Reduzierung auf eben jene in der DDR unausgesprochenen Verbrechen.
Wie verquer das Verhältnis zu den Soldaten der Roten Armee auch in der DDR war, lernte ich als Angehöriger der Deutschen Volkspolizei in eigener Anschauung kennen. 1987 , damals war ich noch in Berlin tätig , sollte ich mit ein paar anderen Kollegen eine Delegation von Sowjetsoldaten zur Seelower Gedenkstätte begleiten. Geplant war dabei auch eine gemeinsame Kranzniederlegung. Eindringlich schärfte uns unser Chef ein kein Auge von den Soldaten zu lassen. Die nahe polnische Grenze konnte dieses oder jenen eventuell zum Desertieren verführen. Echte Kontakte kamen an dem besagten Tage wirklich nicht zustande. Die Soldaten , von denen keiner älter als neunzehn Jahre alt war , beäugten uns ängstlich und verschüchtert. Und wir äugten zwar nicht ängstlich aber misstrauisch, ständig unsere „Schäfchen“ zählend“ zurück. Die vorgeblichen Freunde waren in Wahrheit Bewacher! Kurze Zeit später begleitete ich unseren „Politoffizier“ und zwei junge Damen der FDJ-Kreisleitung Hellersdorf in eine sowjetische Kaserne. Dort wurde ein gemischtes Programm von sowjetischen und deutschen Künstlern aufgeführt. Die besagten Damen rezitierten dabei ein sehr pathetisches Gedicht mit dem Titel – Ich steh auf der Seelower Höhe- in dem von anstürmenden sich aufopfernden sowjetischen Helden die Rede war. Nach der Veranstaltung wurden wir eingeladen eine echte sowjetische „Soldatenstube“ zu besichtigen. Unsere „Vortragskünstlerinnen“ hatten sich vorher unter fadenscheinigen Gründen nach draußen begeben. Zufällig hörte ich wie die eine zur anderen sagte „ dass Sie doch nicht zu den stinkenden Russen gehen würden“.
Als ich 1989 den Posten eines ABV übernahm, lernte ich eine andere Seite des Umganges mit der Geschichte kennen. Die Nacht zum 01. September ( dem Jahrestag des Beginns des Zweiten Weltkriegs) gestaltete sich zum „Großkampftag“. Jedes sowjetische Ehrenmal musste in dieser Nacht von Freiwilligen Helfern bis zum Sonnenaufgang bewacht werden. Man misstraute offensichtlich dem Volk. Einer der „Helfer“ erzählte mir , dass er während seines Postendienstes sogar von Angehörigen der Frankfurter Bezirksverwaltung für Staatssicherheit kontrolliert wurde.
Mein Part bestand darin, ständig mit dem Dienstmoped zwischen Sachsendorf, Friedersdorf und Alt-Mahlisch zu pendeln , immer von der Horrorvision geplagt eines der dortigen Denkmäler „unbewacht“ zu finden.
Nach dem Ende der DDR und dem Abzug der sowjetischen Truppen übernahm das nun mehr wiedervereinigte Deutschland die Verpflichtung für die Pflege und den Erhalt der sowjetischen Ehrenmäler und Friedhöfe. Das Kapitel der Aufarbeitung dieses Teils der Geschichte nicht nur aber auch des Oderbruchs ist damit aber noch lange nicht abgeschlossen. Es scheint fast als wäre die Meinungswelt in zwei Lager gespalten. Für die einen sind solche Gedankengänge wie in Letschin ein "unvorstellbares Sakrileg". Wiederrum andere sprechen der "Roten Armee" jegliche Denkmalswürdigkeit ab. Wiederrum andere haben sich an den Anblick der steinernen Obelisken gewöhnt und nehmen diese höchstens noch im Unterbewußtsein zur Kenntnis, da Sie weit mehr von den Vorgängen der Gegenwart in Anspruch genommen werden.
Egal wie man zu den Denkmälern und Friedhöfen persönlich steht: auch hier ruhen junge Leute die ihr Leben noch vor sich hatten. Ob Sie sich nun in den letzten Minuten ihres Lebens als Helden oder Befreier fühlten ist völlig unerheblich. Fakt ist das auch Sie zu den Opfern eines der schlimmsten Kriege der Neuzeit zählen. Und dieser wurde nun einmal von Deutschland angezettelt!

*Ilja Ehrenburg verfasste u.a. einen Aufruf die Deutschen zu töten, wo immer man Sie antrifft. Seine Aufforderung den "Stolz der germanischen Frauen" zu brechen, wird als Aufforderung zur Vergewaltigung gedeutet.

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Die Stasi und das Oderbruch

Keine staatliche Einrichtung war so geheimnisvoll und bedrohlich wie die Staatssicherheit. In Seelow wurden die Mitarbeiter der dortigen Kreisdienststelle neben den sonst üblichen heimlich erteilten „Kosenamen“ wie „Langohren“ oder „ Horch und Guck“ auch vergleichsweise freundlich, als „Kleinbahner“ bezeichnet. Das kam daher, dass sich die zuletzt von einem Oberstleutnant Kutschela geleitete Dienststelle unmittelbar am ehemaligen Kleinbahnhof ( auch bekannt als Oderbruchbahn) befand. Ältere Seelower können sich bestimmt noch an das Sprichwort „ Lieber drei Stunden im Konsum stehen , als eine Stunde bei Kutschela sitzen“ erinnern. Es gab keinen Bereich in der Ex-DDR in dem das MfS nicht eingriff. Scheinbar für alles und jeden zuständig, drang man auch mit einer Selbstverständlichkeit in Bereiche ein , die anderen verschlossen blieben.
Auch in die Polizei oder sollte ich sagen besonders die Polizei blieb davon nicht verschont.
In jedem VPKA gab es bestimmte Dienstzimmer welche als gesonderte Sperrbereiche ausgewiesen waren. Diese Räumlichkeiten durften nur von einigen wenigen besonders festgelegten VP-Angehörigen und wenn dann nie allein!betreten werden. Ein solches „Heiligtum“ war Beispielsweise die so genannte Kreismeldekartei oder auch kurz -KMK- genannt, die zum Zuständigkeitsbereich der Abteilung -Pass und Meldewesen- gehörte. Während außer dem Leiter der Abteilung nur drei weitere Mitarbeiter diesen Raum je von innen sahen , konnten sich die Angehörigen der Staatssicherheit jederzeit und ohne Begründung den Schlüssel zur -KMK- aushändigen lassen.
Auch in der Kreisstadt Seelow sowie dem übrigen Oderbruch gab es Informanten die sich mit ihren Führungsoffizieren ( man nannte es Stasiintern „Arbeit mit den Menschen“) an geheimen Treffpunkten , so genannten Kontaktwohnungen trafen. Obwohl es fast unmöglich war in den Oderbruchdörfern wo jeder jeden kannte, konspirativ zu arbeiten. Das MfS hatte sich unter anderem die ehemalige Schule in Wilhelmsaue (heute befindet sich dort das Landheim) zum „Agententreffpunkt“ erkoren. In der Schule wohnten damals aber zwei mehr oder weniger neugierige Familien, die sich bald ihren eigenen „Reim“ auf das obskure Treiben machten. Man versuchte den Stasimann ständig Gespräche aufzudrängeln und zu erfahren aus welchen Gründen er sich mehrmals in der Woche in der ehemaligen Lehrerwohnung herumtrieb. Und seine Antwort das er darüber nicht sprechen darf, hat die Phantasie erst recht angeheizt. Als man im Wendetrubel die Kontaktwohnung enttarnte, stellte das für die Wilhelmsauer keine Überraschung mehr dar.
Es kam auch vor , dass die Stasi ihren Sicherheitswahn selbst ad absurdum führte.
Eines Abends , ich hatte gerade Dienst im VPKA, wurde ein völliger betrunkener Herr aus Manschnow von einer Funkstreife im wahrsten Sinne des Wortes „aus dem Verkehr gezogen“ nachdem er vorher noch in einen Zaun gefahren war. Die Polizisten brachten den Sünder nach der Blutprobe zwecks Ausfüllung eines Protokolls ins Amt. Mit den Worten „ Na wir kennen uns doch“ empfing ihn der zufällig anwesende Leiter der Verkehrspolizei, Hauptmann Benno K.
Die meisten anderen wären wohl vor Scham und auch vor Furcht vor den Konsequenzen im Boden versunken. Nicht so aber dieser Trunkenbold. „ Mensch Benno , Du weißt doch dich meine Fleppen Morgen wieder hab. Ihr könnt mir doch sowie so nichts“. Benno K. ansonsten als resoluter Kämpfer für die Verkehrssicherheit bekannt , nickte mit steinernen Gesicht und lies den Vorgang unkommentiert.
Was ich nicht für möglich gehalten hätte trat wirklich wenige Tage nach dem Vorfall saß der besagte Herr wieder hinter dem Steuer und das in einem Land wo die 0,0 Promille-Grenze herrschte. Ein Anruf aus der Kreisdienststelle genügte und der entzogene Führerschein musste wieder ausgehändigt werden. Das hier jemand mit einem akuten Alkoholproblem versehen war und nachhaltig die Ordnung und Sicherheit gefährdete, spielte in diesem Fall für das MfS keine Rolle. Vielleicht fürchtete man das dieser Zuträger seine „Arbeit“ einstellt , wenn man ihm nicht immer wieder aus der Patsche helfen würde. Was allerdings die eigene Sicherheit betraf war man bei der Staatssicherheit sehr pingelig. Im Juli 1989 hatten Kinder in Wulkow bei Booßen eine Strohmiete angezündet. Bei den Ermittlungen vor Ort war auch der Bereitschaftsdienst der Kreisdienststelle beteiligt. Durch unseren Kriminalisten wurde die Tat schnell aufgeklärt. In solchen Fällen war es üblich, dass der ODH der Kreisdienststelle eine Kopie des polizeilichen Fernschreibens erhielt. Nachdem dieses Schreiben fertig war bekam ich den Auftrag das Papier in die Zernikower Straße zu bringen. Mein Kommen war telefonisch angekündigt , also durfte es auch keine Probleme geben.
Ich stand also vor der Eingangspforte und klingelte. Von innen wurde ein Summer betätigt und die Tür sprang zu meiner Überraschung auf. Nichts wirklich böses denkend begab ich mich leicht verwundert auf das Gelände um dem Wachposten , einem Unterfeldwebel, das Schreiben zu überreichen. Ehe ich mich meiner „Last“ entledigen konnte kam plötzlich der Diensthabende aus der Tür und „stutzte “ den Unterfeldwebel zusammen , warum er mich auf das Gelände gelassen hat. Ich hatte es sehr eilig das Fernschreiben endlich los zu werden und machte im übrigen das ich „Land gewann“. Später sollte ich erfahren , dass der arme Wachposten eine Strafe erhalten hatte, dafür das ich wenige Meter auf das Gelände des Objektes vorgedrungen war. Die Sicherheit war nicht mehr gewährleistet. So hat der Hauptwachtmeister der VP Bräuning die Sicherheit einer MfS-Dienststelle bedroht. Oh Mann !!
So mancher wird sich wohl im Laufe der Jahre die Frage gestellt haben, was die "Kleinbahner" denn hinter ihren vergitterten Fenstern so treiben mögen. Agentenjagd im Oderland , das klang sehr unwahrscheinlich.
Allerdings war das Oderbruch zu Zeiten des so genannten „Kalten Krieges“ für die Geheimdienste kein durchweg „weißer Fleck“. Angeführt werden kann da zum Beispiel der Grenzbahnhof Kietz (heute wieder Küstrin-Kietz). Über diesen Bahnhof liefen nicht nur zahlreiche Gütertransporte von und nach der Sowjetunion. Es verkehrten auch Züge mit Militärgerät und Mannschaften.
Als 1968 die Armeen des Warschauer Vertrages zur Niederschlagung des „Prager Frühlings“ in die damalige CSSR einfielen, rollten ihre Truppen von Polen kommend über die Kietzer Eisenbahnbrücken. Kein Wunder also , dass auch westliche Dienste Interesse an diesem Flecken unserer Heimat zeigten. In den sechziger Jahren wurde ein Stellwerker aus dem Kietzer Ortsteil Kuhbrücke als Agent des englischen Nachrichtendienstes enttarnt. Die Aufgabe des Eisenbahners bestand darin einfach die Achsen der Militärzüge zu zählen und eventuelle Angaben zu der Fracht zu tätigen. Dieser längst verstorbene Bahner zählte allerdings nicht zu den hellsten Köpfen , so dass seine Karriere als „James Bond des Oderlandes“ bald beendet war. Persönlich ist mir bisher nur dieser einzige Spionagefall in Kietz bekannt. Es ist aber nicht auszuschließen, dass sich noch weitere Eisenbahner , ganz sicher aus den unterschiedlichsten Motiven heraus, am Spionagegeschäft beteiligten. Wie stark die Staatssicherheit diesen Problem vorbeugen wollte zeigte sich nach der Öffnung der Stasiakten. Gemessen an der Einwohnerzahl hatte Küstrin-Kietz die meisten „Inoffiziellen Mitarbeiter“ aufzuweisen. Übrigens lief im Jahre 1988 Spätabends im DDR-Fernsehen einer der seltenen Filme welche sich mit der Arbeit der Staatssicherheit befassten.
Dieser Streifen lief unter dem Titel „Irrläufer“ dem bekannten Schauspieler Erik.S. Klein als Major Bauer. Dieser durchaus spannende Streifen zeigte die erfolgreiche Arbeit der Spionageabwehr , die einen westlichen Agentenfunker enttarnte. Und dieser Funker hatte den Bahnhof Kietz im Visier. So wurde das Oderbruch Handlungspunkt eines freilich vergessenen Spionagethrillers. Die Abwehr war neben der Aufklärung die einzige Abteilung die in der DDR hin und wieder zu künstlerischen Ehren kam. Die Existenz der anderen Diensteinheiten verschwieg man konsequent. Kein Wunder, waren Sie doch ausschließlich nach innen gerichtet.
Für mich stand die „Institution Stasi“ immer in einem Wechselverhältnis zwischen ungeheurem Respekt und Misstrauen. Der Respekt kam daher , dass es sich bei den Mitarbeitern angeblich um „Handverlesene“ besonders befähigte Leute handeln soll, die ständig schwere Aufgaben bewältigen. Natürlich können die besagten Aufgaben die immer nur „nebulös“ beschrieben wurden nur vom MfS erledigt werden , von niemanden sonst in der DDR. Das Misstrauen hatte seine Wurzeln in genau den selben Gründen.
Einen ersten Tiefen Riss erlitt meine bisherige Sicht auf diesen Apparat Ende Oktober 1989 , kurz nach der Übernahme der Regierungsgeschäfte durch Erich Krenz.
An einem Nachmittag besuchte mich mein unmittelbarer Vorgesetzter Hauptmann der VP Manfred B. in meinem Dienstzimmer in Dolgelin. Thema Nummer 1 war wie wie eigentlich überall in diesen Tagen die Lage in der DDR und die Frage „was wohl noch kommen würde“. Gegenüber meinem Chef ( wir waren trotz der erheblichen Unterschieden im Dienstrang „ per Du“) versuchte ich Optimismus zu verbreiten. Als ich zum Ausdruck brachte , „ dass es der Krenz doch schaffen könnte“ berichtete mir Manfred von der letzten Dienstberatung der VPKA-Führung an der auch Mitarbeiter des MfS teilnahmen. Einer dieser Mitarbeiter den mein Chef schon seit Jugendzeiten persönlich kannte, nahm ihm nach der Veranstaltung zur Seite. Völlig frustiert hatte ihm sein Jugendfreund anvertraut, dass man innerhalb der Kreisdienststelle diese Entwicklung wie Sie jetzt zu Tage getreten ist schon seit Jahren gesehen hat. Unzählige Berichte mit all den bekannten Problemen sei es Materialmangel in der Produktion oder die leeren Geschäfte , all das was die Volksseele zum „Kochen“brachte, war der Kreisleitung der SED und den übergeordneten Stellen seit langem bekannt. Wohl ahnend das er vor dem baldigen Ende seines Berufslebens stand, schätzte dieser Offizier ein, dass er all die Jahre nur für den Papierkorb gearbeitet hätte.
Bei den Worten meines Chefs war es mir als hätte mir jemand in die Magengrube geschlagen. Ich weiß noch heute das ich schockiert darüber war, wie tief die „Karre wirklich im Dreck“ war. Und die angeblich unfehlbare Stasi musste hilflos ansehen , wie die Parteiführung ihre Arbeit missachtete.
Eigentlich war ich der Meinung , dass die Lageberichte des MfS genauso mit Phrasen bestückt waren, wie die Leitartikel im Neuen Deutschland. Als aber nach der Wende einige dieser Berichte der Öffentlichkeit zugänglich machte , zeigte ich mich eines besseren belehrt. Und obwohl die Parteiführung offensichtlich weder die Brisanz des Schriftgutes noch die darin befindlichen Warnungen erkennen konnte oder wollte, „muckte“ niemand im MfS dagegen auf. Gehorsam bis zum Schluss und das wider besseren Wissen. Das hatte es doch in der deutschen Geschichte schon einmal gegeben, wenn auch mit weit schlimmeren Konsequenzen.
Untätig war die Staatssicherheit während der Wendezeit freilich auch im Oderland nicht. Auf ihre eigene Weise versuchte Sie in das Geschehen einzugreifen.
Im September erreichte die Fluchtwelle ihren Höhepunkt. Durch einen in ein Übergangslager eingeschleusten Spitzel erfuhr das MfS das eine aus dem Raum Seelow stammende männliche Person mit den Verhältnissen in diesem Lager offenbar nicht zurecht kam. Seinen Freunden und dabei wohl auch dem Spitzel vertraute der junge Mann an , dass er seinen Schritt bereue.
Das rief das MfS auf den Plan. Eine Angehörige des „Flüchtlings“ bekam Besuch von der Seelower Stasi. Die Frau sollte Kontakt zu ihrem Verwandten aufnehmen und diesen zur Rückkehr in die DDR „beknien“. Nach seiner Rückkehr sollte er dann als „verlorener Sohn “ im DDR-Fernsehen auftreten. Zur Belohnung sollte dann die Familie eine der (damals) begehrten Plattenbauwohnungen in Frankfurt(Oder) bekommen. Aus dem Kontigent des MfS, selbstredend! Die rasante Entwicklung der Folgeereignisse verhinderte allerdings die Ausführung dieses Plans.
Wenn es politisch opportun war griff die Stasi immer wieder in den Gang polizeilicher Ermittlungen ein. So konnte eine Straftat die sonst für den Täter erhebliche strafrechtliche Folgen hätte, auch mal im Einzelfall „unter den Teppich gekehrt werden“. Am Morgen des 08. Oktober 1989 meldete ich mich beim „Operativen Diensthabenden“ zu einer Streife in Dolgelin an. Kaum hatte ich diese angetreten , kam auch schon ein aufgeregter Bürger um die Ecke gekeucht. Er hatte gerade eben zwei DDR-Fahnen abgerissen und zerknüllt in einem Papierkorb gefunden. Zu diesen Zeiten zumal einen Tag nach dem vierzigjährigen Gründungsjubiläum war das eine Ungeheuerlichkeit. Nachdem ich meiner Zentrale die Straftat gemeldet hatte , machte ich mich voller Ehrgeiz an die Ermittlungen. Und siehe da der Erfolg sollte nicht lange auf sich warten lassen. Ein Polizeihelfer gab mir den entscheidenden Hinweis, dass während der abendlichen Tanzveranstaltung jemand betrunken des Saales verwiesen wurde. Und dieser jemand hatte dann vor dem Saal randaliert und dabei wilde Flüche auf die Partei und Staatsführung ausgestoßen. Und genau dort wo der Trunkenbold seinen Frust heraus brüllte , fand man am nächsten Morgen die lädierten Fahnen. Natürlich war der Deliquent namentlich bekannt, so dass ich nach kurzer Zeit und „stolz wie Oskar“ meinen Erfolg melden konnte. Nun ja dieser jemand war nicht irgend jemand, sondern ein Kreistagsabgeordneter der CDU. Mach einiger Zeit teilte mir dann mein Vorgesetzter zu meinem großen Erstaunen mit, dass auf Weisung des MfS sämtliche Eermittlungen einzustellen sein. Ich sollte die Zeugen zum Stillschweigen "vergattern". Als Begründung wurde mir gesagt, dass man es sich in der jetzigen politischen Situation nicht leisten kann , gegen einen lokal bekannten Angehörigen einer Blockpartei wegen eines solchen Deliktes zu ermitteln! Die Stasi hatte wieder einmal ihre Allmacht bewiesen .
Doch als im November 1989 die Fassade der Allmacht endgültig zu bröckeln begann, zeigte sich auch wie erstaunlich hilflos das MfS auf die eingetretene Situation reagierte. Das bekannteste Beispiel ist wohl der peinliche Auftritt des Ministers Erich Mielke vor der Volkskammer. Aber auch die Seelower Stasi zeigte sich unfreiwillig humorvoll. Als die Auflösung der Kreisdienststelle Anfang Dezember beschlossen war , versuchte man noch schnell möglichst viele Akten zu vernichten. Das konnte natürlich in einer Kleinstadt mit gerade mal 5000 Einwohner nicht lange geheim bleiben. Tagelang drangen dicke Rauchwolken aus den Schornsteinen des Heizhauses. Diese lösten bei den Anwohnern nicht nur Hustenreiz aus. Die Lokalpresse begann sich von ihrer einstigen Rolle als Sprachrohr der Partei zu lösen und berichtete über den verdächtigen Qualm und den Verdacht der Anwohner , das hier Aktenvernichtung in großen Stil betrieben wird. Die Antwort der Kreisdienstelle war am nächsten Tag ebenfalls in der Zeitung zu lesen. Der erstaunte Leser wurde darüber informiert, dass lediglich einige wegen der Strukturveränderungen des MfS aus dem Dienst ausscheidende Mitarbeiter nicht mehr benötigtes Material verbrennen würden. Es handele sich dabei um Schulungsmaterial keineswegs um Akten, versicherte man seitens des MfS.
Dieser vorsichtig ausgedrückt „unglückliche“ Beitrag war der Tropfen welcher das Fass zum Überlaufen brachte. Am nächsten Tag erfolgte die Besetzung der Dienststelle durch Seelower Bürger. Der damalige Leiter der Kriminalpolizei und auch der Kreisstaatsanwalt waren bei der Besetzung zugegen. Ihre Anwesenheit verhinderte Übergriffe und gab der Angelegenheit den notwendigen „amtlichen Anstrich“.
Die Besetzung der Seelower „Stasizentrale“ verfolgte ich nur in der Zeitung b.z.w. In den Gesprächen mit Kollegen. Irgendwie war ich froh, dass ich daran nicht beteiligt war. Die Mitarbeiter von denen ja die meisten vom Ansehen her bekannt waren ,taten mir einfach leid.Die einst argwöhnig beäugten aber doch mit gewissen Respekt bedachten Angehörigen des MfS erlebten ein trauriges Ende ihrer beruflichen Laufbahn. Schon Tage vor dem offiziellen Ende der Kreisdienststelle waren sämtliche Räume durch die Bürgerbewegung besetzt und verschlossen. Nachdem Akten; Bewaffnung und Funkausrüstung verladen waren, nahmen die zur Untätigkeit gezwungenen Stasilleute in der Küche Platz. Der letzte Akt im Seelower „Stasitheater“ hätte durchaus von Richard Wagner erdacht sein können. In einer Reihe zogen die entlassenen „Tschekisten“ an einem Tisch vorbei auf dem sich ein Karton befand. Jeder musste einzeln seinen Dienstausweis abgeben und dann für immer das Haus verlassen. Ihr einstiger Dienstherr, die SED hielt sich bedeckt und schwieg. Fast schien es so als ob Sie ob von höherer Stelle versucht wurde , ein paar „Sündenböcke“ für die Krise der DDR zu präsentieren. Die wahren Ursachen waren viel komplexer. Aber durch seine Tätigkeit hatte das MfS erheblich dazu beigetragen, dass diese Ursachen nicht benannt und beseitigt werden konnten. Erst später als immer mehr Dinge über die Tätigkeiten der Stasi ans Licht kamen, bemerkte ich wie nahe wir in diesen Tagen an einer Katastrophe waren. Mitte der Neunziger Jahre berichtete der ORB in einer Fernsehsendung über die geplanten Internierungslager des MfS. Die Kriterien für eine „Vorbeugehaft zu Krisenzeiten“ hätten wohl viele Einwohner des damaligen Kreises Seelow erfüllt. In dieser Sendung zeigte man auch die Seelower Kreisdienststelle und eine sich auf dem dortigen Gelände befindliche Garage. In diesem relativ engen und kalten Bau sollten Menschen eingesperrt werden. Eine eigens dafür gebaute Gittertür war erst kurz vor dem Herbst 1989 angeliefert worden und lehnte nun nutzlos an der Wand. Laut den vorhandenen Plänen hätte die Polizei und damit möglicherweise also auch ich!, die Gefangenen bewachen müssen. Gott sei Dank hatte der rasante Gang der Ereignisse ,darunter die Besetzung und Auflösung der Stasidienststellen, die Ausführung dieser Menschen verachtenden Pläne verhindert. Was wäre gewesen wenn ich Freunde, Bekannte, Nachbarn zusammengepfercht auf engen Raume hätte bewachen sollen? Ich wäre nie mehr in der Lage auch nur einen von ihnen je wieder in die Augen zu sehen!!
Auch wenn ich in Seelow nicht dabei war, so sollte auch ich noch in den Genuss kommen, ein Objekt der Staatssicherheit bewachen zu dürfen. Und dieses befand sich praktischerweise in meinem damaligen Wohnort Manschnow. In der Friedensstraße befand sich eine Tischlerei . Gerüchte das da „etwas nicht stimmen würde“ gab es wohl schon vorher. Tatsächlich war dieser Betrieb irgendwann von der Bezirksverwaltung für Staatssicherheit übernommen worden. Ein Leutnant !und ein Zivilangestellter reparierten und fertigten dort Möbel und andere -hölzerne Dinge- für den täglichen Gebrauch der einzelnen Stasieinrichtungen an. Es sollte natürlich nicht lange dauern bis im „heißen Herbst 1989“ auch diese Tischlerei in der man noch heimlich eingelagerte Akten vermutete von den Bürgern umstellt war. Nachdem man den beiden „Holzwürmern von der unsichtbaren Front“ Hausverbot erteilt hatte , durfte jeweils ein Polizist für jeweils zwölf Stunden dort Wache schieben. Allerdings gehörte zu der Tischlerei auch ein kleines Haus, worin man den Wachdienst einigermaßen angenehm verbringen konnte.
Um 20.00 Uhr übernahm ich an einem kalten Dezembertag meinen Dienst. Ich fand die Räumlichkeiten angesichts der Tatsache das ich bis zum nächsten Morgen dort ausharren sollte, reichlich kalt. Also rein ins Heizhaus und erstmal ordentlich Kohlen in den Ofen schippen. Zufrieden lümmelte ich mich auf dem alten Sofa welches im Raum stand. Und dort befand sich auch ein Fernseher . Auf der Mattscheibe flimmerten gerade die Bilder von der Leipziger Montagsdemonstration und das Interview mit einem der Initiatoren. Zu irgendeinem Zeitpunkt war auch davon die Rede, dass man es endlich geschafft hat die Aktenvernichtungen bei der Staatssicherheit zu stoppen. Die Schornsteine rauchen nicht mehr, hörte ich . Plötzlich lief es mir eiskalt den Rücken runter. Mindestens ein Schornstein rauchte noch kräftig. Und dafür hatte ich gesorgt. Ich schlich mich auf den Hof und sah das ganze Ausmaß meines Missgeschicks. Der Qualm kam nicht nur dick aus der Esse sondern wurde auch noch zu allem Unglück von dem dichten Nebel nach unten gedrückt. Es war nur eine Frage der Zeit bis die ersten wütenden Einwohner Manschnows vor dem Blechtor standen, da Sie sicher wenn auch zu Unrecht , die Vernichtung wichtiger Papiere vermuten könnten. Ich überlegte noch ob ich vielleicht vorsorglich das Volkspolizeikreisamt verständigen sollte, als plötzlich jemand kräftig an die Fensterscheibe klopfte. Mein armes Herz schlug bestimmt noch lauter , als ich mit zitternden Händen die Gardinen beiseite schob. Zu meiner Erleichterung erkannte ich in der dick vermummten Gestalt meine Frau , die mir nur das Abendessen vorbei bringen wollte. Um es vorweg zu nehmen , es kam in dieser Nacht niemand mehr. Ob es nun an dem nasskalten Wetter lag so das schlicht und ergreifend keiner auf der Straße war , so dass die Rauchschwaden unbemerkt abziehen konnten , oder ob andere Gründe eine Rolle spielten werde ich wohl nie erfahren. Ich hätte aber durch mein unbedachtes Handeln in einer ohnehin „explosiven“ Zeit sehr leicht in arge Erklärungsnöte geraten können.
Auch in den nächsten Monaten und Jahren sollte das Thema -Stasi- noch lange die Gemüter im Oderbruch bewegen.
Die Saat des Mißtrauens in vierzig Jahren DDR gelegt, drohte aufzugehen.

Die ehemalige Kreisdienststelle des MfS in Seelow-Zernikow
Die ehemalige Kreisdienststelle des MfS in Seelow-Zernikow

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Kommentare: 8
  • #1

    GilbertWolzow (Mittwoch, 21 Oktober 2009 13:51)

    sehr lesenswert und historisch wertvoll, obwohl oftmals das kleinliche vp- denken zum vorschein kommt a´la: warum durften die das und wir nicht?
    aus dieser neidhaltung entstand missgunst, misstrauen und anschliessend: ein glück, wir sind das nicht gewesen und haben mit denen nichts zu tun...

    ansonsten fand ich die o.g. dienstliche geschichte aus dem oderbruch äusserst lesenswert. danke

  • #2

    Feliks D. (Mittwoch, 21 Oktober 2009 14:52)

    Kann mich da Gilbert nur anschließen, eine Menge zu lesen aber äußerst interessant, so dass es nicht abschreckt oder einem schnell zu viel wird.

    Respekt für die Mühe aber auch das Ergebnis.

  • #3

    wmuler (Mittwoch, 31 März 2010 11:49)

    Alles alte Kamellen, man sollte sich dem Tagesgeschäft widmen. In diesem Hottentottenstaat gibt es genug Probleme.

  • #4

    adam (Donnerstag, 10 Januar 2013 07:59)

    ihr seid doch alles wendehälse. erst mit dem verbrecherstaat mitlaufen und jetzt nette geschichten erzählen. macht euch das begreifbar ihr habt dem staat gedient ohne nachzudenken ihr seid mitschuldig, ihr habt an diesem staat mitschmarotzt und wart gerne angehörige der bewaffneten organe. schande über euch

  • #5

    Grafgero (Samstag, 12 Januar 2013 07:07)

    @adam
    Wie kann man nur so einen Mist schreiben wie du. Das kann nur passieren, wenn man nicht nachdenkt.
    Du beleidigst damit Milionen von Menschen die einfach nur gearbeitet und ihr Leben gelebt haben.
    Bei zukünftigen Beiträgen empfehle ich dir, vorher mal drüber nachzudenken was man schreibt.

  • #6

    Uwe Bräuning (Samstag, 12 Januar 2013 16:30)

    Hinter dem Pseudonym Adam verbirgt sich ein reichlich unglücklicher, verbitterter Zeitgenosse. Man sollte ihm seinen Kommentar nicht allzu übel nehmen.

  • #7

    Mumpel (Freitag, 19 April 2013 16:32)

    Sehr interessanter Zeitzeugenbericht aus dem Blickwinkel eines VP-Angehörigen.
    Es gibt eben nicht nur schwarz und weiss.
    Danke.

  • #8

    Rainer F. (Montag, 23 Juni 2014 23:34)

    Eine schöne Erinnerung! Mein Vater, Hauptmann Helmut F., war bis 1990 ODH, zuvor Gruppenpostenleiter Nord, ABV, Schutzpolizist und eine zeitlang auch bei der Kripo. Mir kommt vieles aus seinen Erzählungen bekannt vor. Der Seelower Stasi-Chef müßte aber Koschela geheißen haben, wenn ich das richtig in Erinnerung habe. ;-)