Die Ruine des ehemaligen Grundstückes der Familie Franz Kallies

 In der weiten Feldmark, zwischen Ortwig und Neubarnim, findet sich die Ruine eines Bauernhofes. Das allein ist nicht ungewöhnlich im Oderbruch. Wurden viele Höfe während der von Februar bis April 1945 tobenden Kämpfe derart zerstört, dass an einen Wiederaufbau nicht mehr zu denken war. Andere Höfe wurden von ihren Besitzern aufgegeben, weil diese Ende der Fünfziger / Anfang der Sechziger Jahre, nicht in die "LPG" einteten wollten und statt dessen in den "Westen" flüchteten.

Diese Ruine ist jedoch etwas ganz besonderes! Genauer gesagt, der Schauplatz eines spektakulären Mordfalls, der Anfang des 20. Jahrhunderts ganz ´Deutschland erschütterte.

Was war geschehen?

Im Jahre 1912 bewarb sich bei dem wohlhabenden Bauern und Leiters der örtlichen Sparkasse, Franz Kallies, ein gewisser Otto Schöne um eine Anstellung als Knecht.

Schöne, der offensichtlich nicht aus der Gegend stammte und den daher auch niemand kannte, erwies sich rasch als fleißige, wenn auch etwas schweigsame Arbeitskraft. Auf die der Bauer Kallies nicht mehr verzichten wollte.

Der Bauer ahnte ja nicht, dass er nichts ahnend, niemand anders als den in ganz Preußen gesuchten Raubmörder und Brandstifer August Sternickel, völlig zutreffend "Schrecken von Preußen" genannt, zu Lohn und Brot verholfen hatte.

Sternickel nutzte das zu jener Zeit noch völlig unzureichend entwickelte Meldesystem aus, um unerkannt unterzutauchen. 

Wie gefährlich der vermeintlich "fleißige Knecht" in Wirklichkeit war, zeigen seine Verbrechen mit brutaler Klarheit.  Zum Beispiel dieses :

Im Jahre 1905 fand Sternickel in der Plagwitzer Mühle, in Schlesien, eine Anstellung beim dortigen Müller.  Gemeinsam mit zwei Komplizen ermordete und beraubte er den Müller. Einem Mann Namens Knappe.  Um die Spuren der grausamen Tat zu verwischen, setzte Sternickel anschließend die Mühle in Brand. Die historische Bedeutung der Mühle, spielten sich doch hier während der "Befreiungskriege" heftige Kämpfe zwischen Preußen und Franzosen ab, steigerte die Verwerflichkeit der Tat noch zusätzlich!

Während Sternickels Kumpanen gefasst und abgeurteilt werden konnten, blieb Sternickel verschwunden. Bis er dann, auf welchen Wegen auch immer, den Weg ins Oderbruch fand.

Wie bereits oben erwähnt, verhielt sich Sternickel zunächst auf dem Hof äußerst unauffällig.  Das änderte sich erst, als der aus irgend einem Grund mißtrauisch gewordene Bauer, plötzlich Ausweisdokumente von seinem Knecht verlangte. Die dieser natürlich nicht besaß.

Kallies setzte dem Knecht eine Frist, ohne zu ahnen das er damit das Todesurteil für sich selbst, seine Ehefrau und die minderjährige Magd Anna Philipp gesprochen hatte.

Sternickel, zum äußersten entschlossen handelte sofort.  Wenn er nicht auffliegen wollte, musste der Bauer beseitigt werden! Der Verbrecher wusste bereits, dass der Bauer, in seiner Eigenschaftt als Sparkassenleiter, stets eine Menge Bargeld Zuhause aufbewahrte.

Allein erschien ihm ein Angriff auf den bärenstarken Franz Kallies jedoch zu gewagt.

Aus diesem Grund begab er sich in die dreißig Kilometer entfernte Kleinstadt Müncheberg. Dort warb er, in einer Herberge, die arbeitslosen, aus Berlin stammenden Jugendlichen Franz Schliewenz, Georg und Willy Kersten, als Mittäter an.

Das Berliner Trio wusste von Anfang an, zumindest in groben Zügen, auf was sie sich einließen! Sprach doch Sternickel, ziemlich unverhohlen, von "einem großen Ding, dass sie gemeinsam drehen wollen".

Wenn man den Chronisten Glauben schenken darf, begaben sich die vier anschließend zu Fuß von Müncheberg nach Ortwig. Ich plädiere eher dafür, dass sie die Strecke mit der "Oderbruchbahn", deren Gleise damas auch durch Ortwig führten, bewältigten.

Das aber nur nebenbei!

Am nächsten Morgen des 08. Januars 1913, in aller Frühe, schritten die Banditen, anders kann man sie beim besten Willen nicht nennen, zur Tat.

Zuerst legte Sternickel dem arglos den Stall betretenden Bauern einen Strick um den Hals, während er von Georg Kersten und Franz Schliewenz festgehalten wurde. Sternickel zog den Strick zu und erwürgte den Bauern. Wenig später kam Anna Philipp in den Stall. Das Mädchen wollte wie an jedem Morgen, die Kühe melken. Anna Philipp musste ebenfalls den grausamen Erstickungstod erleiden.

Im Wohnhaus trafen die Räuber auf Frau Kallies, die zunächst einen heftigen Schlag auf den Kopf erhielt.  Bevor sie, wie ihr Mann únd die Magd, erwürgt wurde.

Die beiden minderjährigen Kinder des Ehepaars verschonten die Verbrecher glücklicherweise. Sternickel verlangte von ihnen die Herausgabe des Schlüssels für den Geldschrank. Den Rest des Tages, bis zu ihrer Befreiung, verbrachten die völlig geschockten Kinder, im Wohnzimmerschrank.

In den Vormittagsstunden des selben Tages, trennte sich das " Berliner Trio" von Sternickel. Nachdem dieser ihnen den versprochenen Anteil an der Beute, einhundert Reichsmark, ausgezahlt hatte. Das Trio ging zu Fuß nach Sietzing. Von dort aus ging es per Bahn zurück nach Berlin.

Wie die späteren Ermittlungen ergaben, lud Sternickel die Leichen der Ermordeten auf einen Pferdewagen. In schneller Fahrt, ohne die Pferde zu schonen, jagte er mit der grausigen Fracht in den ca. zwanzig Kilometer entfernten Ort Ringenwalde. Dort versteckte er die Leichen in einer Strohmiete, setzte diese in Brand und fuhr zurück an den Tatort.

Warum er das tat, erscheint mir persönlich unklar. Wahrscheinlich vermutete Sternickel in dem Bauernhaus weitere versteckte Reichtümer. Anders kann ich mir das mit hohem Entdeckungsrisiko verbundene Verhalten nicht erklären!

Anders als von Sternickel erhofftt, blieb der Brand nicht lange unbemerkt. Bei den Löscharbeiten stießen die Feuerwehrmänner auf die drei halb verbrannten Leichen.

Hier weichen die Chronisten von einander ab:

Die einen behaupten, dass das Ehepaar an Hand mitgeführter, noch lesbarer Dokumente identifiziert werden konnten, meinten andere, dass das Ehepaar Kallies zu diesem Zeitpunkt bereits als vermisst gemeldet worden war. Und zwar von Mitgliedern der Gemeinde Ortwig, die Kallies einen wichtigen Geldbrief zustellen wollten. Auf dem Grundstück trafen diese jedoch nur den Knecht " Otto Schöne" alias August Sternickel an. Der keck behauptete, dass die Familie Kallies für mehrere Tage verreist sei. Da dieses aber nicht deren Art war, wie auch immer, schöpften die Gemeindediener sofort Verdacht.

Wie die Meldung in der "Urzeit der technischen Kommunikation" bis nach Ringenwalde zum Ortsvorsteher schaffte, gehört ebenfalls zu den auf immer unaufklärbaren Geheimnisses dieses Mordfalls. Außerdem scheint an dem Ortsvorsteher, der sofort einen Zusammenhang zwischen den aufgefundenen Leichen und dem mysteriösen Reise der Familie Kallies herstellte, ein kleiner Sherlock Holmes verloren gegangen zu sein!

Fakt ist, dass das Grundstück der Familie Kallies bald darauf überprüft wurde.  Wobei sich der eingangs gehegte Verdacht auf ein Verbrechen rasch bestätigte. Ebenso rasch fokussierte sich der Verdacht, nicht zuletzt auf Grund der Aussage der Kallies-Kinder, auf den Knecht "Otto Schöne".

Bei den Schilderungen der Fahndungsmaßnahmen widersprechen sich die Chronisten erneut:

Variante a) besagt, dass Schöne/ Sternickel sofort über den Acker flüchtete, als er das "Kommando" anrücken sah.  Zu dem Kommando gehörte auch ein Gendarm. Der ohne zu Zögern die Verfolgung aufnahm. Quer über den Acker. Von Ortwig via Güstebieser Loose bis nach Zellin. Wo er den Bösewicht in einer Kneipe verhaften konnte.

Wer solchen Blödsinn behauptet, war noch im Leben im Oderbruch!

Ich bevorzuge Variante b) Demnach gelang es einem Gendarm Namens Kluge, bereits mit dem Wissen um die wahre Identität des Flüchtenden, diesen in der Zelliner Kneipe aufzuspüren und zu verhaften.

Sternickel stritt zunächst alles ab und versuchte den Mord seinen flüchtigen Komplizen in die Schuhe zu schieben. Das Trio stellte sich jedoch derart "prasslig" an, dass auch bei ihnen kurze Zeit darauf die Handschellen klickten.

Im März 1913, lediglich acht Wochen nach der Tat,  in heute unvorstellbar kurzer Zeit, erfolgte die Gerichtsverhandlung in Frankfurt (Oder).

Zunächst wurden, bis auf den erst achtzehnjährigen Willy Kersten, alle Beteiligten zum Tode verurteilt. Quasi in letzter Minute, wurden Schliewenz und Georg Kersten, zu einer lebenslangen Zuchthausstrafe begadnigt. Ob das, Angesichts der damaligen Verhältnisse in den Gefängnissen tatsächlich eine Gnade war, soll mal dahin gestellt bleiben!

August Sternickel hauchte sein verpfuschtes Leben bald darauf unter den Händen des Frankfurter Scharfrichters aus.

Als Spukgestalt lebt er jedoch bis heute im Oderbruch weiter. Wie es heißt, kann man ihn in mondhellen Nächten in den Trümmern des einstigen Wohnhauses der Familie Kallies nach versteckten Reichtümern kramen sehen. Andere berichten von seltsamen Lauten, die wie leise erstickte Hilferufe klingen. Wie es scheint, haben weder Sternickel noch seine Opfer ihre "ewige Ruhe" gefunden.

 

 

 

Toreinfahrt des ehemaligen Bauernhofes Franz Kallies
Toreinfahrt des ehemaligen Bauernhofes Franz Kallies

Am "Russenloch" bei Küstrin-KIetz

Unweit des Oderdamms bei Küstrin-Kietz, gegenüber der verlängerten Lindenstraße, trifft man auf eine regelrechte Wildnis. Alte Bäume, dichtes Gebüsch und hohes Gras. In dem sich Rehe und sogar Wildschweine verbergen. Munteres Vogelgezwitscher begrüßt den Wanderer. In Mitten der scheinbar unberührten Naturoase befindet sich das so genannte "Russenloch". Ein fischreiches Altgewässer der Oder. Dessen eigentlichen Namen niemand mehr kennt.

Bis 1991 residierte dort wo sich heute ungestört die Natur ausbreiten darf, eine sowjetische Chemiker-Einheit.  Kein Einwohner des Dorfes durfte das Aeal betreten! Bewaffnete Posten sorgten dafür, dass niemand ins militärische Sperrgebiet eindrang.

Im Jahre 2003 wurde die Kasernengebäude abgerissen. Wie es heißt, kamen bei den Arbeiten einige Kriegstote, deren Schicksal bislang unklar war, zum Vorschein.  Andere Zeitzeugen berichten von Exerzierübungen, welche die Küstriner Hitlerjugend auf dem Gelände abhielt.

Unglaublich schnell eroberte sich die Natur längst verloren geglaubtes Terrain zurück.

In den Neunziger Jahren entwickelte sich das ehemalige Kasernengelände in einen Umschlagplatz für Schmuggler und Schleuser. Zoll und Bundesgrenzschutz wagten sich nur Gruppenweise hinein. Auf dem unübersichtlichen Gelände drohten den Grenzern ernst zu nehemende Gefahren.

Diese Zeiten sind nun vorbei. An die Kaserne erinnern lediglich vereinzelte Bausteine, oder weggeworfene Militärstiefel im Gras. Hin und wieder erkennt man noch die Markierungen der einstigen Postenbereiche an den Bäumen.

Das ein wenig düster anmutende, im Schatten der Bäume liegende Russenloch lädt zum Angeln ein. Vor allem Nachts. Sofern man sich nicht vor den Geräuschen der "wilden" Tiere  und vor blutsaugenden Mücken fürchtet!

Besonders romantische Gefühle kommen immer dann auf, wenn der Abendwind die Glockenschläge einer Turmuhr, im benachbarten Kostrzyn, über die Grenze herüberweht.

Über dem gesamten Terrain liegt eine Aura des Geheimnisvollen. Wie an einem verwunschenen Ort. Fledermäuse jagen in den Nächten, knapp über den Köpfen der Angler, Insekten nach. Heiseres Gebell von Rehböcken unterbricht immer wieder die Stille.

Wer " Natur pur" erleben möchte, ist hier genau richtig!

Blick aufs "Russenloch"
Blick aufs "Russenloch"
Blick aufs Russenloch No 2
Blick aufs Russenloch No 2

Ein Spaziergang über die Oderinsel bei Küstrin-Kietz

 

 

Die Küstriner Oderinsel gehört zu den wildesten, geheimisvollsten und schönsten Flecken des Oderbruchs. Nicht ohne Grund ist der größte Teil der Oderinsel heute der Natur vorbehalten.

 

Finden doch hier seltene, anderen Ortes längst verschwundene Tier und Pflanzenarten, wie der Eisvogel, Seeadler und die Schwarzpappel, ein willkommenes Refugium. Schon allein deshalb ist es dringend notwendig, dass kein Fuß diese Idylle stört. Oder womöglich noch zerstört!

 

Nichts desto Trotz bietet der unmittelbar vor der nach Polen führende, ausgeschilderte offizielle Wanderweg genügend unvergessliche Impressionen.

 

Zu Beginn der Wanderung gehen wir durch die schmale, ständig geöffnete Pforte neben dem Eingangstor.  Dem Wanderer bietet sich an dieser Stelle ein herrlicher Blick auf die Wälle der gegenüberliegenden Festung Küstrin. Über die nahe Oderbrücke rollt unentwegt der Grenzverkehr. Wo vor einem guten Vierteljahrhundert noch ein bewaffneter Sowjetsoldat vor einem mit Stacheldraht versehenem Tor Wache hielt.  Die Kaserne in der ungefähr vierzig Jahre lang ein sowjetisches Brückenbauregiment residierte, rottet seit dem Abzug der Soldaten vor sich hin. Wer genau hinschaut, kann hier und da Hinterlassenschaften der erdbraun uniformierten „Russen“ entdecken. Zum Beispiel die kyrilischen Namenszüge an der Betonfläche, unterhalb der Brücke. Andere Erinnerungen an die Anwesenheit der Sowjetsoldaten, wie einige vom sowjetischen Militär errichtete Gebäude, wie zum Beispiel Fahrzeughallen und das Regimentklubhaus, wurden bereist vor vier Jahren fast spurlos vom Erdboden getilgt. 

 

Übrig blieben die bereits Anfang des Zwanzigsten Jahrhunderts bzw nach 1933 erbauten Kasernengebäude. Bis zum Kriegsende gehörte das Areal dem „ Neumärkischen Feldartillerieregiment No. 54“ und nannte sich „ General-von Lotterer-Kaserne“. Ein heute überwigend vergessener Name. Im Volksmund wird die leider weitgend verwahrloste militärische Liegenschaft noch heute zumeist als „Artilleriekaserne“ bezeichnet.

 

Ende März 1945 bezog der letzte Kampfkommandant von Küstrin, SS-General Has Reinefarth, der als „Schlächter von Warschau“ unrühmlich in die Geschichte einging, in der Artilleriekaserne seinen Gefechtsstand.  Während die Keller als Lazarett dienten. Hunderte, wenn nicht gar Tausende Soldaten litten in den feuchten Gewölbe Höllenqualen. Nicht wenige erlebten das Ende des Zweiten Weltkrieges nicht, oder gerieten in Gefangenschaft.

 

Von der Artilleriekaserne aus organisierte Reinefarth, gegen den ausdrücklichen Befehl Hitlers, den Ausbruch der letzten deutschen Verteidiger Küstrins. 

 

Bereits nach wenigen Metern  trifft der Wanderer auf eine riesige Eiche. Der im 18. Jahrhundert „ von dankbaren „ Einwohnern Küstrins zu Ehren König Friedrich II. gepflanzten Friedrichseiche.

 

Dankbar wofür? Zu ersteinmal für die „großzügige Unterstützung“ beim Wiederaufbau der 1758 von der russischen Armee bombardierten und eingeäscherten Stadt Küstrin. Die königliche Unterstützung ist ja wohl das mindeste! Schließlich wäre die Katastrophe, bei einer weniger auf Agression und Expansion ausgerichteten königlich preußischen Politik erst gar nicht geschehen!

 

Über Zweihundertfünfzig ereignisreiche, nicht immer friedliche Jahre, haben ihre Spuren im Holz der Eiche hinterlassen. Beim genauen Hinschauen kann man im Geäst sogar einen Granatsplitter entdecken.  Preußische Husaren, napoleonische Ulanen, Pickelhaubenträger, Wehrmacht, SS und Wehrmacht, hat der imposante Baum kommen und gehen sehen. Zwei Belagerungen  der Festung Küstrin er und überlebt.  Der Spruch von der unerschütterlichen deutschen Eiche kommt eben nicht von ungefähr.

 

Neben der Eiche, am Oderufer, befindet sich ein kaum genutzter Schiffsanleger. Ein Überbleibsel aus der Zeit, als man nach dem Abzug der sowjetischen Soldaten, von einer großen touristischen Zukunft der Oderinsel träumte. Hier sollten Fahrgastschiffe anlegen. Und in dem ehemaligen Dammmeisterhaus, in dem bslang der sowjetische Kommandant wohnte, Kaffe und Kuchen zu sich nehmen.

 

Das „magere Ergebnis“ ist nicht zu übersehen: das Dammmeisterhaus steht noch immer leer und verfällt. Passagierschiffe fahren noch immer an der Oderinsel vorbei. Ob jemals jemand die vielen unerfüllten Träume Ostbrandenburgs gezählt hat?

 

Wir gehen weiter über das Katzenkopfpflaster. Unvorstellbar aber wahr: wo sich heute dichtes Gestrüpp und Bäume ausbreiten, befand sich bis 1813 die – Lange Vorstadt“ von Küstrin! Ein dichtbesiedeltes Areal, deren Schicksal im engen Zusammenhang mit der benachbarten Festung stand. Die im November 1806 kampflos an die „Grande Armee“ Napoleons übergeben wurde. Als sich die vereinigten Heere Preußens und Russlands im Jahre 1813 anschickten die Festung Küstrin wieder zu eroberen, standen die Häuser der – Langen Vorstadt-  den Kanonen im Weg. Der Festungskommandant Fourmier de Alp lies die –Lange Vorstadt- und das Fischerdorf Kietz, im Südzipfel der Insel gelegen, kurzerhand niederbrennen. Jahre später wurden die –Lange Vorstadt- und Kietz an anderer, an heutiger Stelle, wieder aufgebaut. Man wollte die Orte nicht mehr in der Schusslinie der Festungsartillerie sehen.

 

Während der Belagerung spielten sich hier dramatische Szenen ab. Ein Großteil der französischen Besatzung und der Bevölkerung Küstrins, litt unter Mangelerkrankungen. Skorbut und Typhus forderten täglich ihre Opfer. Um den gröbsten Hunger zu stillen, kamen selbst Hunde und Katzen auf den Tisch! Bezeugt sind auch Fälle von Kanibalismus. Bei dem Gedanken an das vergangene Grauen läuft einem noch nachträglich ein eiskalter Schauer den Rücken herunter!

 

Der Wanderweg befindet sich leider in einem, ich drücke es mal vorsichtig aus, nicht immer optimalen Zustand.

 

Soll heißen: in manchen Jahren, wenn genügend Geld vorhanden ist um ABM-Kräfte zu beschäftigen, wird das ansonsten kniehohe Gras ordentlich gemäht. In anderen Jahren eben nicht. Vor einiger Zeit wurden eigens für den müden Wandersmann kleine hölzerne Pavillions errichtet. Schautafeln, versehen mit historischen Fotos, weisen auf die reiche Küstriner Geschichte hin. Andere Tafeln beinhalten Informationen zur Tier und Pflanzenwelt der Oderinsel.

 

Leider fallen sowohl die Schautafeln als auch die Pavillions immer wieder Randalieren zum Opfer.  Wenn dann keine ABM-Kräfte zur Reperatur zur Verfügung stehen, ist das Chaos vorprogrammiert.

 

Jeder einzelne Schritt scheucht Milliarden von stechlustigen Mücken aus der Ruhe auf. Über der träge vorbeifließenden Oder hält ein Fischadler, schrille Schreie ausstoßend, Ausschau nach Beute. Krachend bricht eine Rotte Wildschweine durchs Unterholz, über die überwucherten Trümmer der –Langen Vorstadt“.

 

Es empfiehlt sich in jeder Hinsicht den ausgeschilderten Wanderweg nicht zu verlassen. Nicht nur der Wildschweine wegen. In der grünen Wildnis lauern Gefahren ganz anderer Art. Granaten, Munition, möglicherweise sogar Minen. Tödliche Überreste der schweren Kämpfe im Frühjahr 1945. Oder makabere „Souveniers“ der Sowjetarmee.

 

„Alter Oderarm“ steht auf einem hölzernen Schild. Gemeint ist ein an dieser Stelle, gegenüber der „Bastion Philipp“ in die Oder mündender Seitenarm.

 

Nicht minder interessant ein bereits im 18.Jahrhunderte abgeriegeltes, heute weitgehend trockend und von Bäumen bestandenes ehemaliges Gewässer. Dessen Verlauf noch immer erkennbar ist.

 

Nach weiteren Metern kommen wir an einen Maschendrahtzaun. Dahinter, in südlicher Richtung, breitet sich das Naturreservat Oderinsel aus.  Das zu Zeiten der Artilleriekaserne als Ausbildungsgelände fungierte.  Eine wohltuende Stille, lediglich vom urtümlich anmutenden Rufen der Fischreiher unterbrochen, liegt über dem von kleinen Tümpeln und einzelnen Baumgruppen bestandenen Gelände.  Hier ist die Welt (noch) in Ordnung. Vor Jahrhunderten klapperten dort die Flügel der Kronmühle. Die sich unmittelbar an dem nach der Mühle benannten, heute noch erkennbaren Kronmühlendamm befand.

 

Ein paar hundert Meter weiter, im Mittelhövel, am einstigen Mühlengraben, hatten die kaiserlichen Militärstrategen Ende des 19.Jahrhunderts eine Art Festung erbaut. Die dem Schutz der kurz zuvor errichteten Bahnlinie Küstrin-Berlin dienen sollte.

 

Solche Lünetten, so werden diese Außenfestungen militärisch korrekt genannt, gab es mehrere in und um Küstrin.  Nutzlose, bereits unmittelbar nach ihrer Fertigstellung von rasanter militärischer Entwicklung überholte Bauwerke.

 

Wir folgen den Wanderweg. Unter den Füßen erkennen wir die Reste der einstigen Frankfurter Straße.  Über welche Artilleristen und Zivilisten bis zum Ende des Zweiten Wetkriegs zur beliebten, unmittelbar am Vorflutkanal, gegenüber dem Wehr, gelegenen Ausflugsgaststätte „ Pappelhorst“ pilgerten.

 

Wir setzen den einsamen Weg fort. Vor uns erhebt präsentiert sich die Artilleriekaserne. Unter Denkmalsschutz stehend und dennoch dem Verfall preisgeben. Falls kein Wunder geschieht, wovon nicht auszugehen ist, wird die Kaserne entweder abgerissen werden oder eines Tages von selbst zusammenfallen wie ein Kartenhaus.

 

Nach ein paar hundert weiteren Metern haben wir den Rundkurs beendet. Wir atmen tief durch, genießen noch einmnal den Anblick des Oderstroms ehe es weitergeht, irgendwo hin, ins schöne Oderbruch.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


Blick auf die Friedrichseiche
Blick auf die Friedrichseiche
Artilleriekaserne
Artilleriekaserne
Reste von russischen Folklorelementen am Eingang eines Kasernengebäudes
Reste von russischen Folklorelementen am Eingang eines Kasernengebäudes
Blick auf die Oder
Blick auf die Oder
Reste der Frankfurter Straße
Reste der Frankfurter Straße
Natrurreservat Oderinsel
Natrurreservat Oderinsel
eine verfallene Festung im Sumpf
eine verfallene Festung im Sumpf