Forschungsprojekt: Kietz im Fokus der Geheimdienste

Aufgrund der besonderen strategischen Lage, standen sowohl der Bahnhof als auch der Ort selbst, bereits frühzeitig im Fokus mehrerer miteinander partnerschaftlich verbundener oder feindlich gegenüber stehender Geheimdienste.

Die " Organisation Gehlen" und der CIA rekrutierten spätestens seit dem Ende der Vierziger Jahre, vor allem unter dem Bahnpersonal , durchaus aktive Agenten.  Über die Aktivitäten dieser Agenten, die jedoch nicht in jedem Fall wussten für welchen Auftraggeber sie konkret tätig waren, geben, neben den erhaltenen Akten des MfS aus der Anfangszeit der DDR, besonders die freigegebenen Unterlagen der CIA Auskunft.

Skizze eines neu errichteten Schienenverbindungsstücks in der Nähe von Küstrin-Kietz     Quelle: CIA
Skizze eines neu errichteten Schienenverbindungsstücks in der Nähe von Küstrin-Kietz Quelle: CIA

Praktisch bei jeder Veränderung rund um den Bahnhof Küstrin-Kietz  " ging im CIA-Hauptquartier in Langley ein Licht an."  Im besonderen Interesse der CIA standen vor allem grenzüberschreitende Warentransporte und die Truppenbewegungen der " Roten Armee". Nach der Stationierung sowjetischer Truppen am östlichen Ortsrand von Kietz und der Stationierung von Flugabwehrraketen, kristallisierten sich neue Schwerpunkte heraus. 

Aufstellung von Transporten über den Grenzbahnhof Küstrin-Kietz     Quelle: CIA
Aufstellung von Transporten über den Grenzbahnhof Küstrin-Kietz Quelle: CIA
Lagebericht der CIA zu Truppentransporten über den Grenzbahnhof Küstrin-Kietz
Lagebericht der CIA zu Truppentransporten über den Grenzbahnhof Küstrin-Kietz

Das Ministerium für Staatssicherheit und der sowjetische KGB blieben jedoch nicht untätig. Bis 1955 wurden 9 Agenten, bei denen es sich vorwiegend um Eisenbahner handelte, enttarnt. Für ihren Einsatz mussten die Männer einen hohen Preis bezahlen. Gefängnisstrafen zwischen acht und fünfzehn Jahren sollten weitere potentielle Spione abschrecken.

Die Veradearbeiten des sowjetischen Militärs wurden akribisch überwacht       Quelle: BSTU / Außenstelle Frankfurt (Oder)
Die Veradearbeiten des sowjetischen Militärs wurden akribisch überwacht Quelle: BSTU / Außenstelle Frankfurt (Oder)

Zur Abwehr der " feindlichen Agententätigkeit" knüpfte die Staatssicherheit ein im Verlaufe der Jahre immer engmaschiger werdendes Netz an Überwachungsmaßnahmen. Dadurch gerieten immer mehr Einwohner und Besucher des Ortes, sowie die Beschäftigten der hier angesiedelten Betriebe in das Visier des MfS. 

 

In Kietz stand der größte Teil der Bevölkerung unter " Spionageverdacht"
In Kietz stand der größte Teil der Bevölkerung unter " Spionageverdacht"

Man kann allerdings davon ausgehen, dass das Interesse der westlichen Geheimdienste an den Geschehnissen in und um Kietz zu keinem Zeitpunkt nachließ. Nach dem Bau der Mauer, im August 1961, änderten sich jedoch sowohl für die Staatssicherheit als auch für  ihre westlichen Gegenspieler die Gegebenheiten.  Niemand konnte mehr so einfach von einem Teil Berlins in den anderen reisen. Die Beschaffung und Weiterleitung geheimer Informationen erwies sich unter diesen Bedingungen als ein hochgradig schwieriges Unterfangen. Da der Bedarf an Informationen dieser Art dennoch für beide Seiten bestehen blieb, musste sich die Geheimdienstarbeit den neuen Gegebenheiten anpassen.

Im Juni 1967 ordnete der damalige Leiter der MfS-Bezirksverwaltung Frankfurt (Oder), Oberst Gerhard Neiber, eine umfangreiche Überprüfung aller in Kietz lebenden oder tätigen erwachsenden Menschen an.  Die Leute wurden nach bestimmten Kategorien " sortiert" und je nach Vorlage weiterer Verdachtsmomente, später weiter unter geheimdienstlicher Kontrolle gehalten.  Zu den Maßnahmen gehörten, neben Beobachtung durch " Inoffizielle Mitarbeiter", auch eine Kontrolle der Kontenbewegungen und des Post -und Paketverkehrs.

 

Einleitung einer Paketkontrolle  durch das MfS gegen einen in Spionageverdacht geratenen Eisenbahner            Quelle : BSTU / Außenstelle Frankfurt (Oder)
Einleitung einer Paketkontrolle durch das MfS gegen einen in Spionageverdacht geratenen Eisenbahner Quelle : BSTU / Außenstelle Frankfurt (Oder)
Faksimilie eines von der MfS-Postkontrolle geöffneten Briefes                         Quelle : BSTU / Außenstelle Frankfurt (Oder)
Faksimilie eines von der MfS-Postkontrolle geöffneten Briefes Quelle : BSTU / Außenstelle Frankfurt (Oder)

Trotz des enormen Aufwandes, konnte nach 1955 kein einziger Agent eines westlichen Geheimdienstes mehr in Kietz enttarnt werden. Sicherlich haben die drakonischen Strafen ihren gewünschten Abschreckungseffekt nicht verfehlt. Helden vom Typus eines James Bond gab und gibt es nur im Kino.

Dennoch gehen aus den Unterlagen der CIA noch im Jahre 1958 durchgeführte Spionageaktivitäten hervor. 

Die Eisenbahnbrücken galten als besonders " Spionagegefährdet"          Quelle: BSTU
Die Eisenbahnbrücken galten als besonders " Spionagegefährdet" Quelle: BSTU

Genau wie die beiden sowjetischen Kasernen am Ostrand des Ortes.

Karteikarte der Hauptabteilung II ( Spionageabwehr) zur sowjetischen Kaserne auf der Oderinsel
Karteikarte der Hauptabteilung II ( Spionageabwehr) zur sowjetischen Kaserne auf der Oderinsel

Die Kreisdienststelle für Staatssicherheit kümmerte sich auch um solche Betriebe wie das Armaturenwerk. Obwohl der Betrieb ausdrücklich nicht zu den " operativen Schwerpunkten" gehörte, überwachten auch hier " Inoffizielle Mitarbeiter" das Geschehen.

Sicherungsplan der Kreisdenststelle für Staatssicherheit Seelow zum Armaturenwerk Kietz    Quelle: BSTU / Außenstelle Frankfurt (Oder)
Sicherungsplan der Kreisdenststelle für Staatssicherheit Seelow zum Armaturenwerk Kietz Quelle: BSTU / Außenstelle Frankfurt (Oder)
Auszug aus dem Sicherungsplan des Armaturenwerkes       Quelle: BSTU / Außenstelle Frankfurt (Oder)
Auszug aus dem Sicherungsplan des Armaturenwerkes Quelle: BSTU / Außenstelle Frankfurt (Oder)