Rückblick auf das Jahr 1990 im Oderland
Nur ein weißer Fleck zeugt heute noch von dem metallenen Hinweisschild am früheren ABV-Büro in Sachsendorf
Januar-Februar 1990
Der Jahresbeginn lies verhieß nichts Gurtes! In Neutrebbin beschimpfte in der Sylvesternacht ein erheblich unter Alkoholeinfluss stehender Einwohner andere Bürger des Ortes wegen ihrer früheren Zugehörigkeit zur SED. Im Verlauf der Auseinandersetzung griff er eine Frau körperlich an und verletzte diese leicht. Es kam zu einem Einsatz der Polizei, der Neutrebbiner erhielt eine Anzeige und durfte die ersten Stunden des Jahres 1990 in einer Gewahrsamszelle verbringen.
In Letschin sorgte eine auf einer öffentlichen Versammlung verlesende angeblich aus den Beständen der im Dezember 1989 aufgelösten Seelower Stasi-Dienststelle stammende Liste mit den Namen von „ Inoffiziellen Mitarbeitern“ aus dem Ort, für Unruhe. Auf Grund des damals für die öffentliche Aufarbeitung noch lange nicht zur Verfügung stehenden Aktenbestandes des früheren MfS, konnten sich die Betroffenen noch nicht einmal zur Wehr setzen. Zu Übergriffen auf den in der Liste genannten Personenkreis kam es Gott sei Dank nicht.
Überall im Kreisgebiet tauchten Aufkleber und sonstige Werbematerialien der rechtsradikalen in der DDR offiziell verbotenen „Republikaner“ auf. Die Polizei beschränkte sich auf das Einsammeln des „Krempels“, trotz vorheriger Gegenteiliger Behauptungen, erlangten die „Republikaner“ im Oderbruch auch nach der Wiedervereinigung keine nennenswerte Bedeutung.
Beim „Operativen Diensthabenden“ des VPKA Seelow beschwerte sich eine aufgebrachte Anruferin darüber, dass auf dem Seelower Marktplatz vorher in Westberlin für den Preis von einer DM erworbene Bananen, für vier DDR-Mark weiterverkauft werden.
In Dolgelin kam es mehrfach zu Einbrüchen in die dortige Kaufhalle. Durch die Seelower Kriminalpolizei konnte ein ca. dreißigjähriger Einwohner des Ortes als Täter ermittelt werden.
Im Dorfteich desselben Ortes wurde die Leiche eines ca. fünfzigjährigen Einwohners gefunden. Die Ermittlungen ergaben, dass dieser nach vorangegangenem Alkoholgenuss in das kaum mehr als einen Meter tiefe Gewässer gestürzt und ertrunken war.
Die verwaisten Räumlichkeiten der Seelower Staatssicherheit werden vom Kreisgericht übernommen.
März-April
Die erste Hälfte des Monats stand voll und ganz im Fokus der für den 18.März anvisierten Wahlen in der DDR. Verschiedene der zur Wahl stehenden Parteien erhielten im Wahlkampf Unterstützung von Politprofis aus der BRD.
Im Schlosspark von Marxwalde kam es zu einer Wahlveranstaltung der CDU, auf der die neuen Positionen der Partei vorgestellt wurden. Bemerkenswert ist, dass im Parteiprogramm nicht nur von einer Wiedervereinigung Deutschlands, sondern auch von einer gleichzeitigen Anerkennung der bestehenden polnischen Westgrenze ausdrücklich gesprochen wurde.
Am Sonntag dem 11. März 1990 hielt der damalige Vorsitzende der SED-PDS, Rechtsanwalt Gregor Gysi, eine Wahlkampfrede vor dem Seelower Kreiskulturhaus.
Parteienvertreter, unter ihnen der heutige Kreiskämmerer des Landkreises Märkisch-Oderland, Rainer Schinkel, fuhren mit Lautsprecherwagen durch die Dörfer des Oderbruchs um auf ihre Ziele aufmerksam zu machen.
Die Abschnittsbevollmächtigten der Volkspolizei hatten die Aufgabe unmittelbar vor dem 18.03. 1990 die Wahllokale zu bestreifen und zu kontrollieren. Im selben Zeitraum waren die im Oderbruch zahlreich vorhandenen sowjetischen Soldatenfriedhöfe ebenfalls verstärkt zu kontrollieren.
Am Wahltag selbst kam es zu keinen nennenswerten Vorkommnissen. Das Ergebnis der Wahl, das konservative „Bündnis für Deutschland“ aus CDU und DSU hatte sich als klarer Sieger erwiesen, verunsicherte die Angehörigen der Volkspolizei. Die schon seit Monaten kursierenden Zukunftsängste erhielten neue Nahrung.
In Seelow hielt über mehrere Wochen ein Autoradiodieb fast die gesamte Polizei in Atem. Auf Grund der professionellen Vorgehensweise vermutete man, dass eine Bande aus Westberlin am Werke war. Nacht für Nacht observierten Polizisten unterstützt von freiwilligen Helfern, teilweise in privaten PKW, Parkplätze und Abstellflächen in Seelow.
Groß war die Überraschung, als statt der vermuteten Westberliner Autoknackerbande, ein sechzehnjähriger Seelower als Täter ermittelt werden konnte.
In Manschnow verstarb ein fünfzehnjähriger Junge nach fahrlässigem Umgang mit Fundmunition. Er war das vorerst letzte Opfer, welches die Hinterlassenschaften des Zweiten Weltkrieges im Oderbruch, noch immer fordern.
In den Nachtstunden eines Sonntags rammte in Seelow, Am Stadion, ein offenbar betrunkener
PKW-Fahrer mehrere Mülltonnen und verschwand in seine Wohnung. Die durch einen Zeugen herbeigerufene Polizei konnte den Trunkenbold ermitteln und der verdienten Blutprobe zuführen. Es handelte sich bei ihm um den früheren Vorsitzenden des „Rates des Kreises Seelow“, Christian R.. Über dessen Alkoholprobleme hatte man im Kreis Seelow bereits lange vor der Wende, hinter vorgehaltener Hand, gelästert.
In Quappendorf randalierten betrunkene Jugendliche eines Nachts vor dem Wohnhaus des Tierarztes, weil dieser, ihrer Meinung nach, Mitarbeiter der Staatssicherheit war.
Bei den besagten Jugendlichen handelte es sich um ebenso trinkfreudige sowie wegen diverser Delikte polizeilich „bestens“ bekannte Zeitgenossen. Keiner von ihnen konnte allerdings von sich behaupten, ein Opfer des DDR-Regimes zu sein.
Mai-Juni
Anfang Mai fanden die letzten Kommunalwahlen der DDR statt. Auch im Kreis Seelow mussten fast alle der früheren hauptamtlichen Bürgermeister ihren Stuhl räumen.
Eine der wenigen Ausnahmen stellte Marie Giering aus Neumahlisch dar. Seit den sechziger Jahren im Amt, sollte sie ihren Bürgern noch für insgesamt über fünfzehn Jahre erhalten bleiben!
Der „ Rat des Kreises Seelow“ führte von nun an die Bezeichnung –Landratsamt-. Als erster Landrat fungierte der Tierarzt, Dr. Albert Lipfert.
Die Abteilung Kriminalpolizei im VPKA Seelow firmierte künftig unter der Bezeichnung „Kreiskriminalamt“. Als dessen Chef fungierte der langjährige Leiter der Seelower Kripo, Dietrich Städtke. Veränderungen gab es auch in den Dienstgraden der Polizisten. Der vormals vorhandene „militärische Touch“ sollte abgeschafft werden. So wurde Beispielsweise aus einem Leutnant der VP, ein VP-Kommissar.
Juli
Der erste Juli, der Tag der Währungsunion, brachte auch in Seelow den erwarteten Großeinsatz für die Polizei. In vorher festgelegten Stützpunkten konnten die Bürger des Kreises ihre ersparte DDR-Mark in „harte Westmark“ umtauschen. In allen Stützpunkten war ganztägig ein bewaffneter Polizist anwesend. Man befürchtete auf Grund der vorhandenen hohen Bargeldsumme, Raubüberfälle. Trotz aller Bedenken kam es allerdings zu keinerlei Vorkommnissen.
In Folge der Währungsumstellung mussten die vorhanden Ordnungsgeldblöcke der Polizei handschriftlich um die Buchstaben DM, ergänzt werden. Zum dritten Oktober, dem Tag der Wiedervereinigung, verloren diese Blöcke ihre Gültigkeit.
Es dauerte mehrere Wochen, bis die neuen Blöcke angeliefert wurden. Manchem Verkehrssünder kam dieser Zeitraum, wo die Polizei nur mit dem „erhobenen Finger drohen konnte“ geradezu paradiesisch vor.
Auf dem Hof des VPKA Seelow fand der letzte Appell anlässlich des „Tages der Volkspolizei“ statt. Einige der an diesem Tage ausgezeichneten oder beförderten Polizisten ahnten noch nicht, dass sie bereits in wenigen Monaten die Reihen der Polizei verlassen müssen.
In Podelzig kam es zu einem folgenschweren Verkehrsunfall. Ein betrunkener mehrfach vorbestrafter damals 32-jähriger Mann aus Sachsendorf, raste mit seinem PKW Trabant die Strasse am „Schmiedeberg“ herunter. Er wollte mit seinem ebenfalls betrunkenen und vorbestraften Beifahrer, in der Nähe einen Einbruch begehen. Am Schmiedeberg übersah der Sachsendorfer eine vor ihm radelnde Fahrradfahrerin und überfuhr die Frau vor den Augen ihrer minderjährigen Tochter. Während der Fahrer ohne anzuhalten flüchtete, verstarb die Radfahrerin noch am Unfallort an ihren schweren Verletzungen. Der Unfallverursacher konnte durch die Seelower Polizei noch am selben Abend ermittelt und vorläufig festgenommen werden. Was damals niemand verstehen konnte war der Umstand, dass man den „Todesfahrer“ noch am nächsten Tag wieder entlassen musste.
Widerstandshandlungen gegen Polizisten nahmen auch im Kreis Seelow immer mehr zu. Einige Zeitgenossen konnten offenbar nicht zwischen Bürgerrechten die jedem zustehen und Anarchie unterscheiden. Die technische Ausrüstung der VP konnte allerdings in keinem Fall mit dieser Entwicklung mithalten. Es gab in Seelow ABV welche sich in Westberlin eigentlich für Kinder produzierte Funkgeräte kauften. Mit diesen hielten diese dann Kontakt zu ihren Ehefrauen, welche dann im Ernstfall Unterstützung für ihre bedrohten „besseren Hälften“ organisieren mussten.
In Berlin kommt es auf dem Alexanderplatz zu einer Großdemonstration gegen die Agrarpolitik der DDR-Volkskammer, an welche auch zahlreiche Bauern aus dem Kreis Seelow teilnahmen.
An der Oder fahren bewaffnete Zöllner, zunächst mit Dienstfahrzeugen vom Typ Wartburg, Streife.
In wenigen Wochen wird das Oderbruch schließlich an der neuen Westgrenze der Europäischen Union liegen!
August
Am 22.August beschloss die Volkskammer der DDR den Beitritt zum Grundgesetz, sprich Wiedervereinigung, zum 03.Oktober 1990. Für einige Polizisten ergaben sich fatale Folgen. Jeder der bis zu diesem Zeitpunkt das fünfzigste Lebensjahr vollendet hatte, musste die Reihen der Polizei verlassen. Auf Proteste und Anschreiben der oftmals um ihre weitere Existenz bangenden Polizisten, wurde nicht reagiert.
In einem vorwiegend von NVA-Angehörigen bewohnten Mehrfamilienhaus in Seelow, Am Stadion, sorgte ein aufgefundenes ominöses Kabel für wilde Spekulationen. Bürger meldeten sich bei der Redaktion der „ Märkischen Oderzeitung“ und vermuteten gar das Vorhandensein einer noch immer aktiven, bisher nicht entdeckten Einheit des MfS. Einen Tag später konnte ein Experte das Kabel als Teil der so genannten „BASA“, des internen Netzes der Reichsbahn identifizieren und den Spuk beenden.
Der Innenminister der DDR, Dr. Peter Michael Diestel, beabsichtigte auch an der Grenze zu Polen, einen eigenen Grenzschutz aufzustellen. Einige Angehörige des VPKA Seelow, darunter auch Abschnittsbevollmächtigte, wechselten kurzfristig zu dieser, später in den Bundesgrenzschutz integrierten Einheit.
Ende August wurde, zuerst in den VPKÄ Seelow und Bad Freienwalde, die Abschaffung des „ABV-Systems“ zum 01.09. 1990, beschlossen. Sämtliche Dienstzimmer der ABV, sowie die Gruppenposten in Manschnow und Seelow mussten geräumt und aufgelöst werden.
Jeder ABV bekam den Auftrag von den noch vorhandenen „ Freiwilligen Helfern“ die Dienstausweise einzusammeln. Ein knapper Handschlag war der einzige Dank für nicht selten jahrzehntelange ehrenamtliche Arbeit im Dienst von Ordnung und Sicherheit.
Auch die Verkehrs und Schutzpolizei trennte sich von ihren „Hilfssheriffs“, für deren Einsatz es spätestens ab dem 03.Oktober keine rechtliche Grundlage mehr geben wird.
September
Aus den noch vorhandenen ABV, Schutz und Verkehrspolizisten, werden so genannte Einsatzgruppen, die Vorläufer der heutigen Dienstgruppen, gebildet.
In Seelow eröffnete in den Hallen des früheren „Kreisbetriebes für Meloration“ der erste „ALDI-Markt“ seine Pforten.
An der Oder wird eine Gruppe illegal eingereister Rumänen vom Grenzschutz gestellt und zum VPKA gebracht.
Unmittelbar nach dem Abzug der ABV überrollte eine regelrechte Welle von Einbrüchen das Seelower Kreisgebiet. Die von wilden Gerüchten über bevorstehende Entlassungen verunsicherten Polizisten müssen sich beim Einschreiten nicht selten als „ Honeckerknechte“ beschimpfen lassen. Am letzten Tag des Monats mussten alle Polizisten die DDR-Embleme von ihren Mützen entfernen und durch eine schwarz-rotgoldene Kokarde ersetzen. Auf den Streifenwagen wurden die Buchstaben V o l k s, aus der Aufschrift Volkspolizei getilgt.
Oktober
Ab dem 03.10. 1990 24:00 Uhr, wurde aus dem VPKA das Polizeiamt Seelow.
Die bisher zur Polizei gehörenden Abteilungen -Pass und Meldewesen-, KFZ-Zulassung und Führerscheinwesen, gehören von nun an zum Landratsamt. Die meisten der Mitarbeiter werden übernommen, einige wenige verbleiben, in anderen Funktionen, bei der Polizei.
Die Polizei zieht sich in die beiden oberen Etagen des Gebäudes zurück. Der Rest wird komplett vom Landratsamt übernommen. Die vormals ständig verschlossene Verbindungstür zwischen dem früheren VPKA und dem Landratsamt wird geöffnet, die Pförtnerloge zurückgebaut.
Am Freitag den 12. Oktober ereignete sich der erste bewaffnete Überfall in der Kreisstadt. Zwei maskierte Täter betraten gegen Mitternacht die Räumlichkeiten der damaligen Gaststätte „ Zur Guten Quelle“, bedrohten die beiden anwesenden Kellnerinnen mit einem Messer und raubten die Tageseinnahmen. Beide Täter konnten fast zwei Jahre später im Zuge der Fahndung nach einem LKW-Diebstahl in Wilhelmsaue festgenommen werden. In ihrer Vernehmung räumten die beiden aus der Nähe von Bad Freienwalde stammenden Brüder, auch den Überfall auf die „Gute Quelle“ ein.
Die Grenzsicherung an der Oder
Grenzpfahl an der Oder
Ein Beobachtungsturm des polnischen Grenzschutzes, gegenüber Reitwein. Dieser Turm ist einer der letzten seiner Art und wird seit Anfang der Neunziger Jahre nicht mehr besetzt.
Das Oderbruch wurde 1945 mit Beendigung des Zweiten Weltkrieges zum Grenzland. Die früher zur angrenzenden Neumark und damit zu Deutschland gehörenden Gebiete gehörten seitdem zu Polen. Die geschichtlichen Ursachen die dieser Maßnahme zugrunde liegen, sind bekannt und brauchen sicherlich nicht näher betrachtet zu werden. Aber für das Oderbruch ergab sich damit die Konsequenz, dass dieser Landstrich plötzlich zur Grenzregion wurde. Nach dem Krieg glaubten viele, vor allem die jetzt im Oderbruch lebenden Heimatvertriebenen aus den früheren Staatsgebieten, dass dieser Zustand nur vorübergehend sein wird. Nicht einmal im Traum hätte man beispielsweise daran gedacht, dass die Oder einmal zur Außengrenze der Europäischen Union werden könnte. Ganz abgesehen davon, dass dieser Begriff damals natürlich noch nicht existierte. Auch heute, im Zeitalter der "Grenzenlosigkeit" ist und wird die Oder weiterhin die Staatsgrenze zu Polen bilden. Kehren wir aber wieder zur DDR zurück.
In den ersten Jahren nach dem Krieg bewachten kasernierte Einheiten der "Deutschen Grenzpolizei" die Staatsgrenze. Grenzkompanien gab es zum Beispiel in Kienitz und Genschmar. Die Personalstärke der Grenzer wurde schon Ende der fünfziger Jahre zugunsten der Grenzen zu West-Berlin und zur BRD, reduziert. Von den sechziger Jahren bis zum Ende der DDR sorgten so genannte Grenz-ABV für Recht und Ordnung an der polnischen Grenze. Die korrekte Bezeichnung dieser, im Fähnrichsrang stehenden Grenztruppenangehörigen, lautete "Grenzabschnittsposten". Die Bezeichnung "Grenz-ABV" war aber so falsch nicht, denn man orientierte sich durchaus am ABV-System der Volkspolizei. Dem "Grenzabschnittsposten" unterstand ein mehrere Kilometer umfassender eingegrenzter Bereich an der Staatsgrenze. Ihre Aufgabe bestand, anders als an der "Westgrenze", nicht in der Grenzsicherung, sondern in der Grenzüberwachung. Das bedeutet das der Grenzer nicht ständig, sondern nur an eigens gewählten Schwerpunktzeiten im Abschnitt unterwegs war.
Seine Aufgabe bestand natürlich auch in der Verhinderung von illegalen Grenzübertritten, aber auch in der Durchsetzung der allgemeinen Ordnung und Sicherheit an der Staatsgrenze. Dabei stand er im Kontakt mit dem ABV der Volkspolizei. Man traf sich des öfteren in den jeweiligen Dienstzimmern um Informationen auszutauschen. Dem " Grenz-ABV" standen wie seinem Kollegen von der VP, Freiwillige Helfer aus der Bevölkerung zur Verfügung. Diese " Freiwilligen Helfer der Grenztruppen" trugen während ihres Streifendienstes eine Felddienstuniform der NVA, ohne Rangabzeichen, so wie eine grüne Armbinde mit dem Emblem der "Grenztruppen der DDR".
Der "Grenz-ABV" hatte seinen Wohnsitz in dem ihm zugewiesenen Abschnitt. Ebenso wie dem ABV der Volkspolizei verfügte auch er in seinem Wohnhaus oder in der Wohnung, über ein eigenes Dienstzimmer mit Telefon. Für seine Streifen standen ihm ein Motorrad oder ein Trabant-Kübel zur Verfügung.
Der Alltag eines Grenzers an der Oder dürfte wohl nicht sehr abenteuerlich gewesen sein. Es kam zwar auch schon vor dem Herbst 1989 vor dass DDR-Bürger über Polen in die BRD flüchten wollten, aber insgesamt gesehen blieben solche Fälle die Ausnahme.
Über ein Vorkommnis aus dem März 1989 ist mir nur ein kurzer Eintrag aus dem ODH-Rapport bekannt. Demnach wurde bei Bleyen ein Helfer der Grenztruppen während einer Observation von polnischen Schmugglern verprügelt.
Eine weitere Unterbrechung des täglichen Einerlei stellte, die manchmal durchaus lebensgefährliche Fahndung nach sowjetischen Deserteuren und die Suche bzw. das Auffinden von Wasserleichen dar.
Der Herbst 1989 stellte die Grentruppen an der Oderr vor eine ungewohnte Herausforderung. Besonders in den Abschnitten Kienitz, Reitwein und Lebus kam es täglich zu mehreren Grenzübertritten von DDR-Bürgern. Diese Menschen hatten die Absicht weiter nach Warschau, zur Botschaft der damaligen Bundesrepublik Deutschland, zu reisen.
Die am anderen Ufer der Oder patrouillierenden Kräfte der "WOP", des polnischen Grenzschutzes, sahen sich im ständigen Konflikt. Einerseits betrachtete man die ganze Sache als alleinige Angelegenheit zwischen den beiden deutschen Staaten. Andererseits ergaben sich aus dem noch immer gültigen Grenzvertrag zwischen der DDR und Polen, auch Pflichten.
So entschied man sich für einen Kompromiß: Alle DDR-Bürger welche in einem Steifen von 10 km im Grenzgebiet ertappt wurden, drohte die vorläufige Festnahme. Anschließend wurden diese dann am Grenzübergang Frankfurt(Oder)-Stadtbrücke an die Organe der DDR übergeben. DDR-Bürger welche sich bereits mehr als zehn Kilometer im Landesinnern befanden, blieben unbehelligt.
Die Grenzabschnittsposten und deren Helfer alleine konnten den Ansturm auf die Staatsgrenze nicht mehr verhindern. Aus diesem Grunde wurden, zum Beispiel bei Lebus, Kompanien welche vorher von der Westgrenze abgezogen wurden, an der Oder zum Einsatz gebracht.
Die Kommunikation zwischen den Grenzern und ihrer Führungsstelle im "Grenzabschnittskommando Frankfurt (Oder), erfolgte bis zum Herbst 1989, zumindestens in den entfernten ländlichen Bereichen, nur über Telefon. Während des Streifendienstes war der Grenzer nicht erreichbar. In aller Hektik rüstete man die Grenzabschnittsposten mit Handfunksprechgeräten aus. Deren Reichweite war allerdings begrenzt, so dass oftmals nur Satzfetzen zu hören waren.
Die Grenztruppen wurden bis Ende Oktober 1989 von der Volkspolizei und dem MfS unterstützt.
Es kam während dieser Zeit zu einigen Vorkommnissen an der vorher so ruhigen Staatsgrenze
- um den 15.Oktober wurde eine männliche Leiche bei Reitwein aus der Oder geborgen. Es handelte sich dabei um einen jungen Mann, welcher in die Bundesrepublik Deutschland flüchten wollte.
- Anfang Oktober bedrohte eine Gruppe von Jugendlichen in den Oderwiesen bei Küstrin-Kietz einen Helfer der Grenztruppen, von welchem sie kontrolliert werden sollten, mit einem Holzknüppel. Danach schwammen die Jugendlichen an das andere Ufer der Oder, wo sie allerdings vom polnischen Grenzschutz festgenommen und in die DDR abgeschoben wurden
-Ebenfalls in den Oderwiesen bei Küstrin-Kietz fand ein Grenzabschnittsposten eine Grußkarte eines Mannes aus Seelow.
Der Seelower hatte den staatlichen Organen der DDR einen spöttischen Gruß zurückgelassen.
-Fast tötlich endete der Versuch eines jungen Mannes die Oder bei Genschmar zu durchschwimmen. Dem zuständigen Grenzer gelang es, den völlig erschöpften Mann zur Aufgabe zu überreden.
Die auf DDR-Seite festgenommenen wurden zunächst zu den VPKÄs nach Seelow oder Bad Freienwalde verbracht. Dort erfolgte ihre Vernehmung durch den "Grenz-Offizier" der Kriminalpolizei. In den allermeisten Fällen wurde der verbotene Grenzübertritt, bzw. dessen Versuch, nicht als Straftat sondern als Ordnungswidrigkeit gewertet. Die Betroffenen wurden nach Hause entlassen, mussten allderdings mit einer empfindlichen Geldbusse rechnen.
Im Jahre 1990, insbesondere die letzten Monate vor der Wiedervereinigung, brachten noch einmal besondere Arbeit für die Grenzabschnittsposten. Souvenierjäger entwendeten die Hoheitszeichen der im Untergang befindlichen DDR von den Grenzpfählen an und auf dem Oderdeich. Ab August 1990 wurde auf Initiative des damaligen DDR-Innenministers Dr. Diestel, der so genannte " Grenzschutz Ost" aus Grenztruppenangehörigen und Volkspolizisten gebildet. Diese Formation hatte allerdings nur eine kurze Lebensdauer. Die Mitarbeiter wurden nach dem 03. Oktober 1990 vom Bundesgrenzschutz übernommen.
Schon wegen ihrer verschiedenartigen Uniformierung, war der "Grenzschutz Ost" eine ziemlich "bunte Truppe". Die meisten von ihnen wurden später zu Bundesbeamten im BGS, einige von ihnen verrichteten noch heute ihren Dienst im Oderbruch.
Es dauerte auch nicht lange bis sich die ersten illegalen Einwanderer, in der damaligen Zeit meist aus Rumänien, einfanden.
Im September 1990 wurde eine solche Gruppe an der Oder gestellt und zum damals noch so heißenden VPKA Seelow gebracht. Da man nicht genug Zellenräume hatte, brachte man die "Illegalen" im Wartezimmer des VPKA unter. In genau jenem Raum wo noch ein Jahr vorher DDR-Bürger auf die Erteilung ihrer "Westreise" gewartet hatte. Die Geschichte kann manchmal durchaus makaber sein!
Die Volkspolizei im Oderbruch
Blick in den früheren ODH-Raum, Seelow 1993
Blick auf den ODH-Tisch im VPKAEinleitung
Für das Oderbruch waren in der DDR die Volksplozeikreisämter Bad Freienwalde und Seelow zuständig. Da ich zu jener Zeit in Seelow Dienst geschoben hatte, fällt es mir natürlich leichter, speziell über diese Dienststelle zu berichten. Von der allgemeinen Struktur, der Größe und den Aufgabengebieten unterschieden sich beide Ämter allerdings nur wenig.
1. VPKA Seelow im Jahr 1989
Leiter: Oberstleutnant der VP Wolfgang N.
die Stellvertreter waren:
Stellvertreter und Stabschef: Major der VP Dietrich W.
Stellvertreter für politische Arbeit: Major der der VP Artur B.
Leiter Versorgungsdienste: Hauptmann der VP Bernd I.
Das VPKA Seelow hatte seinen Sitz in Seelow, Mittelstraße. Dort befanden sich die meisten Abteilungen, der Polizeigewahrsam sowie die Aufenthalträumde der -operativen Kräfte-.
Die Leitung der Schutzpolizei, das Erlaubniswesen, die "Abteilung Feuerwehr" und die Versorgungsdienste, waren im " Objekt II" in der Breiten Straße untergebracht. Dort befindet sich die heutige Seelower Polizeiwache. Bis 1990 hatten dort zusätzlich noch der " Vertragsarzt der Volkspolizei" in der unteren Etage, ein Sprechzimmer eingerichtet.
Den oberen Bereich belegte die "Abteilung Liegenschaften", heute würde man "Grundbuchamt" sagen, des Rates des Kreises Seelow.
Die Volkspolizeikreisämter waren in der DDR in Kategorien von 1-3 eingeteilt. Wer zu welcher Kategorie gehörte, war von der Größe des jeweiligen Gebietes, der Einwohnerzahl und nicht zuletzt von der Anzahl der im Zuständigkeitsbereich verübten Straftaten abhängig. Eine weitere Kriterium, war das Vorhandensein bzw. die Nähe zu einer Staatsgrenze, wobei man dabei vorrangig die Grenzen zu Berin (West) und der BRD im Auge hatte. Die Staatsgrenze zu Polen zieht sich zwar fast vierzig Kilometer durch den Bereich des VPKA Seelow, hatte aber nur eine sehr geringe Bedeutung im polizeilichen Alltag. Grenzübergänge und damit Grenzverkehr, waren zur damaligen Zeit nicht vorhanden. Illegale Grenzübertritte kamen bis 1989 nur sehr selten vor, außerdem waren für die Überwachung der Staatsgrenze ohne die Grenztruppen und nicht die Volkspolizei zuständig.
Das VPKA Seelow gliederte sich wir folgt auf:
a) Stabsbereich
Wer gar in das " Nichtsozialistische Weltsystem" sprich in den Westen reisen wollte, musste sich zuerst in den Zimmern 4 &5 des VPKA melden. Obermeisterin der VP Monika K. und Unterleutnant der VP Ernst B. kam als "Sachbearbeiter für Reiseangelegenheiten" die nicht selten undankbare Aufgabe zu, Anträge zu diesen, sehr begehrten Reisen, entgegenzunehmen.
Die Vorbereitung einer "Westreise" aus familiären Gründen, kann man am ehesten mit einem Hindernislauf vergleichen, wobei ständig, selbst noch kurz vor dem Ziel, straucheln konnte.
Der Gesetzgeber hatte den Rahmen der dafür in Frage kommenden, schon von Hause aus sehr eng gefasst. Dazu kamen noch gewisse "Sicherheitspolitische Bedenken", die ohne dass es der Betreffende überhaupt merkte, abgeklärt werden mussten.
Die erste Hürde hatte man genommen, wenn der Antrag von den Sachbearbeitern nicht sofort abgelehnt wurde. Im Gespräch hatten diese die verwandschaftlichen Verhältnisse des Antragsstellers mit der zu besuchenden Person abzuklären. Wer danach das VPKA bereits jubelnd und voller Vorfreude auf die Reise verließ, wurde nicht selten bitter enttäuscht. Ohne es wirklich zu ahnen, hatte er noch ein umfangreiches Kontrollsystem zu durchlaufen.
Von der Abteilung -PM- erging eine Information über die geplante Reise nebst den dazugehörigen Personalien an die Kreisdienststelle für Staatssicherheit nach Seelow-Zernikow. Der für den Wohnort des Antragstellers zuständige "Abschnittsbevollmächtigte der Volkspolizei" erhielt einen Auftrag, einen Auskunftsbericht über die Person zu verfassen. Besonderen Aspekt kamen dabei zum Beispiel den familiären Verhältnissen und den Vermögenswerten des "Reiselustigen" zu teil.
Wer sich ein Eigenheim gebaut nach langen Jahren des Wartens einen PKW gekauft hat und in einer stabilen Ehe lebt, kommt auch wieder in die DDR zurück. So lautete die einfache aber naheliegende Faustformel, um eventuelle "Republiksfluchtabsichten" zu erkennen. Die eigentliche politische Einstellung kam dabei, so unglaublich das auch klingen mag, nur eine nebensächliche Bedeutung zu. Aber der positive Bericht des ABV bedeutete nicht zwangsläufig die begehrte "Fahrkarte in den Westen". Das MfS führte eigene Ermittlungen und besaß das uneingeschränkte Einspruchsrecht, um die Reise noch verhindern zu können. Dabei erfuhren weder die Polizei und schon gar nicht der Bürger, die Gründe welche zur Ablehnung geführt hatten. Erst jetzt, wenn alle Bedenken ausgeräumt waren, durfte sich der Bürger den begehrten blauen Reisepass abholen. War dieses aber nicht der Fall, mussten Monika K. oder Ernst B. die Ablehnung verkünden, ohne konkret deren Gründe zu kennen.
Ich hatte 1988 und 1989 mehrmals Dienst in der Anmeldung des VPKA verrichtet. Dabei hatte ich ebenso oft weinende oder wütende, als auch glücklich strahlende Menschen aus den besagten Räumem mit den Nummern 4 & 5 herauskommen sehen. Nicht zu glauben, dass man heute einfach so jeden Punkt in Deutschland bzw. in Europa erreichen kann, ohne ausgiebig ausgeforscht zu werden.
b) Abteilung Verkehrspolizei ( VK)
Ebenso wie Verkehrsrowdytum ist auch Ausländerfeindlichkeit keine Erfindung der Nachwendezeit. Berührungspunkte mit realen Ausländern gab es aber im Oderbruch bis 1989 so gut wie keine. Die einzigen Ausländer welche man, abgesehen von den ohnehin isolierten sowjetischen Soldaten begegnen konnte, waren polnische Erntehelfer. Diese kamen in den Sommermonaten überwiegend bei der Gurken und Tomatenernte im Oderbruch, zum Einsatz. Untergebracht waren diese meist jugendlichen Erntehelfer unter anderem im " Lager für Erholung und Arbeit" in Gusow, sowie in der Landwirschaftlichen Berufsschule in Seelow, Strasse der Jugend.
Im August 1988 meldeten sich zwei polnische Betreuer hilfesuchend spätabends beim VPKA Seelow. Kurz vorher hatte eine Gruppe von betrunkenen deutschen Jugendlichen die Unterkunft der Polen gestürmt und das Inventar beschädigt. Einige der Anwesenden erlitten leichte Verletzungen. Außerdem wurden Parolen gebrüllt, welche nach heutiger Rechtsauffassung durchaus den Tatbestand der Volksverhetzung erfüllt hätten. Der Grund des Überfalls, war ebenso profan wie typisch für solche beschämenden Vorkommnisse:
Einige der polnischen Erntehelfer hatten eine Discoveranstaltung im Seelower Kulturhaus besucht, was anscheinend den Mißfallen einiger Anwesenden erregt hatte.
Ich hatte an diesem Abend Dienst in der Hauswache, eine Streife stand nicht zur Verfügung. Aus diesem Grunde musste ich mich alleine zum Tatort begeben, wo mich die verängstigten Polen bereits erwarteten. Von Anfang an waren die Verantwortlichen der Seelower VP eher daran interessiert den für sie peinlichen und nicht in das Bild der "Völkerfreundschaft" passenden Vorfall, herunterzuspielen und unter den Teppich zu kehren. Man "vergatterte mich sofort zu tiefstem Stillschweigen über die Angelegenheit. Von Ermittlungen gegen die Täter ist mir persönlich nichts bekannt.
Heute ist die Volkspolizei nur noch bei historischen Umzügen "im Einsatz"
Schlüsselkarte
Info von "PM" an den ABV über eine geplante Reise in die BRD
Ergänzung zum Dienstvertrag
das frühere VPKA Seelow im Jahre 2009
der frühere Eingangsbereich des VPKA Seelow,
Die ungeliebten "Freunde"
Im letzten Jahr nahm die Planung des neuen Kreisverkehrs im Bereich der Letschiner Friedrichstraße langsam Gestalt an. Eines bereitete den Planern aber Kopfzerbrechen. Das Denkmal für Friedrich
den Großen stand quasi im Wege. Sollten die PKW zukünftig um der im Kreisel stehenden Majestät herum fahren und diese mit ihren Abgasen umhüllen. Eine fatale Vorstellung für jeden Geschichtsbewußten
Oderländer. Was lag näher als das Denkmal einfach an seinen alten Platz zu stellen , von dem aus der König bis 1945 auf Letschin blickte. Jetzt stand man vor dem nächsten Problem. Seit Anfang der
fünfziger Jahre befindet sich dort ein Obelisk welche an die in Letschin gefallenen sowjetischen Soldaten erinnert. Unmittelbar am Denkmal befindet sich ein kleiner Friedhof auf dem einige der hier
ums Leben gekommenen Sowjetsoldaten ihre letzte Ruhestätte gefunden hatten. Ihre letzte Ruhestätte ? Wenn es nach den Verkehrsplanern gegangen wäre, wäre das Denkmal des Königs auf seinen früheren
Platz zurückgekehrt. Die Überreste der Soldaten hätte man nach Lebus auf einen größeren Soldatenfriedhof umgebettet. Der bekannte Umbetter des -Deutschen Volksbundes für Kriegsgräberfürsorge, Erwin
Kowalke, hatte seine Mithilfe zugesichert. Auch die verantwortlichen russischen Stellen hatten keinerlei Einwände gegen das Vorhaben. Ein bissiger Kommentar in der -Märkischen Oderzeitung- und einige
empörte Leserbriefe in denen den Verantwortlichen „Geschichtsvergessenheit“ unterstellt wurde, verstörte dieser offenbar derart das diese von ihrem Vorhaben abließen. An dieser kleinen Episode zeigte
sich in wie weit selbst heute noch das in weiten Teilen widersprüchliche Verhältnis zur „Roten Armee“ die Gemüter in Wallung versetzen kann. Um die Hintergründe zu verstehen muss man sich mental in
die „DDR-Zeit“ zurück versetzen. Anfang der siebziger Jahre besuchte ich die damalige -Politechnische Oberschule- ( so hieß das damals) in Kienitz. Dieser kleine Ort war damals auf dem besten Wege zu
einem sozialistischen „Kultobjekt“ zu werden. Historiker hatten herausgefunden, dass am 31.01. 1945 eine sowjetische Vorausabteilung in Kienitz erschienen war . Bei der Bevölkerung und auch bei der
Wehrmacht war man entsetzt und überrascht , war doch die „Rote Armee“ laut Wehrmachtsbericht noch über siebzig Kilometer entfernt. Trotz allen Trubels hätte es aber trotzdem nur für eine „Fußnote“ in
der Geschichte des Zweiten Weltkrieges gereicht, wenn nicht die östlich der Oder gelegenen früheren Gebieten Deutschlands nach 1945 polnisch geworden wären. Denn nun war nach offizieller
„DDR-Geschichtsschreibung“ Kienitz der erste Ort auf dem Gebiet der DDR welcher vom Faschismus befreit wurde. Der Kienitzer Bürgermeister Emil Krüger lies seine Beziehungen zum -Ministerium für
Nationale Verteidigung- in Strausberg spielen und besorgte einen waschechten Panzer vom legendären Typ „T 34“ um diesen als Denkmal für jene Tage im Ort aufzustellen. Die Einweihung erfolgte im
Beisein von sowjetischen Militär und Vertretern der Bezirks und Kreisleitung der SED. Das DDR-Fernsehen produzierte sogar einen Film über die Kienitzer und „ihren“ Panzer. Und dem Bürgermeister trug
sein Einsatz ganz nebenbei den Beinamen „Panzeremil“ ein. An jedem Jahr wurden pünktlich zum 31.01. Fahnenappelle und Manöverspiele zu Ehren der „sowjetischen Helden“ abgehalten. Lehrer und mehr oder
weniger fragwürdige Zeitzeugen bemühten sich gegenüber uns Kindern ein Bild von den Ereignissen zu zeichnen, was nach heutigen Erkenntnissen und der Auswertung anderer nun zur Verfügung stehender
Quellen in keiner Weise mit der Realität im Einklang stand. Im Unterricht wurden die Soldaten der „Roten Armee“ als wahre „Übermenschen“ geschildert, die in der einen Hand den Suppentopf zur
Versorgung der deutschen Zivilbevölkerung und der anderen Hand die MP zur Bekämpfung von Naziverbrechern hielten. Ich erinnere mich noch an eine damals schon ältere Lehrerin die sich sogar zu der
Äußerung verstieg, “ dass uns durch den Sowjetsoldaten erst die Kultur beigebracht wurde“. Ganz besonders aber erinnere ich mich an die empörte Reaktion meines Großvaters als ich ihm in kindlicher
Naivität die Worte der Lehrerin mitteilte. Obwohl sich niemand von den Erwachsenen verständlicherweise in Details erging , konnte man selbst als zehnjähriger merken , dass damals doch noch etwas
anderes geschehen sein musste, von dem aber keiner reden wollte. Heute weiß man von den grauenvollen Übergriffen auf die Zivilbevölkerung an deren psychischen und auch pysischen Folgen viele ihr
Leben lang leiden mussten. Auch aus Kienitz sind solche Dinge bekannt, geschehen unmittelbar nach dem „mystischen „ 31. Januar 1945. Man muss an dieser Stelle aber auch sagen, dass es den
Russen nicht gegeben hat. Auch die sowjetische Armee war eine Mischung der verschiedensten Persönlichkeiten und Charaktere. Es gab Kommandeure und Unterstellte die selbst unter den schlimmen
Erfahrungen des Krieges ihre Menschlichkeit nicht weg warfen.Wenn Zeitzeugen wie Ursula Fischer aus Letschin, über sowjetische Soldaten berichteten die der Zivilbevölkerung freundlich und hilfsbereit
gegenüber traten, dann ist das durchaus die Wahrheit. Manchmal entschied schon der Charakter des jeweiligen Truppenführers über das Wohl oder Wehe der Menschen. Denn es gab auch andere die
angestachelt und aufgehetzt durch die Hetztiraden des berüchtigten Schriftstellers Ilja Ehrenburg*, unter Alkohol stehend oder von Rachegedanken erfüllt sich in verbrecherischer Art und Weise an
Wehrlosen vergingen.
Dieser Aspekt wurde aber in der DDR sei es im Schulunterricht oder in der Literatur über den Zweiten Weltkrieg völlig ausgeblendet. Wie müssen sich da wohl die einstigen Opfer gefühlt haben, die aus
den Gründen der „Staatsräson“ über ihre erlittenen körperlichen und seelischen Verletzungen schweigen mussten? Die undifferenzierten „Heldengesänge“ trugen ebenso wenig zu einer sachlichen Diskussion
über die Ereignisse jener Tage im Oderbruch und anderswo in Brandenburg bei, wie die heute manchmal übliche Reduzierung auf eben jene in der DDR unausgesprochenen Verbrechen.
Wie verquer das Verhältnis zu den Soldaten der Roten Armee auch in der DDR war, lernte ich als Angehöriger der Deutschen Volkspolizei in eigener Anschauung kennen. 1987 , damals war ich noch in
Berlin tätig , sollte ich mit ein paar anderen Kollegen eine Delegation von Sowjetsoldaten zur Seelower Gedenkstätte begleiten. Geplant war dabei auch eine gemeinsame Kranzniederlegung. Eindringlich
schärfte uns unser Chef ein kein Auge von den Soldaten zu lassen. Die nahe polnische Grenze konnte dieses oder jenen eventuell zum Desertieren verführen. Echte Kontakte kamen an dem besagten Tage
wirklich nicht zustande. Die Soldaten , von denen keiner älter als neunzehn Jahre alt war , beäugten uns ängstlich und verschüchtert. Und wir äugten zwar nicht ängstlich aber misstrauisch, ständig
unsere „Schäfchen“ zählend“ zurück. Die vorgeblichen Freunde waren in Wahrheit Bewacher! Kurze Zeit später begleitete ich unseren „Politoffizier“ und zwei junge Damen der FDJ-Kreisleitung Hellersdorf
in eine sowjetische Kaserne. Dort wurde ein gemischtes Programm von sowjetischen und deutschen Künstlern aufgeführt. Die besagten Damen rezitierten dabei ein sehr pathetisches Gedicht mit dem Titel –
Ich steh auf der Seelower Höhe- in dem von anstürmenden sich aufopfernden sowjetischen Helden die Rede war. Nach der Veranstaltung wurden wir eingeladen eine echte sowjetische „Soldatenstube“ zu
besichtigen. Unsere „Vortragskünstlerinnen“ hatten sich vorher unter fadenscheinigen Gründen nach draußen begeben. Zufällig hörte ich wie die eine zur anderen sagte „ dass Sie doch nicht zu den
stinkenden Russen gehen würden“.
Als ich 1989 den Posten eines ABV übernahm, lernte ich eine andere Seite des Umganges mit der Geschichte kennen. Die Nacht zum 01. September ( dem Jahrestag des Beginns des Zweiten Weltkriegs)
gestaltete sich zum „Großkampftag“. Jedes sowjetische Ehrenmal musste in dieser Nacht von Freiwilligen Helfern bis zum Sonnenaufgang bewacht werden. Man misstraute offensichtlich dem Volk. Einer der
„Helfer“ erzählte mir , dass er während seines Postendienstes sogar von Angehörigen der Frankfurter Bezirksverwaltung für Staatssicherheit kontrolliert wurde.
Mein Part bestand darin, ständig mit dem Dienstmoped zwischen Sachsendorf, Friedersdorf und Alt-Mahlisch zu pendeln , immer von der Horrorvision geplagt eines der dortigen Denkmäler „unbewacht“ zu
finden.
Nach dem Ende der DDR und dem Abzug der sowjetischen Truppen übernahm das nun mehr wiedervereinigte Deutschland die Verpflichtung für die Pflege und den Erhalt der sowjetischen Ehrenmäler und
Friedhöfe. Das Kapitel der Aufarbeitung dieses Teils der Geschichte nicht nur aber auch des Oderbruchs ist damit aber noch lange nicht abgeschlossen. Es scheint fast als wäre die Meinungswelt in zwei
Lager gespalten. Für die einen sind solche Gedankengänge wie in Letschin ein "unvorstellbares Sakrileg". Wiederrum andere sprechen der "Roten Armee" jegliche Denkmalswürdigkeit ab. Wiederrum andere
haben sich an den Anblick der steinernen Obelisken gewöhnt und nehmen diese höchstens noch im Unterbewußtsein zur Kenntnis, da Sie weit mehr von den Vorgängen der Gegenwart in Anspruch genommen
werden.
Egal wie man zu den Denkmälern und Friedhöfen persönlich steht: auch hier ruhen junge Leute die ihr Leben noch vor sich hatten. Ob Sie sich nun in den letzten Minuten ihres Lebens als Helden oder
Befreier fühlten ist völlig unerheblich. Fakt ist das auch Sie zu den Opfern eines der schlimmsten Kriege der Neuzeit zählen. Und dieser wurde nun einmal von Deutschland angezettelt!
*Ilja Ehrenburg verfasste u.a. einen Aufruf die Deutschen zu töten, wo immer man Sie antrifft. Seine Aufforderung den "Stolz der germanischen Frauen" zu brechen, wird als Aufforderung zur
Vergewaltigung gedeutet.
Die Stasi und das Oderbruch
Keine staatliche Einrichtung war so geheimnisvoll und bedrohlich wie die Staatssicherheit. In Seelow wurden die Mitarbeiter der dortigen Kreisdienststelle neben den sonst üblichen heimlich
erteilten „Kosenamen“ wie „Langohren“ oder „ Horch und Guck“ auch vergleichsweise freundlich, als „Kleinbahner“ bezeichnet. Das kam daher, dass sich die zuletzt von einem Oberstleutnant Kutschela
geleitete Dienststelle unmittelbar am ehemaligen Kleinbahnhof ( auch bekannt als Oderbruchbahn) befand. Ältere Seelower können sich bestimmt noch an das Sprichwort „ Lieber drei Stunden im Konsum
stehen , als eine Stunde bei Kutschela sitzen“ erinnern. Es gab keinen Bereich in der Ex-DDR in dem das MfS nicht eingriff. Scheinbar für alles und jeden zuständig, drang man auch mit einer
Selbstverständlichkeit in Bereiche ein , die anderen verschlossen blieben.
Auch in die Polizei oder sollte ich sagen besonders die Polizei blieb davon nicht verschont.
In jedem VPKA gab es bestimmte Dienstzimmer welche als gesonderte Sperrbereiche ausgewiesen waren. Diese Räumlichkeiten durften nur von einigen wenigen besonders festgelegten VP-Angehörigen und wenn
dann nie allein!betreten werden. Ein solches „Heiligtum“ war Beispielsweise die so genannte Kreismeldekartei oder auch kurz -KMK- genannt, die zum Zuständigkeitsbereich der Abteilung -Pass und
Meldewesen- gehörte. Während außer dem Leiter der Abteilung nur drei weitere Mitarbeiter diesen Raum je von innen sahen , konnten sich die Angehörigen der Staatssicherheit jederzeit und ohne
Begründung den Schlüssel zur -KMK- aushändigen lassen.
Auch in der Kreisstadt Seelow sowie dem übrigen Oderbruch gab es Informanten die sich mit ihren Führungsoffizieren ( man nannte es Stasiintern „Arbeit mit den Menschen“) an geheimen Treffpunkten , so
genannten Kontaktwohnungen trafen. Obwohl es fast unmöglich war in den Oderbruchdörfern wo jeder jeden kannte, konspirativ zu arbeiten. Das MfS hatte sich unter anderem die ehemalige Schule in
Wilhelmsaue (heute befindet sich dort das Landheim) zum „Agententreffpunkt“ erkoren. In der Schule wohnten damals aber zwei mehr oder weniger neugierige Familien, die sich bald ihren eigenen „Reim“
auf das obskure Treiben machten. Man versuchte den Stasimann ständig Gespräche aufzudrängeln und zu erfahren aus welchen Gründen er sich mehrmals in der Woche in der ehemaligen Lehrerwohnung
herumtrieb. Und seine Antwort das er darüber nicht sprechen darf, hat die Phantasie erst recht angeheizt. Als man im Wendetrubel die Kontaktwohnung enttarnte, stellte das für die Wilhelmsauer keine
Überraschung mehr dar.
Es kam auch vor , dass die Stasi ihren Sicherheitswahn selbst ad absurdum führte.
Eines Abends , ich hatte gerade Dienst im VPKA, wurde ein völliger betrunkener Herr aus Manschnow von einer Funkstreife im wahrsten Sinne des Wortes „aus dem Verkehr gezogen“ nachdem er vorher noch
in einen Zaun gefahren war. Die Polizisten brachten den Sünder nach der Blutprobe zwecks Ausfüllung eines Protokolls ins Amt. Mit den Worten „ Na wir kennen uns doch“ empfing ihn der zufällig
anwesende Leiter der Verkehrspolizei, Hauptmann Benno K.
Die meisten anderen wären wohl vor Scham und auch vor Furcht vor den Konsequenzen im Boden versunken. Nicht so aber dieser Trunkenbold. „ Mensch Benno , Du weißt doch dich meine Fleppen Morgen wieder
hab. Ihr könnt mir doch sowie so nichts“. Benno K. ansonsten als resoluter Kämpfer für die Verkehrssicherheit bekannt , nickte mit steinernen Gesicht und lies den Vorgang unkommentiert.
Was ich nicht für möglich gehalten hätte trat wirklich wenige Tage nach dem Vorfall saß der besagte Herr wieder hinter dem Steuer und das in einem Land wo die 0,0 Promille-Grenze herrschte. Ein Anruf
aus der Kreisdienststelle genügte und der entzogene Führerschein musste wieder ausgehändigt werden. Das hier jemand mit einem akuten Alkoholproblem versehen war und nachhaltig die Ordnung und
Sicherheit gefährdete, spielte in diesem Fall für das MfS keine Rolle. Vielleicht fürchtete man das dieser Zuträger seine „Arbeit“ einstellt , wenn man ihm nicht immer wieder aus der Patsche helfen
würde. Was allerdings die eigene Sicherheit betraf war man bei der Staatssicherheit sehr pingelig. Im Juli 1989 hatten Kinder in Wulkow bei Booßen eine Strohmiete angezündet. Bei den Ermittlungen vor
Ort war auch der Bereitschaftsdienst der Kreisdienststelle beteiligt. Durch unseren Kriminalisten wurde die Tat schnell aufgeklärt. In solchen Fällen war es üblich, dass der ODH der Kreisdienststelle
eine Kopie des polizeilichen Fernschreibens erhielt. Nachdem dieses Schreiben fertig war bekam ich den Auftrag das Papier in die Zernikower Straße zu bringen. Mein Kommen war telefonisch angekündigt
, also durfte es auch keine Probleme geben.
Ich stand also vor der Eingangspforte und klingelte. Von innen wurde ein Summer betätigt und die Tür sprang zu meiner Überraschung auf. Nichts wirklich böses denkend begab ich mich leicht verwundert
auf das Gelände um dem Wachposten , einem Unterfeldwebel, das Schreiben zu überreichen. Ehe ich mich meiner „Last“ entledigen konnte kam plötzlich der Diensthabende aus der Tür und „stutzte “ den
Unterfeldwebel zusammen , warum er mich auf das Gelände gelassen hat. Ich hatte es sehr eilig das Fernschreiben endlich los zu werden und machte im übrigen das ich „Land gewann“. Später sollte ich
erfahren , dass der arme Wachposten eine Strafe erhalten hatte, dafür das ich wenige Meter auf das Gelände des Objektes vorgedrungen war. Die Sicherheit war nicht mehr gewährleistet. So hat der
Hauptwachtmeister der VP Bräuning die Sicherheit einer MfS-Dienststelle bedroht. Oh Mann !!
So mancher wird sich wohl im Laufe der Jahre die Frage gestellt haben, was die "Kleinbahner" denn hinter ihren vergitterten Fenstern so treiben mögen. Agentenjagd im Oderland , das klang sehr
unwahrscheinlich.
Allerdings war das Oderbruch zu Zeiten des so genannten „Kalten Krieges“ für die Geheimdienste kein durchweg „weißer Fleck“. Angeführt werden kann da zum Beispiel der Grenzbahnhof Kietz (heute wieder
Küstrin-Kietz). Über diesen Bahnhof liefen nicht nur zahlreiche Gütertransporte von und nach der Sowjetunion. Es verkehrten auch Züge mit Militärgerät und Mannschaften.
Als 1968 die Armeen des Warschauer Vertrages zur Niederschlagung des „Prager Frühlings“ in die damalige CSSR einfielen, rollten ihre Truppen von Polen kommend über die Kietzer Eisenbahnbrücken. Kein
Wunder also , dass auch westliche Dienste Interesse an diesem Flecken unserer Heimat zeigten. In den sechziger Jahren wurde ein Stellwerker aus dem Kietzer Ortsteil Kuhbrücke als Agent des englischen
Nachrichtendienstes enttarnt. Die Aufgabe des Eisenbahners bestand darin einfach die Achsen der Militärzüge zu zählen und eventuelle Angaben zu der Fracht zu tätigen. Dieser längst verstorbene Bahner
zählte allerdings nicht zu den hellsten Köpfen , so dass seine Karriere als „James Bond des Oderlandes“ bald beendet war. Persönlich ist mir bisher nur dieser einzige Spionagefall in Kietz bekannt.
Es ist aber nicht auszuschließen, dass sich noch weitere Eisenbahner , ganz sicher aus den unterschiedlichsten Motiven heraus, am Spionagegeschäft beteiligten. Wie stark die Staatssicherheit diesen
Problem vorbeugen wollte zeigte sich nach der Öffnung der Stasiakten. Gemessen an der Einwohnerzahl hatte Küstrin-Kietz die meisten „Inoffiziellen Mitarbeiter“ aufzuweisen. Übrigens lief im Jahre
1988 Spätabends im DDR-Fernsehen einer der seltenen Filme welche sich mit der Arbeit der Staatssicherheit befassten.
Dieser Streifen lief unter dem Titel „Irrläufer“ dem bekannten Schauspieler Erik.S. Klein als Major Bauer. Dieser durchaus spannende Streifen zeigte die erfolgreiche Arbeit der Spionageabwehr , die
einen westlichen Agentenfunker enttarnte. Und dieser Funker hatte den Bahnhof Kietz im Visier. So wurde das Oderbruch Handlungspunkt eines freilich vergessenen Spionagethrillers. Die Abwehr war neben
der Aufklärung die einzige Abteilung die in der DDR hin und wieder zu künstlerischen Ehren kam. Die Existenz der anderen Diensteinheiten verschwieg man konsequent. Kein Wunder, waren Sie doch
ausschließlich nach innen gerichtet.
Für mich stand die „Institution Stasi“ immer in einem Wechselverhältnis zwischen ungeheurem Respekt und Misstrauen. Der Respekt kam daher , dass es sich bei den Mitarbeitern angeblich um
„Handverlesene“ besonders befähigte Leute handeln soll, die ständig schwere Aufgaben bewältigen. Natürlich können die besagten Aufgaben die immer nur „nebulös“ beschrieben wurden nur vom MfS erledigt
werden , von niemanden sonst in der DDR. Das Misstrauen hatte seine Wurzeln in genau den selben Gründen.
Einen ersten Tiefen Riss erlitt meine bisherige Sicht auf diesen Apparat Ende Oktober 1989 , kurz nach der Übernahme der Regierungsgeschäfte durch Erich Krenz.
An einem Nachmittag besuchte mich mein unmittelbarer Vorgesetzter Hauptmann der VP Manfred B. in meinem Dienstzimmer in Dolgelin. Thema Nummer 1 war wie wie eigentlich überall in diesen Tagen die
Lage in der DDR und die Frage „was wohl noch kommen würde“. Gegenüber meinem Chef ( wir waren trotz der erheblichen Unterschieden im Dienstrang „ per Du“) versuchte ich Optimismus zu verbreiten. Als
ich zum Ausdruck brachte , „ dass es der Krenz doch schaffen könnte“ berichtete mir Manfred von der letzten Dienstberatung der VPKA-Führung an der auch Mitarbeiter des MfS teilnahmen. Einer dieser
Mitarbeiter den mein Chef schon seit Jugendzeiten persönlich kannte, nahm ihm nach der Veranstaltung zur Seite. Völlig frustiert hatte ihm sein Jugendfreund anvertraut, dass man innerhalb der
Kreisdienststelle diese Entwicklung wie Sie jetzt zu Tage getreten ist schon seit Jahren gesehen hat. Unzählige Berichte mit all den bekannten Problemen sei es Materialmangel in der Produktion oder
die leeren Geschäfte , all das was die Volksseele zum „Kochen“brachte, war der Kreisleitung der SED und den übergeordneten Stellen seit langem bekannt. Wohl ahnend das er vor dem baldigen Ende seines
Berufslebens stand, schätzte dieser Offizier ein, dass er all die Jahre nur für den Papierkorb gearbeitet hätte.
Bei den Worten meines Chefs war es mir als hätte mir jemand in die Magengrube geschlagen. Ich weiß noch heute das ich schockiert darüber war, wie tief die „Karre wirklich im Dreck“ war. Und die
angeblich unfehlbare Stasi musste hilflos ansehen , wie die Parteiführung ihre Arbeit missachtete.
Eigentlich war ich der Meinung , dass die Lageberichte des MfS genauso mit Phrasen bestückt waren, wie die Leitartikel im Neuen Deutschland. Als aber nach der Wende einige dieser Berichte der
Öffentlichkeit zugänglich machte , zeigte ich mich eines besseren belehrt. Und obwohl die Parteiführung offensichtlich weder die Brisanz des Schriftgutes noch die darin befindlichen Warnungen
erkennen konnte oder wollte, „muckte“ niemand im MfS dagegen auf. Gehorsam bis zum Schluss und das wider besseren Wissen. Das hatte es doch in der deutschen Geschichte schon einmal gegeben, wenn auch
mit weit schlimmeren Konsequenzen.
Untätig war die Staatssicherheit während der Wendezeit freilich auch im Oderland nicht. Auf ihre eigene Weise versuchte Sie in das Geschehen einzugreifen.
Im September erreichte die Fluchtwelle ihren Höhepunkt. Durch einen in ein Übergangslager eingeschleusten Spitzel erfuhr das MfS das eine aus dem Raum Seelow stammende männliche Person mit den
Verhältnissen in diesem Lager offenbar nicht zurecht kam. Seinen Freunden und dabei wohl auch dem Spitzel vertraute der junge Mann an , dass er seinen Schritt bereue.
Das rief das MfS auf den Plan. Eine Angehörige des „Flüchtlings“ bekam Besuch von der Seelower Stasi. Die Frau sollte Kontakt zu ihrem Verwandten aufnehmen und diesen zur Rückkehr in die DDR
„beknien“. Nach seiner Rückkehr sollte er dann als „verlorener Sohn “ im DDR-Fernsehen auftreten. Zur Belohnung sollte dann die Familie eine der (damals) begehrten Plattenbauwohnungen in
Frankfurt(Oder) bekommen. Aus dem Kontigent des MfS, selbstredend! Die rasante Entwicklung der Folgeereignisse verhinderte allerdings die Ausführung dieses Plans.
Wenn es politisch opportun war griff die Stasi immer wieder in den Gang polizeilicher Ermittlungen ein. So konnte eine Straftat die sonst für den Täter erhebliche strafrechtliche Folgen hätte, auch
mal im Einzelfall „unter den Teppich gekehrt werden“. Am Morgen des 08. Oktober 1989 meldete ich mich beim „Operativen Diensthabenden“ zu einer Streife in Dolgelin an. Kaum hatte ich diese angetreten
, kam auch schon ein aufgeregter Bürger um die Ecke gekeucht. Er hatte gerade eben zwei DDR-Fahnen abgerissen und zerknüllt in einem Papierkorb gefunden. Zu diesen Zeiten zumal einen Tag nach dem
vierzigjährigen Gründungsjubiläum war das eine Ungeheuerlichkeit. Nachdem ich meiner Zentrale die Straftat gemeldet hatte , machte ich mich voller Ehrgeiz an die Ermittlungen. Und siehe da der Erfolg
sollte nicht lange auf sich warten lassen. Ein Polizeihelfer gab mir den entscheidenden Hinweis, dass während der abendlichen Tanzveranstaltung jemand betrunken des Saales verwiesen wurde. Und dieser
jemand hatte dann vor dem Saal randaliert und dabei wilde Flüche auf die Partei und Staatsführung ausgestoßen. Und genau dort wo der Trunkenbold seinen Frust heraus brüllte , fand man am nächsten
Morgen die lädierten Fahnen. Natürlich war der Deliquent namentlich bekannt, so dass ich nach kurzer Zeit und „stolz wie Oskar“ meinen Erfolg melden konnte. Nun ja dieser jemand war nicht irgend
jemand, sondern ein Kreistagsabgeordneter der CDU. Mach einiger Zeit teilte mir dann mein Vorgesetzter zu meinem großen Erstaunen mit, dass auf Weisung des MfS sämtliche Eermittlungen einzustellen
sein. Ich sollte die Zeugen zum Stillschweigen "vergattern". Als Begründung wurde mir gesagt, dass man es sich in der jetzigen politischen Situation nicht leisten kann , gegen einen lokal bekannten
Angehörigen einer Blockpartei wegen eines solchen Deliktes zu ermitteln! Die Stasi hatte wieder einmal ihre Allmacht bewiesen .
Doch als im November 1989 die Fassade der Allmacht endgültig zu bröckeln begann, zeigte sich auch wie erstaunlich hilflos das MfS auf die eingetretene Situation reagierte. Das bekannteste Beispiel
ist wohl der peinliche Auftritt des Ministers Erich Mielke vor der Volkskammer. Aber auch die Seelower Stasi zeigte sich unfreiwillig humorvoll. Als die Auflösung der Kreisdienststelle Anfang
Dezember beschlossen war , versuchte man noch schnell möglichst viele Akten zu vernichten. Das konnte natürlich in einer Kleinstadt mit gerade mal 5000 Einwohner nicht lange geheim bleiben. Tagelang
drangen dicke Rauchwolken aus den Schornsteinen des Heizhauses. Diese lösten bei den Anwohnern nicht nur Hustenreiz aus. Die Lokalpresse begann sich von ihrer einstigen Rolle als Sprachrohr der
Partei zu lösen und berichtete über den verdächtigen Qualm und den Verdacht der Anwohner , das hier Aktenvernichtung in großen Stil betrieben wird. Die Antwort der Kreisdienstelle war am nächsten Tag
ebenfalls in der Zeitung zu lesen. Der erstaunte Leser wurde darüber informiert, dass lediglich einige wegen der Strukturveränderungen des MfS aus dem Dienst ausscheidende Mitarbeiter nicht mehr
benötigtes Material verbrennen würden. Es handele sich dabei um Schulungsmaterial keineswegs um Akten, versicherte man seitens des MfS.
Dieser vorsichtig ausgedrückt „unglückliche“ Beitrag war der Tropfen welcher das Fass zum Überlaufen brachte. Am nächsten Tag erfolgte die Besetzung der Dienststelle durch Seelower Bürger. Der
damalige Leiter der Kriminalpolizei und auch der Kreisstaatsanwalt waren bei der Besetzung zugegen. Ihre Anwesenheit verhinderte Übergriffe und gab der Angelegenheit den notwendigen „amtlichen
Anstrich“.
Die Besetzung der Seelower „Stasizentrale“ verfolgte ich nur in der Zeitung b.z.w. In den Gesprächen mit Kollegen. Irgendwie war ich froh, dass ich daran nicht beteiligt war. Die Mitarbeiter von
denen ja die meisten vom Ansehen her bekannt waren ,taten mir einfach leid.Die einst argwöhnig beäugten aber doch mit gewissen Respekt bedachten Angehörigen des MfS erlebten ein trauriges Ende ihrer
beruflichen Laufbahn. Schon Tage vor dem offiziellen Ende der Kreisdienststelle waren sämtliche Räume durch die Bürgerbewegung besetzt und verschlossen. Nachdem Akten; Bewaffnung und Funkausrüstung
verladen waren, nahmen die zur Untätigkeit gezwungenen Stasilleute in der Küche Platz. Der letzte Akt im Seelower „Stasitheater“ hätte durchaus von Richard Wagner erdacht sein können. In einer Reihe
zogen die entlassenen „Tschekisten“ an einem Tisch vorbei auf dem sich ein Karton befand. Jeder musste einzeln seinen Dienstausweis abgeben und dann für immer das Haus verlassen. Ihr einstiger
Dienstherr, die SED hielt sich bedeckt und schwieg. Fast schien es so als ob Sie ob von höherer Stelle versucht wurde , ein paar „Sündenböcke“ für die Krise der DDR zu präsentieren. Die wahren
Ursachen waren viel komplexer. Aber durch seine Tätigkeit hatte das MfS erheblich dazu beigetragen, dass diese Ursachen nicht benannt und beseitigt werden konnten. Erst später als immer mehr Dinge
über die Tätigkeiten der Stasi ans Licht kamen, bemerkte ich wie nahe wir in diesen Tagen an einer Katastrophe waren. Mitte der Neunziger Jahre berichtete der ORB in einer Fernsehsendung über die
geplanten Internierungslager des MfS. Die Kriterien für eine „Vorbeugehaft zu Krisenzeiten“ hätten wohl viele Einwohner des damaligen Kreises Seelow erfüllt. In dieser Sendung zeigte man auch die
Seelower Kreisdienststelle und eine sich auf dem dortigen Gelände befindliche Garage. In diesem relativ engen und kalten Bau sollten Menschen eingesperrt werden. Eine eigens dafür gebaute Gittertür
war erst kurz vor dem Herbst 1989 angeliefert worden und lehnte nun nutzlos an der Wand. Laut den vorhandenen Plänen hätte die Polizei und damit möglicherweise also auch ich!, die Gefangenen bewachen
müssen. Gott sei Dank hatte der rasante Gang der Ereignisse ,darunter die Besetzung und Auflösung der Stasidienststellen, die Ausführung dieser Menschen verachtenden Pläne verhindert. Was wäre
gewesen wenn ich Freunde, Bekannte, Nachbarn zusammengepfercht auf engen Raume hätte bewachen sollen? Ich wäre nie mehr in der Lage auch nur einen von ihnen je wieder in die Augen zu sehen!!
Auch wenn ich in Seelow nicht dabei war, so sollte auch ich noch in den Genuss kommen, ein Objekt der Staatssicherheit bewachen zu dürfen. Und dieses befand sich praktischerweise in meinem damaligen
Wohnort Manschnow. In der Friedensstraße befand sich eine Tischlerei . Gerüchte das da „etwas nicht stimmen würde“ gab es wohl schon vorher. Tatsächlich war dieser Betrieb irgendwann von der
Bezirksverwaltung für Staatssicherheit übernommen worden. Ein Leutnant !und ein Zivilangestellter reparierten und fertigten dort Möbel und andere -hölzerne Dinge- für den täglichen Gebrauch der
einzelnen Stasieinrichtungen an. Es sollte natürlich nicht lange dauern bis im „heißen Herbst 1989“ auch diese Tischlerei in der man noch heimlich eingelagerte Akten vermutete von den Bürgern
umstellt war. Nachdem man den beiden „Holzwürmern von der unsichtbaren Front“ Hausverbot erteilt hatte , durfte jeweils ein Polizist für jeweils zwölf Stunden dort Wache schieben. Allerdings gehörte
zu der Tischlerei auch ein kleines Haus, worin man den Wachdienst einigermaßen angenehm verbringen konnte.
Um 20.00 Uhr übernahm ich an einem kalten Dezembertag meinen Dienst. Ich fand die Räumlichkeiten angesichts der Tatsache das ich bis zum nächsten Morgen dort ausharren sollte, reichlich kalt. Also
rein ins Heizhaus und erstmal ordentlich Kohlen in den Ofen schippen. Zufrieden lümmelte ich mich auf dem alten Sofa welches im Raum stand. Und dort befand sich auch ein Fernseher . Auf der
Mattscheibe flimmerten gerade die Bilder von der Leipziger Montagsdemonstration und das Interview mit einem der Initiatoren. Zu irgendeinem Zeitpunkt war auch davon die Rede, dass man es endlich
geschafft hat die Aktenvernichtungen bei der Staatssicherheit zu stoppen. Die Schornsteine rauchen nicht mehr, hörte ich . Plötzlich lief es mir eiskalt den Rücken runter. Mindestens ein Schornstein
rauchte noch kräftig. Und dafür hatte ich gesorgt. Ich schlich mich auf den Hof und sah das ganze Ausmaß meines Missgeschicks. Der Qualm kam nicht nur dick aus der Esse sondern wurde auch noch zu
allem Unglück von dem dichten Nebel nach unten gedrückt. Es war nur eine Frage der Zeit bis die ersten wütenden Einwohner Manschnows vor dem Blechtor standen, da Sie sicher wenn auch zu Unrecht , die
Vernichtung wichtiger Papiere vermuten könnten. Ich überlegte noch ob ich vielleicht vorsorglich das Volkspolizeikreisamt verständigen sollte, als plötzlich jemand kräftig an die Fensterscheibe
klopfte. Mein armes Herz schlug bestimmt noch lauter , als ich mit zitternden Händen die Gardinen beiseite schob. Zu meiner Erleichterung erkannte ich in der dick vermummten Gestalt meine Frau , die
mir nur das Abendessen vorbei bringen wollte. Um es vorweg zu nehmen , es kam in dieser Nacht niemand mehr. Ob es nun an dem nasskalten Wetter lag so das schlicht und ergreifend keiner auf der Straße
war , so dass die Rauchschwaden unbemerkt abziehen konnten , oder ob andere Gründe eine Rolle spielten werde ich wohl nie erfahren. Ich hätte aber durch mein unbedachtes Handeln in einer ohnehin
„explosiven“ Zeit sehr leicht in arge Erklärungsnöte geraten können.
Auch in den nächsten Monaten und Jahren sollte das Thema -Stasi- noch lange die Gemüter im Oderbruch bewegen.
Die Saat des Mißtrauens in vierzig Jahren DDR gelegt, drohte aufzugehen.
Die ehemalige Kreisdienststelle des MfS in Seelow-Zernikow
2 Kommentare
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#1
sehr lesenswert und historisch wertvoll, obwohl oftmals das kleinliche vp- denken zum vorschein kommt a´la: warum durften die das und wir nicht?
aus dieser neidhaltung entstand missgunst, misstrauen und anschliessend: ein glück, wir sind das nicht gewesen und haben mit denen nichts zu tun...
ansonsten fand ich die o.g. dienstliche geschichte aus dem oderbruch äusserst lesenswert. danke -
#2
Kann mich da Gilbert nur anschließen, eine Menge zu lesen aber äußerst interessant, so dass es nicht abschreckt oder einem schnell zu viel wird.
Respekt für die Mühe aber auch das Ergebnis. 
Herzlich Willkommen im Oderbruch
der Perle Brandenburg-Preußens
