Wulkow bei Booßen

ein Monument der Schande! Die Ruine des Wulkower Schloßes

Es gibt Ortsnamen in Brandenburg,welche man auf der Karte häufiger findet. So gibt es allein im Landkreis Märkisch-Oderland zwei Dörfer dieses Namens. Wulkow bedeutet in der Sprache der Slawen "Dunkler Ort" oder auch "Wolfsaue". Keine der Bezeichnungen assoziert angenehme Gefühle, wenngleich beide heute nicht mehr zutreffen sind.

Dem unweit von Frankfurt (Oder) gelegenen Wulkow/ bei Booßen, wurde in der heutigen Zeit der offizielle Beiname "Ökodorf" verliehen. Nicht zu Unrecht, wie man nach einer ersten Stippvisite feststellen kann. Neben neu errichteten schmucken Eigenheimen, fällt das Ambiente des früheren Gutsgeländes regelrecht ins Auge. Der Speicher und einige der Nebengebäude werden zu kulturellen Zwecken genutzt.

Auch der gegenüberliegende Friedhof, mit seiner im Jahre 1687 errichteten Kirche und der ebenfalls aus historischen Zeiten stammenden Leichenhalle sind einen Besuch wert.

Das  Schloß welches unter anderem in früheren Zeiten im Besitz der renommierten märkischen Adelsfamilie von Burgdorf war, passt da in seinem desolaten Zustand so gar nicht in das Bild. Auf dem ersten Blick wirkt die von Buschwerk und Bäumen umwucherte Ruine fast wie ein verwunschenes Märchenschloß. Jegliche aufkommende falsche Romantik verbietet sich allerdings von selbst, wenn man sich mit der jüngeren Geschichte des historischen Gemäuers beschäftigt.

Im Zweiten Weltkrieg tobten im Frühjahr 1945 auch in Wulkow schwere Kämpfe. Wie durch ein Wunder blieb das Schloß allerdings relativ unbeschädigt. Die damaligen Besitzer, Familie Schulz von Wulkow, erging es in den ersten Nachkriegsjahren ebenso wie alle anderen Adelsfamilien. Die neuen Machthaber stellten sie als Sündenböcke für eine verfehlte Politik dar, enteigneten und vertrieben die Familien.

Das Schloß selbst wurde aber weitergenutzt, so dass es wenigstens erhalten blieb.

Nach der Wende übernahm die "Treuhand" Schloß Wulkow. 1999 wurde es dann versteigert. Die Gemeinde Wulkow welche Pläne mit dem Schloß hatte, unterlag bei der Versteigerung einem offenbar nicht unvermögendem Herrn aus Berlin. Der neue Schloßherr rührte aber, aus welchen Gründen auch immer, keinen Finger für das altehrwürdige Gebäude. Es zerfiel immer mehr, heute befindet es sich in einem erschreckend desolatem Zustand.

Bei näherem Hinsehen kann man an den Fassaden aber noch heute Spuren des einstigen Prunkes erkennen. Auch der Schloßpark mit seinen teilweise mehrere hundert Jahre alten Bäumen, ist noch heute eine Augenweide.

Im August 1759 weilte König Friedrich II. von Preußen einige Tage im Schloß, bevor er mit seiner Armee zur Schlacht nach Kunersdorf aufbrach. Seine Soldaten lagerten zu jener Zeit im Wulkower Schloßpark.

ca. 400 Jahre alte Rotbuche im Wulkower Schloßpark
Im früherem Speicher finden heute Kulturveranstaltungen statt
Die im Jahre 1687 erbaute Kirche
Die Leichenhalle
Verzierung an der Leichenhalle mit den Symbolen des Todes

Die Oderinsel bei Küstrin-Kietz

Wenn diese Eiche reden könnte

Man kann ihn fast übersehen, den schmalen Durchgang welcher auf die viele Jahre gesperrte Oderinsel führt. Nur ein unscheinbares Schild weist verbunden mit dem Hinweis auf "fehlenden Winterdienst, auf das Vorhandensein eines Wanderweges hin. Neugierig geworden trete ich hinein und erblicke Pflasterstrasse, über die sicher schon Generationen von Küstrinern gelaufen sind. Eine uralte Eiche deren ausladende Äste sich in Richtung der träge vorbeifließenden Oder ausbreiten, zieht meine Blicke auf sich. Was und wen hat dieser Baum nicht alles "gesehen", in seinem langem jahrhundertealtem Dasein? Möglicherweise bereits die Soldaten des schwedischen Königs welche im "Dreißigjährigen Krieg" Stadt und Festung Küstrin für einige Jahre besetzt hielten. Ganz sicher hat dieser Baum bereits an dieser Stelle gestanden, als im August 1758 vom Weinberg aus, russische Artillerie die Küstriner Festung beschoss. Binnen zwei Tagen versank der Ort zum ersten Male in Trümmern, konnte aber nach wenigen Jahren wieder aufgebaut werden.

Ein knappes halbes Jahrhundert im trüben Herbst des Jahres 1806 fuhr eine prächtige Kutsche eilends über die nahe gelegene Oderbrücke. In ihr befanden sich keine geringeren als König Friedrich Wilhelm III. von Preußen und seine Ehefrau, die legendäre Königin Luise.

Beide waren auf der Flucht vor den heranahenden Truppen des französischen Kaisers und Eroberers Napoleon Bonaparte, die nach der verhängnisvollen Niederlage von Jena und Auerstädt ganz Preußen zu überrennen drohten.  In der Festung auf dem anderen Oderufer, gegenüber der schon damals imposanten Eiche, rastete das königliche Paar. Der König inspizierte gemeinsam mit dem Kommandanten von Küstrin, Oberst von Ingersleben, die Wälle der Festung. "Wird er die Festung beim Herannahen des Feindes auch tapfer verteitigen?" fragte der selbst anscheinend nicht sehr mutige König besorgt. " Ich werde kämpfen, bis mir das Schnupftuch in der Tasche brennt", versicherte der Kommandant nassforsch.  Kaum war das königliche Flüchtlingspaar weiter in Richtung Osten aufgebrochen, hatte on Ingersleben Gelegenheit zu beweisen, wie ernst ihm seine Worte waren. Ende Oktober 1806 hallten von der nahen Torschreiberbrücke ( die heutige Vorflutbrücke) Musketenschüsse und das angstvolle Gewieher von Pferden herüber.  Was war geschehen?  Ein kleiner Trupp von Zietenhusaren war unter dem Kommando des Leutnants Wilhelm von Falkenhayn zu einem Patrouillerritt in die Umgebung Küstrins aufgebrochen. Eigentlich eine ereignislose Routineaufgabe. An jenem verhängnisvollen Tage allerdings war man bei Manschnow auf eine zahlenmäßig weit überlegene Vorausabteilung der "Grande Armee" Napoleons gestossen. Die Husaren nahmen den Kampf auf und zogen sich in Richtung Küstrin zurück. An der heutigen Vorflutbrücke verschanzten sich die Husaren so gut es ging. Man wollte offensichtlich nicht, dass die strategisch wichtige Oderbrücke in Feindeshand fiel. Lange allerdings konnten sich die Preußen nicht mehr halten. Leutnant von Falkenhayn schickte einen seiner Männer in die nur ein paar hundert Meter entfernte Küstriner Festung um Verstärkung zu holen. Doch der vor kurzem noch so "kampfeslustige" Oberst von Ingersleben, lies seine Männer im Stich. " Ich kann keine Soldaten aus der Festung schicken, sie würden sonst desertieren".  Diese ebeso feige wie dumme Antwort des Kommandanten bedeutete für die Zietenhusaren an der Brücke das Todesurteil. Nach und nach starben alle, einschließlich ihres Offiziers, einen gewaltsamen sinnlosen Tod.

Heute erinnert ein im Jahre 1906 im Beisein des früheren Kriegsministers von Falkenhayn, einem Nachkommen jenes Leutnants gleichen Namens, eingeweihtes schlichtes Denkmal, an die gefallenen Husaren.

Noch am selben Abend schwärmten die Franzosen über das Pflaster der Oderinsel, auf der sich zur damaligen Zeit die Bürgerhäuser der "Langen Vorstadt" und das kleine Dorf Kietz befanden. Französische Soldaten traten unter die Äste der Eiche und winkten hinüber zu den Festunbgswällen., argwöhnisch beoabchtet von den preußischen Soldaten. Andere brachen in die Häuser der "Langen Vorstadt" ein und plünderten die Vorräte. Ohnmächtig mussten die Küstriner all das über sich ergehen lassen. Der Besatzung der Festung Küstrin wäre es ein leichtes gewesen, die Franzosen von der Oderinsel zu vertreiben. Aber Oberst von Ingersleben verbot seinen Soldaten, auch nur einen Schuss abzugeben. Als sich ein Parlamentär der französischen Armee vor den Toren der Festung einfand, begab sich von Ingersleben bereitwillig mit diesem hinüber zur Oderinsel. Dort übergab der Prahlhans im Range eines Oberst, seine schier uneinnahmbare Festung einer Truppe von  gerade einmal 250 feindlichen Soldaten !!! 

Es sollte noch schlimmer kommen. Wenige Tage später zog Napoleon persönlich in Küstrin ein.  "Was für eine schreckliche Festung, deren Eroberung mir das Leben vieler tapferer Soldaten gekostet hätte", rief der Kaiser aus. Das es beim -hätte- geblieben war, verdankte er von Ingersleben. Sein Dankbarkeit gegenüber diesem fragwürdigen Offizier war allerdings begrenzt. Als dieser um die Aufnahme in die napoleonische Armee bat, verweigerte ihm Napoleon dieses. " Er kann einen Mann nicht brauchen, der seinen König verrät" lies er dem treulosen Oberst ausrichten.  Die Herrschaft der Franzosen in Küstrin wurde erst im Jahre 1813 in Frage gestellt. Napoeon musste sich nach verheerenden Niederlagen aus Russland zurückziehen, verfolgt von der Armee des Zaren. Auch die strategisch wichtige Festung Küstrin wurde belagert, konnte zunächst aber nicht eingenommen werden. 1814 zogen Soldaten des wiedererstarkten  Preußens einen weiten Ring um die Festung Küstrin. Von Reitwei und Göritz bis nach Genschmar und Kalenzig sperrte man allen Verkehr in und aus der Festung Küstrin. Hunger und die Mangelerkrankung Skorbut zwangen die Franzosen endlich in die Knie. Vorher aber lies der französische Kommandant noch die "Lange Vorstadt" und Kietz niederbrennen, da deren Häuser das Schussfeld der Franzosen behinderten.

Die Franzosen waren verschwunden, aber die Menschen durften vorerst trotzdem nicht wieder auf die Oderinsel zurückkehren.  Die Bewohner der "Langen  Vorstadt" und die Kietzer durften ihre zerstörten Häuser nicht mehr an der alten Stelle aufbauen. Militärische Gesichtspunkte waren wichtiger, als das Recht auf den alten Wohnplatz. Die Wohnplätze der geplagten Leute  entstanden nur wenige Kilometer weiter westlich, auf dem Territorium des heutigen Dorfes Küstrin-Kietz.

Es dauerte bis zum Jahr 1904 bis endlich wieder Leben auf die Insel zog. Es waren wieder Militärs, auf der Suche nach einem Areal für eine neue Kaserne, welche sich unter den Ästen der Eiche versammelten.

Blick auf das frühere Hauptgebäude der Artilleriekaserne
In wenigen Jahren entstanden Kasernengebäude für die Artillerie. Auch ein Stall für die Zugpferde wurde gebaut. Neuere Waffensysteme machten die Errichtung neuer Festungsanlagen notwendig. Um die Festung entstanden Außenforts und so genannte Lünetten, seperate Verteidungs und Rückzugsanlagen.
Die harte Ausbildung machte die Kehlen der Soldaten durstig.
Auf dem Pappelhorst, direkt am "Überfallwehr", eröffnete eine Gastwirtschaft, in der nicht nur gestandene Militärs ihren Durst löschten.
Aber bald mussten die Soldaten wieder in den Krieg ziehen, welcher als "Erster Weltkrieg" in die Geschichte einging und alles bisher dagewesene in den Schatten stellte. In dichten Kolonnen zogen junge Männer mit feldgrauen Uniformen vorbei an der dicken Eiche, in Richtung des gegenüberliegenden Bahnhofes "Küstrin-Altstadt". Nur wenige von ihnen haben den Baum wiedergesehen. Sie starben irgendwo auf irgendeinem Schlachtfeld in Belgien oder Frankreich, einen sinnlosen Tod.
1918 war dieser von Deutschland verlorene Krieg endlich vorüber! Für Küstrin, jahhundertelang die Stadt des Militärs, bahnten sich unübersehbare Veränderungen an. Wieder hallte der Donner von Expolosionen vom anderen Oderufer, wo sich dei Festung Küstrin befand, herüber. Der "Versailler Vetrag" von den Siegern beschlossen und besiegelt, hatte unter anderem die Entfestigung der Stadt Küstrin beschlossen. Die Festungsmauern wurden gesprengt und abgetragen. Das Militär blieb allerdings auf der Oderinsel, wenn auch stark reduziert.
Ab dem Jahre 1933 schien es in Deutschland und somit auch in Küstrin wieder vorwärts zu gehen. Die vor Jahren aufgegebenen Kasernen füllten sich wieder mit Leben. Kaum jemand merkte, dass sich man auf dem Wege in den völligen Untergang war! 
Über den Kasernenhof schallte im September 1939 die über Rundfunk übertragene Rede Hitlers, der mit Lügen den Überfall auf Polen rechtfertigte. Die angetretenen Soldaten ahnten noch nicht, welches Leid ihnen und ihren Angehörigen in den nächsten Jahren bevorstand.
Im Februar 1945 schlug der von Hitler entfachte Weltenbrand an die Ufer der Oder zurück. SS-General Reinefahrt, auch als "Schlächter von Warschau" bekannt, kommandierte aus einem Keller der Artilleriekaserne, den aussichtslosen Kampf um Küstrin. Wie bereits 1758 versank die Stadt in Trümmern. Auch auf der Oderinsel wurde gekämpft und gestorben. So manch einer fand hier sein Grab und wurde bis heute nicht gefunden.
 

 

Typische russische Verzierungen am Eingang eines Kasernengebäudes
Im Mai 1945 war dieser unseligste und schlimmste aller bisherigen Kriege vorbei. Nicht nur Küstrin, sondern fast ganz Europa lagen in Trümmern.
Einige der Kasernengebäude auf der Oderinsel hatten die Kampfhandlungen überstanden. Eine neue Macht begann sich zu etablieren, auch diese brauchte Soldaten. Eine Formation der so genannten " Kasernierten Volkspolizei" zog in die leeren Kasernengebäude ein. Nun standen wieder Soldaten unter der alten Eiche und blickten auf die trüben Wasser der Oder. Die gegenüberliegende Festung Küstrin hatte endgültig aufgehört zu existieren, ebenso die Küstriner Altstadt.
Das Intermezzo der "Kasernierten Volkspolizei" war nur kurz. Wieder war ein Uniformwechsel angesagt. Von 1946-1991 bestimmten die erdbraunen Uniformen der sowjetischen Armee das Bild auf der Oderinsel. Kaum ein Küstriner konnte sich von sich behaupten, in dieser Zeit die Oderinsel betreten zu haben. Sie wurde zum militärischen Sperrgebiet erklärt. Der Altstadtbahnhof hatte ebenfalls den Krieg überstanden. Aus dem Bahnhofsgebäude wurde nun ein sowjetisches Lazarett. Wo einst Reisende auf die Züge von oder nach Berlin warteten oder sich deutsche Soldaten aus der Artilleriekaserne mit ihren Bräuten trafen,kurierten sich kranke oder verletzte sowjetische Soldaten aus. 1991 zogen die "Russen" ab,aber ihre Spuren kann man noch heute deutlich erkennen. Direkt an der Oderbrücke verkünden Inschriften vom Heimweh und anderen Sehnsüchten der einst hier, tausende Kilometer von ihrer Heimat entfernt stationierten Soldaten. Auch an den Gebäuden erkennt man noch die typisch russischen Verzierungen. Das einstige Kulturhaus, heute eine unzugängliche Ruine, weist noch Tapentreste auf, welche mit russischen Folkloremotiven besetzt ist. Hinweise in russischer Sprache und taktische Zeichen von Einheiten sind weitere unverkennbare Andenken an die einstigen Besatzer.
Heute verfallen die einstigen Kasernenbauten. Wenn es heute über dem Appellplatz pfeift, dann ist es nur der Wind. Ein schmaler Wanderweg gestattet eine Exkursion auf die menschenleere Oderinsel. Zäune versperren bald den Weg, während Hinweisschilder vor einem weiteren Andenken der "sowjetischen Freunde" warnen. Fundmunition! Diese soll sich noch in großer Menge auf der Oderinsel befinden und das Leben unvorsichtiger Wanderer bedrohen. Man sollte diese Warnung unbedingt ernstnehmen!! Am Rande des Wanderweges gibt es aber auch noch andere Schilder. Diese informieren über die vielfältige Tier und Pflanzenwelt der zum Naturschutzgebiet erklärten Oderinsel. So findet man hier die in Deutschland ansonsten fast völlig verschwundene Schwarzpappel. Aber auch seltene Tiere wie der Eisvogel, haben hier ein Refugium gefunden. Deutlich erkennbar sind die Spuren der wohl zahlenmässig stärksten Inselbewohner, des Wildschweins. An den Abenden hallt, statt Gebrüll und Stiefelgetrappel, nur noch das heisere Gebell von Rehböcken über die wie im Dornröschenschlaf liegende Oderinsel. Ich gönne der Natur in diesem Fall ihren Sieg über uns Menschen und freue mich über diese einzigartige Rückeroberung von Lebensraum!

 

 

Auf der Oderinsel findet man Ruhe und Erholung. Ein Blick auf die Oder lässt für Augenblicke den grauen Alltag in den Hintergrund treten

Gedenkstein für Leutnant von Falkenhayn
ehemaliges sowjetisches Wachgebäude am Eingang der Oderinsel

Letschin- Ein Besuch beim " Alten Fritzen"

Blick auf die Gaststätte

Urlaub auf dem Lande ist unbestritten immer eine feine und erholsame Angelegenheit. Aber kann man denn auch gleichzeitig seine Ferien in einem Schauplatz der Weltliteratur verbringen? Und das womöglich noch für wenig Geld? Ja natürlich geht das. Im Oderbruch ist eben alles möglich. Der große deutsche Dichter und Schriftsteller Theodor Fontane weilte um die Mitte des 19. Jahrhunderts mehrfach im Oderbruch, da sein Vater in Letschin eine Apotheke besaß. Der junge Fontane hatte reichlich Muße das Leben in Letschin und die Eigenarten seiner Bewohner zu ergründen. Eines der bekanntesten Werke Fontanes ist die Kriminalnovelle – Unterm Birnbaum-. Dieser Roman wurde von der Defa Anfang der siebziger Jahre mit Angelica Domröse in einer der Hauptrollen verfilmt. Die Inspiration für die Novelle bekam Fontane aus einer Begebenheit die damals für zumindestens Oderbruchweites Aufsehen sorgte. Im Garten einer Letschiner Gaststätte wurde ein Skelett gefunden. Schnell kamen Gerüchte über die Herkunft des Toten auf. Angeblich war vor Jahren ein Handelsreisender verschwunden, welcher vorher in der besagten Gaststätte eine Nacht verbracht hatte. Obwohl es zur damaligen Zeit noch keine „Regenbogenpresse“ gab, konnten Klatsch und Tratsch vernichtend wirken. Dem damaligen Wirt , einen gewissen Fittinger, kostete es die Existenz. Er musste den Ort verlassen und starb später einsam in Lebus. Andere Quellen liefern allerdings eine plausible Erklärung für den misteriösen Skelettfund. In Letschin hatte sich nach 1806 eine französische Einheit einquartiert. Die Soldaten führten sich  als Besatzer auf und drangsalierten die Bevölkerung ein um das andere Mal. Ein Feldwebel der es besonders auf die Letschinnerinen abgesehen hatte, verschwand eines schönen Tages spurlos. Sämtliche Nachforschungen der französischen Armee erbrachten kein Ergebnis. Schon damals munkelte man hinter vorgehaltener Hand, dass der "Franzmann" möglicherweise eines unnatürlichen Todes gestorben sein könnte. Nach dem Abzug der Franzosen im Jahre 1813 geriet die Angelegenheit in Vergessenheit. Erst nach dem Skelettfund erinnerte sich einige ältere Letschiner wieder an den verschwundenen Franzosen. Bei wem es sich bei dem Toten auch immer gehandelt haben mag, für den angehenden Schriftsteller Fontane erwies sich der Fund als "Initialzündung" für dessen Karriere.

Er hat die Begebenheit anschließend mit dichterischer Freiheit ausgeschmückt und dabei nicht nur einen gewöhnlichen „Krimi“ geschrieben, sondern auch eine seltene literarische Milieuschilderung des Ortes Letschin geschaffen. Die Gaststätte in der auch ein großer Teil der Romanhandlung spielt, existiert noch heute unter dem Namen -Zum Alten Fritz-. Ein unscheinares Schild über der Eingangstür kündet von der literarischen Berühmtheit des Hauses. Das Letschiner Milieu des 19.Jahrhunderts findet sich, zumindest teilweise, auch in einem anderen Klassiker Theodor Fontanes wieder. Dem Romanmehrteiler " Vor dem Sturm".  Die mehrfach in der Handlung erwähnt und beschriebene Botenfrau " Hoppenmarieken" hat tatsächlich in Letschin gelebt.  Es handelte sich dabei um die nur 1,40 m große Anna-Marie Hoppe. Sie verdiente ihren Lebensunterhalt durch Botendienste. Dabei war die kleine und laut Zeitgenössischen Aussagen sehr trinkfeste Frau zu Fuß bis nach Küstrin und Wriezen unterwegs. Fontane hatte " Hoppenmarkien" während seines Aufenthaltes in Letschin sicher auch persönlich kennengelernt. Aber auch in anderen Nebenfiguren der zur Zeit der Befreiungskriege um 1813 spielenden Handlung kann man durchaus Einwohner des Ortes jener fernen Tage wiedererkennen. Sicher im Laufe der Zeit wurden einige An und Umbauten in der Gaststätte vollzogen. Doch der ursprüngliche Charme dieser eigentlich untypischen „Dorfkneipe“, in der Theodor Fontane seine Milieustudien betrieb, ist noch heute erhalten.

Das liegt sicher vor allem an dem jetzigen Wirt des -Alten Fritz-, Wolfgang Bartsch. Wolfgang ist nicht nur Kenner und Anhänger Preußens, er lebt die darin verankerten Ideale auch persönlich vor.
Manche verbinden mit dem Begriff Preußen militärischen Drill, Borniertheit und Kadavergehorsam. Für Wolfgang Bartsch bedeutet Preußen in erster Linie Zuverlässigkeit, Disziplin und Pünktlichkeit. Alles Eigenschaften die man im Ausland an uns Deutschen schätzt!
Die Wände des Gastraumes, in dem  der junge Fontane die Letschiner Honorationen beobachtete, werden von historischen Fotos geziert.  Man erhält einen Eindruck wie schön Letschin, vor den Zerstörungen des Zweiten Weltkrieges aussah. Nicht umsonst nannte man das für hiesige Verhältnisse relativ große Dorf, die " heimliche Hauptstadt des Oderbruchs".

Der ganze Stolz von Wolfgang ist aber das liebevoll und sachkundig angelegte -Preußenzimmer-. Hier findet sich alles wissenswertes rund um Preußen und Friedrich dem Großen. In einer Glasvitrine befindet sich eine nachgeschneiderte „königliche Uniform“. Mit dieser trat Wolfgangs der leider viel zu früh verstorbener Schwiegersohn, Uwe Holleschak alias Friedrich der Große, bei verschiedenen Auftritten auf und wurde über die Grenzen Brandenburgs bekannt. Mit dazu beigetragen hat die verblüffende Ähnlichkeit des Darstellers mit dem „ Alten Fritzen“. Der Aufenthalt des echten Königs in Letschin ist in mindest einem Falle historisch verbürgt. Am 23. August  1758 zog die preußische Armee unter königlicher Führung von Manschnow kommend, nach Güstebieser Loose. Dort setzten die Truppen dann über die Oder, um den russischen General Fermor bei Zorndorf zu stellen. Auf den Weg dorthin marschierte man auch durch Letschin. Der König selbst soll in einem Haus für einige Stunden Quartier genommen haben.

 Manch Anekdote über das Oderbruch, seine Bewohner und seine Geschichte(n) weiß Wolfgang dem staunenden Reisenden zu berichten. So mancher hatte hier mehr Zeit verbracht als ursprünglich eingeplant war. Und das lag nicht nur am guten Essen und dem kühlen Bier. Der Hinweis das hier am liebsten – Rexpils- gezapft wird, ist an dieser Stelle eigentlich überflüssig.

In der Gaststätte stehen auch Zimmer für Pensionsgäste bereit. Und keine Angst bisher ist kein weiterer Pensionsgast in Letschin verschwunden.

Nähere Auskünfte bekommen Sie über die Telefonnummer: 033475 /223
Machen Sie doch einfach Urlaub und folgen den Spuren Theodor Fontanes durch das schöne Oderbruch!

Der alte Friedhof von Küstrin-Kietz

Ein Monument unendlichen Schmerzes

Der alte Friedhof von Küstrin-Kietz
Friedhöfe sind seit jeher als Orte der Ruhe und Besinnung bekannt. Das Sie auch als „Jagdgebiet“ für Heimatforscher dienen können ist sicher auch nicht unbekannt. Der alte Friedhof in Küstrin-Kietz in der dortigen Friedensstraße gelegen, gilt da als besonderer Geheimtip. Besondere Umstände haben ihn zu einem -Freiluftmuseum- der besonderen Art werden lassen. Nirgends sonst kann man sich so genau über die Zusammensetzung der Kietzer Bevölkerung in einem Zeitraum von 1820 bis 1945 informieren. 1814 wurden Kietz und die Lange Vorstadt von den damaligen französischen Besatzern niedergebrannt. Nach deren Abzug wurden beide Orte b.z.w. Stadtteile aus militärischen Gründen (die Nähe zur Festung Küstrin hatte sich als ungünstig erwiesen) an ihrem heutigen Standort wiederaufgebaut. Im August1820 erfolgte hier die erste Beisetzung. Der für die an diesem Tag beigesetzten Kinder der Familie Kuhnert errichtete Grabstein ist noch heute erhalten(siehe Foto) Und es waren wirkliche besondere Umstände, welche die alten Grabstellen die ansonsten wahrscheinlich längst eingeebnet wären, der Nachwelt erhielten. Nach Ende des Zweiten Weltkrieges siedelte sich in der Nachbarschaft des Friedhofes eine sowjetische Garnision an. Die Umgebung der Kaserne und damit auch der Friedhof wurden zum Sperrgebiet erklärt. Den Einwohnern wurde untersagt die Anlage zu betreten. Die Natur verlangte ihr Recht und die Grabstätten verschwanden unter Gras und Strauchwerk. Erst 1990 wurde das Areal unter der Leitung des aus Küstrin-Kietz stammenden und jetzt in den Alten Bundesländern lebenden Dr. Joachim Rohr, betreten und in einem beispiellosen Kraftakt beräumt. Schon beim Betreten des Friedhofes wird man von einem eigentümlichen Flair gefangen , dem sich wohl Niemand entziehen kann. Die Grabstellen muten wie die Vitrinen eines Museums an. Man erfährt wer hier in Kietz vor über hundert Jahren als Gutsbesitzer, Lehrer oder Gastwirt fungierte. Kietzergutsbesitzer, Rentier(sprich Rentjee) allesamt Bezeichnungen aus einer versunkenen Epoche. Es macht beklommen, wenn man sich vor Augen führt das die meisten der hier vorkommenden Familiennamen im heutigen Küstrin-Kietz nicht mehr vorkommen. Hamann, Engel, Wilcke, Nieglafe, wohin mag es die Nachkommen dieser einst großen Familien verschlagen haben ? Aus den Inschriften der Steine kann man auch nach langer Zeit noch die Trauer der Angehörigen ersehen. „ Aus der Mitte seiner Lieben gerissen“, die „ Geliebte Gattin“ ist auf verwitterten Gestein zu lesen. Nicht wenige dieser Denkmäler werden von Einschüssen „ verziert“. Zum Ende des Zweiten Weltkrieges bei den Kämpfen um Küstrin wurde auch dieser eigentlich heilige Ort zum Kampfgebiet. Seit einigen Jahren bietet der Friedhof nun endlich auch den hier gefallenen deutschen Soldaten eine würdige Ruhestätte. Eine Bank lädt zum Verweilen ein an diesem Ort der Ruhe und des Nachdenkens. Vögel zwitschern in den Wipfeln der alten Bäume in denen leise der Wind rauscht. Ein wirklich eigenartiger Platz , wo man gleichzeitig an die Schönheit aber auch an die Vergänglichkeit des Lebens erinnert wird.
Bei den den Kämpfen um Küstrin wurde auch dieser eigentlich heilige Ort zum Kampfgebiet. Seit einigen Jahren bietet der Friedhof nun endlich auch den hier gefallenen deutschen Soldaten eine würdige Ruhestätte. Eine Bank lädt zum Verweilen ein an diesem Ort der Ruhe und des Nachdenkens. Vögel zwitschern in den Wipfeln der alten Bäume in denen leise der Wind rauscht. Ein wirklich eigenartiger Platz , wo man gleichzeitig an die Schönheit aber auch an die Vergänglichkeit des Lebens erinnert wird.

Reitwein, kleiner Ort mit großer Geschichte

ehemalige Frankfurter Straße bei Reitwein

Es gibt Orte denen sieht man nicht sofort an, dass in ihnen Geschichte geschrieben wurde. Das sich malerisch an die Hänge der südöstlichsten Ausläufer der „ Seelower Höhen“ anschmiegende, knapp 500 Einwohner zählende Reitwein, gehört unzweifelhaft dazu. Egal ob man sich für die Geschichte der Slawen, Preußens oder des Zweiten Weltkrieges interessiert, hier kommt jeder auf seine Kosten!

Der Eiszeit und den Ausspülungen durch das Schmelzwasser verdankt der Bergrücken in unmittelbarer Nähe des Dorfes seinen Namen. Die so genannte „Reitweiner Nase“ ist weit im Oderbruch und darüber hinaus auf den Höhendörfern sichtbar. Hier in diesen Bergen trifft man auf Schritt und Tritt auf die Spuren und Hinterlassenschaften der Vergangenheit.

Das die Nachwelt heute auf einen relativ guten historischen Wissenschaft zurückgreifen kann, verdankt man zwei Geistlichen. Das ist einmal der in der Mitte des 18.Jahrhunderts in Reitwein wirkende, heimatgeschichtlich interessierte, Pfarrer Ohrt. Und zum anderen sein 150 Jahre später ebenfalls in Reitwein agierende Amtsbruder Paul Schröder. Pfarrer Ohrt verfasste detaillierte Berichte zu Vorgängen im „ Siebenjährigen Krieg“. Darunter befinden sich Aussagen zu einem Überfall der russischen Kosaken im August 1759 auf Reitwein und den sich darin anschließenden Einmarsch der Truppen Friedrich Großen in Reitwein, sowie den Aufenthalt des Preußenkönigs im Ort,  vor und nach der Schlacht bei Kunersdorf.

Besagter Pfarrer dokumentierte aber auch die zahlreichen archäologischen Fundstücke, die meist zufällig ans Tageslicht gerieten.

Paul Schröder fasste die Erinnerungen Pfarrer Ohrts mit anderen interessanten Fakten aus der Ortsgeschichte zusammen und veröffentlichte sie im Jahr 1904 unter dem Titel „ Reitweinsche Merkwürdigkeiten“. Noch heute ist dieses Buch eine unschätzbare Quelle für jeden Geschichtsfreund.

 

Wandervorschlag:

Über die ehemalige Frankfurter Straße zum slawischen Burgwall

Von Reitwein aus zieht sich ein schmaler Hohlweg durch die Berge bis nach Podelzig. Unscheinbar nur auf dem ersten Blick. Denn wir befinden uns jetzt auf der alten Handelsstraße von Leipzig nach Stettin die hier von Frankfurt(Oder) kommend auch Reitwein berührte und zu einem wichtigen Verkehrsknotenpunkt stilisierte. Kaufleute mit Waren beladen fuhren hier zu dem Märkten und Messen. Friedrich der Große zog hier mit seiner Armee im August 1759 von Wulkow kommend weiter nach Kunersdorf. Für die meisten Soldaten wurde es ein Weg ohne Wiederkehr, da die Preußen wenig später von einem vereinigten Heer von Russen und Österreichern verheerend geschlagen wurden. Nach den Worten des damaligen Reitweiner Pfarrers, Ohrt, schleppten sich die ausgehungerten und bei der Hitze vor Durst erschöpften Soldaten von den Bergen kommend weiter in Richtung Oder. Ein Brunnen im Dorf ergab die einzige Möglichkeit den Durst der Soldaten wenigstens etwas zu lindern. Nachdem der letzte „Blaurock“ Reitwein verlassen hatte, war der Brunnen leer geschöpft.
Dieser Weg der den scheinbar unpassenden Namen – Frankfurter Straße- trägt , hat aber auch die geschlagenen Reste der zurückflutenden preußischen Armee gesehen. Manch ein Verwundeter sank am Wegesrand dahin um qualvoll zu sterben. Preußens Glanz und Gloria kam auf diesem Wege beinah zum Erliegen. Im Februar 1945 wurden die Berge Schauplatz der schlimmsten Kämpfe im zu Ende gehenden Zweiten Weltkrieg. Wieder zog Militär über die schmale Straße. Die Berghänge links und rechts tragen noch heute die Spuren dieser Tage. Die Natur bemüht sich die Schützengräben und Einstände mit Grün zu überdecken. Fast erscheint es, als schäme sie sich der Narben die ihr von Menschenhand geschlagen wurden und immer noch das Bild prägen.Und doch überwiegt der friedliche Eindruck. Schmetterlinge umtanzen den Wanderer, während von den Bergen der Gesang verschiedener Vogelarten herüber klingt. Einer dieser Höhenzüge wird Kaiserberg genannt, Warum? Da streiten sich die Gelehrten? Einige meinen, dass hier im Jahre 1109 während der Belagerung von Lebus der deutsche Kaier Heinrich V. mit seinen Kämpfern gestanden hat. Andere wieder sind der Meinung, dass sich auf der Spitze dieses Berges ein Heerlager der Truppen des Kaisers von Schweden befunden hat. Rechterhand grüßt nach weiteren Schritten majestätisch eine riesige Eiche. Ein Schild weist auf das ehrwürdige Alter dieses Baumes hin. Vierhundert Jahre hat er auf dem hölzernen Buckel. Ein stummer Zeuge der die Kaufleute, die geschundenen Preußen und die Soldaten von Wehrmacht und Roter Armee die in einem verbrecherischen Kriege in den Bergen zu tausenden ihr Leben lassen mussten, gesehen hat. Er hat aber auch den berühmten Dichter Theodor Fontane begrüßen können, der hier einen der Schauplätze für seinen Welterfolg – Vor dem Sturm – fand. Über eben diese Frankfurter Straße lies Fontane die Lebuser Landwehr in Richtung Frankfurt marschieren um die dort stationierten Truppen Napoleons zu überfallen.
Lieber Wandersmann, der erste Eindruck hat getäuscht. Du befindest Dich hier auf einem Schauplatz von Weltgeschichte und Literatur!

Auf der linken Seite weist ein kleines Holzschild auf die so genannten Wallberge. Man sollte den Hinweistafeln ruhig folgen, denn es lohnt sich. Die vor ungefähr tausend Jahren aufgeschichteten Wälle sind noch heute deutlich erkennbar. Hinter diesen Wällen befindet sich eine große Freifläche welche ebenfalls von Wällen umgeben ist. Und auch hinter diesen Wällen trifft man erneut auf eine freie Fläche. Die Hänge der Berge bilden an dieser Stelle die natürliche Begrenzung, flankiert vom Nachtigallengrund. Aber wo sind wir jetzt?, wird man sich fragen. Wanderer Du bist mitten in einer alten slawischen Burganlage! Hier lebte einst das Volk der Leubuzzi. Bodenfunde aus den Jahren 1930 und 1977 belegen, dass sich hier einst der Mittelpunkt des slawischen Lebens in der weiten Oderregion befand. Man bedenke, als Christoph Columbus Amerika entdeckte, waren die Wallberge bereits gute fünfhundert Jahre „verwaist“. Und doch haben Sie noch weitere fünfhundert Jahren allen widrigen Einflüssen getrotzt um uns von ihren Erbauern zu berichten. Wer willens ist und Phantasie besitzt kann diese Sprache verstehen. Wanderer schließe die Augen und begebe Dich auf Zeitreise in das 10.Jahrhundert. Du wirst staunen was Du gleich erblicken wirst! Vor dem geistigen Auge tauchen Holzhäuser mit Pferdeköpfen verziert auf. Töpfer gehen ihrer Arbeit nach und drehen an ihren Töpferscheiben manchen später reich verzierten Krug. Man glaubt das Lärmen und das Rufen spielender mit derben Leinensachen bekleideter Kinder zu hören. Ihre Sprache erscheint im ersten Moment fremd. Bei genauerem Hinhören, bemerkst Du die Ähnlichkeit mit russischen oder polnischen Worten. Haustiere laufen umher mitten zwischen den geschäftigen Menschen. Ziegen und Schafe blöken in einem Pferch, während Schweine im Schlamm wühlen. Aus den mit Feldsteinen gemauerten Schornsteinen der Häuser quoll dichter Rauch um dann in den  Himmel zu steigen. Es kommen aber auch die Angehörigen anderer Stämme aus ganz Brandenburg um hier Markt zu halten. Jäger und Fischer bieten ihre Beute an. Hirsch und Lachs sind begehrte aber keinen seltenen Artikel. Im Schutze dieser Burg lies es sich gut und sicher leben.

 

Die Welt ringsum war feindlich. In den Sümpfen und dichten Wäldern lebte manch heute längst ausgestorbenes wildes Getier. Durch die sumpfigen Wäldern trotteten damals noch Bären, während das Geheul der zahlreichen Wolfsrudel in Mondhellen Nächten beängstigend von den Ufern der Oder herüberschallte. Die Rufe der Adler signalisierten Gefahr. Das Schlagen der Kriegstrommel ist zu vernehmen. Aus Richtung Osten näherte sich auf leisen Sohlen der Tod, in Gestalt eines aufstrebenden nach Expansion dürstenden Volkes. Es sind die Polen ein großer slawischer Stamm. Die Archäologen sind bei ihren Grabungen auf Spuren eines großen Brandes gestoßen. Die Erdschichten zeigten sich schwarz verfärbt. Man geht davon aus, dass die Slawenburg in einem Kampf zerstört wurde. Hier auf den Wällen standen Sie die Kämpfer mit den langen Bärten. Bewaffnet mit Holzschwertern oder Pfeil und Bogen und versuchten verzweifelt ihr eigenes und das Leben ihrer Angehörigen zu schützen. Ihre anfeuernden aber auch verzweifelten Rufe und das Wehklagen der Frauen und Kinder sind längst verklungen. Heute weht nur noch der Wind über die leere Fläche auf der einst das Leben pulsierte. Ein Rehbock bricht durch das Unterholz um dann mit heiseren Bellen wieder im Dickicht zu verschwinden. Und danach beherrscht wieder eine fast beklemmende Stille diesen Ort. Trotz intensiver Forschung kann bis heute niemand sagen, was mit den Leubuzzi genau geschehen ist. Wurden Sie in den Kämpfen ausgerottet? Oder ist dieser kleine Volksstamm in dem großen und zahlreichen Volk der Polen die unsere Heimat bis zum 12. Jahrhundert bewohnten, aufgegangen? Vielleicht wird man diese Frage nie wirklich beantworten können. Und doch gibt es noch heute Erinnerungen an dieses geheimnisvolle Volk. Die Stadt Lebus leitet ihren Namen von den Leubuzzi ab. Und auch in der Bezeichnung für eine der größten Wojewodschaften des heutigen Westpolens, Lebuser Land, lebt dieses untergegangene Volk weiter. Die alte Bezeichnung für Reitwein lautet Ruthewyn. Ein Wort aus der Sprache der Leubuzzi, was soviel wie – Weg durch den Sumpf – bedeutet. Bereits im 19.Jahrhundert wurden in den Reitweiner Bergen zahlreiche menschliche Knochen gefunden. Kein geringer als der berühmte Charitearzt Dr.Virchow, untersuchte diese Funde. Er kam zu dem Ergebnis das es sich hierbei um die sterblichen Überreste der slawischen Ureinwohner handelte. In der Sagenwelt des Oderlandes haben die Wallberge ebenfalls ihren Platz gefunden. Aus der großen Volksburg wurde in der Mythologie ein versunkenes Schloss. Es wird berichtet, dass ein Musikant aus Frankfurt(Oder) welcher sich auf dem Heimweg von Küstrin befand, einmal in den Wallbergen eine kurze Rast einlegte um sein Mittagessen einzunehmen. Plötzlich übermannte ihn eine große Müdigkeit. Der Schlaf war aber nur von kurzer Dauer ( so meinte jedenfalls der Musikant) da er von einer seltsamen Gestalt geweckt wurde. Bei dieser handelte es sich unverkennbar um einen Lakaien oder Diener, dessen Bekleidung aber schon seit Hunderten von Jahren aus der Mode gekommen zu sein schien. Stumm nahm ihn der Diener an die Hand. Beide begaben sich zu einem großen prunkvollen Schloss von dessen Existenz der Musikant noch nie etwas gehört hatte. Er wunderte sich das er das prächtige Gemäuer nicht schon vorher bemerkt hatte. Ein stummer Hofstaat ebenfalls in altertümlichen Gewändern gehüllt, saß vor einer langen gedeckten Tafel. Niemand sprach ein Wort, während dessen der Musiker mit wehmütig scheinenden Blicken gemustert wurde. Ihm wurde jetzt unheimlich. Auf sein Bitten gehen zu dürfen, wurde er von dem stummen Diener bis an den westlichen Rand der Wallberge in Richtung Frankfurter Straße zurückbegleitet. Das unheimliche Gefühl verstärkte sich jetzt noch und in eiligen Schritten hastete er in seine Heimatstadt zurück. Doch wie sah es dort aus ? Alles hatte sich verändert und von seinen Angehörigen lebte niemand mehr. Nur ein Uraltes Mütterchen wusste noch von einer Geschichte, wo nach vor hundert Jahren ein Musiker aus Frankfurt in den Reitweiner Bergen verschollen gegangen sei. Mit Entsetzen wurde ihm jetzt bewusst, das er hundert Jahre und nicht kurze Zeit wie er glaubte, in den Wallbergen verschlafen hatte.-
Ein plötzliches Frösteln überkommt mich. Liegt es nun an der Geschichte die mir eben in den Sinn kam , oder an der aufsteigenden Abendkühle? Vielleicht ist es aber auch dieser Ort, welcher vor langer Zeit Schauplatz einer schlimmen Tragödie wurde. Ich wende mich ein letztes Male um und schaue zurück auf den Wall und denke an die verschwundenen Leubuzzi, die Mayas des Oderbruchs.

 

 

 

 

 

 

Eingang zum Burgwall
Innenbereich des Burgwalls
Tonscherbe aus dem Burgwall